Wickeln, Wiegen, Wagen schieben - Junge Mädchen proben Mutterschaft
Von Anne Gottschalk, dpa

   Schwerin, dpa - Sarahs Wangen glühen rot vor Aufregung, als
sie das künstliche Baby auf den Arm nimmt. Die Schwangerschaft probte
sie nur ein paar Minuten. Dafür wurde ihr eine 14 Kilogramm schwere
Weste umgeschnallt. Die 18-Jährige will in dem Projekt
«Babybedenkzeit» in Schwerin testen, was es heißt, Mutter zu sein.
Vorsorglich hat sie einen Kinderwagen mitgebracht. Die ebenfalls
18-jährige Maria ist im 6. Monat schwanger und beobachtet das
Geschehen eher teilnahmslos. Beide Mädchen wurden von der Jugendhilfe
Schwerin in das freiwillige Projekt vermittelt. Mit einem
Säuglingssimulator machen sie eine Art «Praktikum als Eltern»,
erzählt Projektleiterin Barbara Guth.

   Die 46-jährige Sozialpädagogin bietet in Schulen und Vereinen die
mehrtägigen Probezeiten an. Mit dem Projekt soll auch Überforderungen
vorgebeugt werden. Am Dienstag vergangener Woche war in Schwerin die
fünfjährige Lea-Sophie verhungert und verdurstet, weil ihre Eltern
sie offenbar seit Monaten nicht mehr richtig versorgt hatten.

   Die Simulatoren können all das, was auch echte Babys in den ersten
Wochen ununterbrochen tun: schlafen, schreien, schmatzen. Über einen
programmierbaren Computerchip werden die Puppen, die auch gewindelt
werden wollen, eingestellt. Jedes Mädchen trägt ein Armband, daran
«erkennt» das Baby seine «Mutter». «Die Puppen werden aus den USA
eingeflogen, haben Langzeitbatterien und kosten etwa 800 Euro»,
erzählt Guth.

   Die Sozialpädagogin leitet das Projekt seit 2004 und hat seitdem
mehr als 400 Teilnehmer betreut, Mädchen und auch Paare. Bislang habe
niemand die Puppen absichtlich misshandelt. Einige hätten den Test
vorzeitig abgebrochen, aber auch das sei möglich, betont Guth. Über
eine Hotline ist sie für die Probe-Eltern Tag und Nacht erreichbar,
um Mut zu machen und notfalls einzugreifen.

   Im Fall der schwangeren Maria war genau das nötig. Nach der ersten
Nacht mit dem Säuglingssimulator bricht die 18-Jährige den Versuch
dennoch ab. «Sie ist völlig fertig», berichtet eine Betreuerin. Auch
der Freund und werdende Vater «habe die Nase voll» von der ständig
Aufmerksamkeit fordernden Puppe. Maria kommt trotzdem nochmal zum
Gruppentreffen und gibt den Simulator zurück. Zum Abschied sagt sie:
«Es war 'ne Erfahrung wert». Wie Maria in absehbarer Zeit ihre eigene
Mutterschaft bewältigen wird, bleibt offen.

   Sarah ist dagegen über Nacht in der Mutterrolle völlig
aufgegangen. Babypuppe «Danny» ist neu eingekleidet und sogar
eingecremt. «So schlimm war die Nacht nicht», versichert die 18-
Jährige. «Die meisten Mädchen sprechen die Puppe sehr schnell mit
Namen an und sind sehr zärtlich», sagt Guth. Manche müssten nach dem
Projekt wieder regelrecht in die Realität zurückgeholt werden.

   Vier Tage und Nächte später fällt Sarah der Abschied von «Danny»
nicht leicht, obwohl sie unter akutem Schlafmangel leidet. «Ich hätte
es gern noch länger gemacht», sagt das Mädchen. Allerdings sei sie
sicher, jetzt noch kein Kind zu wollen. Viele Jugendliche hätten ein
Erfolgserlebnis nach der konkreten Erfahrung am «lebendigen Beispiel»
und seien aktiver bei der Jobsuche und einer konkreten Lebens- und
Familienplanung, meint Guth.

   Das Baby-Projekt stößt auf Zustimmung. Immer mehr Schulen in
Mecklenburg-Vorpommern wollen die «Babybedenkzeit» anbieten. Denn die
Zahl der Teenieschwangerschaften steigt weiter. Von 100 000 Mädchen
zwischen 12 und 14 Jahren im Nordosten wurden 1996 nach Angaben des
Statistischen Amtes 51 schwanger. 2005 gab es mit 182 schon mehr als
drei Mal so viele sogenannte Frühschwangerschaften.

   Viele Mädchen aus sozial schwachen Familien glauben, mit einem
Kind ihre Lebenssituation zu verbessern. «Sie suchen Nestwärme und
sagen sich: Wenn ich keine Lehrstelle finde, bekomme ich eben ein
Kind», berichtet die 46-Jährige von ihren Erfahrungen. Als Leiterin
der Schwangerschaftsberatungsstelle in Sternberg (Kreis Parchim) hat
Guth mindestens ein Mal im Jahr eine 13-jährige Schwangere vor sich
sitzen. Aufklärung ist deshalb der zweite Schwerpunkt ihrer Arbeit.
Denn egal ob Jugendliche aus dem Gymnasium oder der Förderschule:
«Mutter und Vater werden sie alle auf die gleiche Art und Weise».

(Internet: www.babybedenkzeit.de)


Erstellt: 26.11.2007 20:25

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