Essen, Kleidung und Wärme: «Tante E.» hilft Straßenkindern in Leipzig
Von Joachim Baier, dpa
   Leipzig (dpa) - Zwei Sechsjährige kommen herein. «Habt ihr gefrühstückt», fragt Gabi Edler. Kopfschütteln. «Und zu Mittag gegessen?» Wieder Kopfschütteln. Für die 63-Jährige keine ungewohnte Situation. Seit fast 15 Jahren kümmert sie sich in Leipzig um Straßenkinder. Das Haus «Tante E.» ist laut Edler Anlaufstation für alle, «die den ganzen Tag auf der Straße sind und nichts zu essen haben». Sieben Tage die Woche, von 11.00 bis 21.00 Uhr. Neben einer Mahlzeit gibt es Kleidung, Möglichkeiten zum Duschen, zum Sporttreiben, zum PC-Spielen - und menschliche Wärme.

   «Bei mir steht keiner vor der Tür und darf nicht rein», erklärt die engagierte Vorruheständlerin ihre Arbeit. «Wer Hunger hat, kann kommen.» Meist sind es Alkohol und Gewalt, die die Kinder und Jugendlichen von zu Hause vertreiben. Mitunter drängen sich bis zu 30 junge Menschen in den Räumen.

   Die Angaben über die Zahl der Straßenkinder in Deutschland gehen deutlich auseinander, je nachdem, wie der Begriff definiert wird. Das Kinderhilfswerk terre des hommes kam vor wenigen Jahren auf rund 9000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Stiftung «Off Road Kids» im baden-württembergischen Bad Dürrheim schätzt, dass es mehrere hundert Straßenkinder gibt, wenn darunter nur Minderjährige verstanden werden.

   Ohne ihre Helfer käme Gabi Edler nicht weit. Acht Ehrenamtliche stehen ihr in ihrem Verein «Straßenkinder« zur Seite, es gibt zwei Sozialarbeiter. Alles wird aus Spenden finanziert. Oft bringen Freunde nach dem Einkaufen einfach etwas vorbei. Restaurants stellen Essen zur Verfügung, Firmen spenden Kleidung, Computer und Sportgeräte, Handwerker packen mit an. «Tante E.» ist bekannt in Leipzig. Was nicht gebraucht wird, wird weitergereicht: an Kinderheime, Frauenhäuser und auch an einen Obdachlosen-Treff. Das Leipziger Jugendamt begrüßt solch ehrenamtliches Engagement. «Wir sind froh, dass es das gibt», sagt Sozialarbeiter Lutz Wiederanders.

   Angefangen hat alles vor fast 15 Jahren. Als die heute 63-Jährige in Frankfurt/Main war und Kinder und Jugendliche dort am Hauptbahnhof herumlungern sah, war ihr klar, dass auch Leipzig von solch einer Entwicklung nicht verschont bleiben würde. Als sie dann hier ein Jugendlicher anbettelte, sagte Edler nur: «Du kriegst kein Geld. Aber ich lade Dich zum Bäcker ein.» Schließlich knüpfte sie Kontakt zu Straßenkindern am Hauptbahnhof. «Als es kalt wurde, habe ich gesagt:
Kommt Weihnachten zu mir.» 17 Kinder in einer 56-Quadratmeter- Wohnung.

   Nicht alles ist Edler gelungen. Als sie eine Drogenabhängige mit nach Hause nahm, merkte sie, dass sie an ihre Grenzen stößt. Aber gleich mit dem nächsten Satz erzählt sie von einem 28-Jährigen, der sie kürzlich bei ihrer Geburtstagsfeier überraschte. Der junge Mann war früher drogenabhängig, heute ist er Abteilungsleiter. «Ich kann nicht alle retten», sagt sie. «Aber ein paar wären schon Klasse.»

(Internet: www.strassenkinder-leipzig.de; www.offroadkids.de; terre des hommes: www.tdh.de)

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