Foto gestäführerin Heidrun rener mit einer Touristengruppe auf dem Römerberg in Frankfurt

Überraschte Japaner und erstaunte Amerikaner

Touristische Rundgänge zeigen die vielen Facetten Frankfurts

 

Sommerzeit – Touristenzeit. Auch Frankfurt zieht Besucher aus aller Welt an und verzeichnet jedes Jahr wachsende Gästezahlen. Skyline, Banken und und Euro – das sind die Etiketten, die mit der Mainstadt verbunden werden. Dass Frankfurt noch viel mehr und ganz Unerwartetes zu bieten hat, wird bei einer Führung durch die Stadt zumeist schnell deutlich.

 

Frankfurt am Main (pia/24.5.05) „Hier litt Goethe unter der strengen Fuchtel seines Vaters“, erklärt Heidrun Rehner ihren Zuhörern. Mit neun Studenten des Goethe-Instituts steht die Gästeführerin vor dem Elternhaus des berühmtesten Frankfurters. Die Besucher aus aller Welt erfahren, dass Goethe hier den „Ur-Faust“ schrieb und dass seine Familie zwar wohlsituiert, aber nicht adelig war: „Das ,von’ bekam der Dichter erst später in Weimar verliehen.“ Kurz danach entdeckt eine Japanerin auf dem Rundgang ganz überrascht „richtig schöne Bäume“, die in Frankfurt blühen. Dass Frankfurt auch eine ausgesprochen „grüne“ Stadt ist, mit baumbestandenen alten Wohnvierteln und herrlichen Parks, das haben viele der Besucher, die nur das Image der Bankenstadt im Kopf haben, vorher nicht geahnt! Und mitten in der City, im Foyer des Commerzbank-Hochhauses, kann Rehner dann den erstaunten Studenten noch berichten, dass sogar in Frankfurts höchstem Wolkenkratzer die Bäume über drei Stockwerke hinweg wachsen.

 

Frankfurt verzeichnet stetig wachsende Besucherzahlen: Im vergangenen Jahr haben mehr als 2,5 Millionen Gäste die Mainstadt besucht, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 11,5 Prozent. Die meisten Auslandsgäste, jeder fünfte Besucher, kamen aus den USA. Ins Auge sticht insbesondere, dass die Zahl der chinesischen Gäste in Frankfurt deutlich zugenommen hat: Gegenüber dem Jahr 2003 ist sie um 56,4 Prozent angestiegen. Den Frankfurt-Besuchern aus aller Welt werden jedes Jahr Tausende Führungen geboten. Zu den Organisatoren der Rundgänge gehören unter anderem die städtische Tourismus + Congress GmbH, aber auch private Anbieter wie der Freundeskreis Liebenswertes Frankfurt oder die Kulturothek. Die Themenpalette scheint unerschöpflich: Die Führungen widmen sich der Architektur, der Kriminalgeschichte oder der zeitgenössischen Kunst, sie gehen in den Stadtwald oder zum Hauptfriedhof, sie stellen Kinderspiele und Frauenleben der vergangenen Jahrhunderte vor. Im Schiller-Jubiläumsjahr darf ein Angebot zu Goethes Dichter-Kollegen natürlich nicht fehlen, auch die Spurensuche ins jüdische Frankfurt steht regelmäßig auf dem Programm. Am meisten Spaß machen Heidrun Rehner aber die ganz allgemeinen Einführungen in die Stadt: „Damit leisten wir Image-Arbeit an der Basis und korrigieren den schlechten Ruf, den Frankfurt teilweise hat.“

 

Unterwegs mit der Gästeführerin zeigt sich, dass tatsächlich bei manchem Gast das vorgefertigte Frankfurt-Bild auf den Kopf gestellt wird. „Vom Flugzeug aus wirkt Frankfurt wie eine unserer Städte“, sagt ein US-Amerikaner. „Die historische Seite ist völlig neu für mich.“ Auf ihrem Rundgang durchs Zentrum erläutert Rehner den Studenten, dass die Börse der Stadt schon 420 Jahre alt ist. Sie erwähnt die berühmten Denker der Frankfurter Schule wie Adorno und Horkheimer und empfiehlt einen Abstecher ins 55. Stockwerk des Main-Towers. Auch Joschka Fischers Vergangenheit als rebellischer 68-er kommt nicht zu kurz. Führt Heidrun Rehner Geschäftsleute, die normalerweise nur den Flughafen kennen, ins historische Frankfurt, dann hört sie häufig die typische Reaktion: „Das hätte ich längst machen sollen.“

 

Allein die Tourismus + Congress GmbH (TCF) beschäftigt 60 Gästeführer, vom Student über die Architektin bis hin zum Theologen. Sie haben sich jeweils auf Themenschwerpunkte spezialisiert und beherrschen gemeinsam mehr als 20 Sprachen wie persisch, mandarin-chinesisch oder litauisch. Wer sich ihnen anschließen will, muss eine dreimonatige Ausbildung durchlaufen; Ende des Jahres beginnt die nächste Runde. „Am Ende steht eine richtig schwere Prüfung“, berichtet Heidrun Rehner, die seit zwei Jahren künftige Kollegen unterrichtet. Natürlich sind die touristischen „Klassiker“, Goethe-Haus, Museumsufer und Römerberg, Angelpunkte der Führungen. Durch zahlreiche Jubel-Empfänge ist der Balkon am Römer allen Fußballfans ein Begriff, „selbst wenn sie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen“, sagt die Gästeführerin. Aber woher hat der Römer seinen Namen? „Weil hier die Kaufleute aus Rom schon vor 600 Jahren ihre Waren verkauften.“ Künftig werden die Studenten des Goethe-Instituts mit einem neuen Blick durch die Straßen der Mainmetropole gehen. Und Heidrun Rehner zitiert zum Abschluss die Frankfurter Autorin Eva Demski, die ihre Heimatstadt wie einen Mischlingshund liebt: „Sie ist nicht die Schönste, hat aber unheimlich viel Charakter.“

                                                                                            Nicole Unruh

 

 

Informationen zu den Rundgängen gibt es unter anderem bei der Tourismus + Congress GmbH unter Telefon 069/21 23 89 53, www.frankfurt-tourismus.de und bei der Kulturothek, Telefon 069/28 10 10, www.kulturothek.de.

 

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