Von Westfalen nach Afrika: Hilfe für die Ärmsten
Von Bernd Kubisch, dpa
Addis Abeba (dpa) Er ist elf Jahre jung, schwarz und blind. Doch

wenn Miki weiter gut in der Schule ist, kriegt er einen Job. «Ich
möchte Rechtsanwalt werden». Martin Gossens aus Westfalen legt dem
11-Jährigen im Pausenhof ermunternd die Hand auf die Schulter. Miki
lächelt. Knapp 300 Kinder in blauen Schuluniformen lärmen, palavern,
knabbern an ihrem großen, runden Weißbrot. Ein Mädchen läuft auf
Krücken, andere Kids führen ihre blinden Mitschüler über den Hof.

Gossens ist Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD) in Äthiopiens Hauptstadt. «Ich bin von der
Landeskirche Westfalen freigestellt.» Er arbeitet seit März 2006 an
der Kreuzkirchengemeinde in Addis Abeba, zu der die Schule mit 1200
Kindern und Jugendlichen aus besonders armen Familien gehört. Auch
die Kindernothilfe in Duisburg und die Christoffel Blindenmission im
hessischen Bensheim unterstützen sie. Der Pfarrer: «Unser Modell
funktioniert, auch die Integration von je zwei Blinden in jeder
Klasse. Die sind besonders ehrgeizig, haben gute Zeugnisse, bekommen
später so gut wie alle einen Job.» Die Schule, offiziell German
Church School, arbeitet in Schichten und auch samstags.

Gossens, geboren in Hannover, aufgewachsen in Bielefeld, hat in
Bethel, Erlangen und Tübingen sowie im englischen Cambridge studiert
und als Vikar in Bochum gearbeitet. Viele Jahre war er Pfarrer in
Lüdenscheid im Sauerland, auch an einer Kreuzkirche. Der Wechsel nach
Afrika musste gut überlegt werden. Zu dem spannenden Job mit 10-
Stunden-Tag in der 2500 Meter hoch gelegenen Hauptstadt «hat mich
auch meine Frau Sabine ermuntert», erzählt Gossens. «Lass uns ins
Ausland gehen. Dort gibt es viel zu sehen und zu tun», sagte sie zu
ihrem Mann. Auch dem war klar, dass ein guter Seelsorger und seine
Nächstenliebe in dem bitterarmen Land, in dem mehr Äthiopisch-
Othodoxe und Muslime als Protestanten leben, gebraucht werden.

Der älteste Sohn Johannes ist im Sommer 2008 nach Deutschland
zurückgekehrt und hat gerade seinen Zivildienst in Essen im
Sozialwerk des CVJM beendet. Der Rest der Familie lebt in Äthiopien.
Der 15-jährige Sohn Christoph und die 17 Jahre alte Tochter Lena
gehen auf die Deutsche Botschaftsschule in Addis Abeba. Auch Hund
«Fokko» scheint die Höhenluft zu bekommen.

Die Kreuzkirche mit Schule, Gemeinde- und Pfarrhaus, blühenden
Pflanzen, engagierten Mitgliedern und Wohltätern «ist ein
Vorzeigeprojekt», sagt der Pfarrer. Nicht weit entfernt beginnen die
Häuschen und Hütten der Armensiedlung. Die Familien dort verdienen
meist keine 70 Euro im Monat. Pfarrer, Lehrer und Gemeindemitglieder
versuchen für Schulbesuch, Kleidung, Medizin und tägliches Brot die
Allerärmsten, die sonst auf der Straße betteln würden, so gerecht wie
möglich auszuwählen.

Im Garten der Gossens wachsen neben tropischem Nadelbaum,
Stechpalme und Bananenstaude auch rote Rosen. Von der Schule klingt
Gesang in das riesige Wohnzimmer mit Kamin, afrikanischen
Holzskulpturen und Spielzeug auf der Erde. «Hier findet manchmal
Kindergottesdienst mit 30 Kindern statt», erläutert der Theologe.

Den Grundstein zum Gotteshaus hatte 1964 Bundespräsident Heinrich
Lübke gelegt. Und 40 Jahre später kam Kanzler Gerhard Schröder, um
die Schule zu besuchen. Die Gemeinde hat 185 Mitglieder, alle sehr
aktiv. Jeder fünfte ist Katholik. Die Schule ist das Sozialprojekt
der deutschsprachigen Gemeinde in Äthiopien. Der Pfarrer und seine
Familie haben durch Internet und E-Mail-Verkehr weiter engen Kontakt
zur alten Heimat. «Und ich erhalte regelmäßig den Newsletter meiner
Gemeinde in Lüdenscheid und der westfälischen Landeskirche.».
Voraussichtlich 2012 geht es zurück nach NRW. Bis dahin empfiehlt die
Pfarrersfamilie Verwandten und guten Freunden: «Kommt uns in
Äthiopien besuchen. Menschen und Klima sind freundlich.» Bei zehn
Grad (plus) im Winter kommen dann aber Holzscheite in den Kamin.

Internet:    www.kk-addis.de


   zurück zur Seite Helferinnen und Helfer, Hilfen und Hilfsmittel