Supermarkt in Wedel bietet müheloses Einkaufen trotz Behinderung
Von Michael Rahn, dpa

   Wedel, dpa In diesem Supermarkt findet sich Renate
Kokartis zurecht, obwohl sie blind ist. Mit Hilfe eines Reliefplans
kann sich die 64 Jahre alte Frau orientieren. Hier findet Volker
König Gehör, obwohl er fast taub ist. Vor dem Frischfleischtresen und
an der Kasse stellt er sein Hörgerät auf die Funkfrequenz ein, die
ihn direkt mit der Verkäuferin ins Gespräch bringt.

   Das sind zwei von insgesamt 26 technischen und mechanischen
Hilfen, mit denen der Kaufmann Volker Klein seinen neuen Supermarkt
in Wedel (Kreis Pinneberg) ausgestattet hat. Das Konzept dafür hat
er gemeinsam mit der vom blinden Ingenieur Volker König geführten
Behindertenarbeitsgemeinschaft der Stadt erarbeitet. Neben
technischen Hilfen für Hör- und Sehbehinderte gehören dazu breite
Gänge, spezielle Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer und
Gehbehinderte, breite Gänge für Mütter mit Kinderwagen, eine Sitz-
und Ruhebank mitten im Geschäft sowie Leselupen. Rund 30 000 Euro
hat Klein dafür investiert.

   «Ich bin durch die Behindertenarbeitsgemeinschaft für das Thema
sensibilisiert worden», sagt der Kaufmann. Zudem habe er vor kurzem
nach einer Operation drei Monate Jahr an Krücken gehen müssen. So
habe er die Barrieren beim Einkaufen und anderswo im Alltag am
eigenen Leib erlebt.

   «Das Wedeler Modell sollte Vorbild für alle anderen Märkte
Deutschland sein», sagte der Behindertenbeauftragte der
Landesregierung, Ulrich Hase, am Dienstag bei einem Besuch in Wedel.
In den USA seien solche barrierefreien Märkte in vielen Gegenden
bereits normal. Auch in Süddeutschland gebe es besondere «Märkte der
Generationen». In Schleswig-Holstein sei ihm so ein umfassendes
Konzept wie in Wedel noch nicht bekannt.

   Kunden nehmen die besondere Ausstattung gern wahr. Die 35 Jahre
alte Katja Wichmann, Mutter von zwei Kindern, kann so «schnell mit
dem Kinderwagen durch die breiten Gänge» schieben. Helga Groth, 73
Jahre alt, lobt das «angenehme Licht», denn Volker Klein hat auf
Leuchtstoffröhren komplett verzichtet.

   Nach Ansicht des Landesbehindertenbeauftragten werden sich alle
Supermärkte auf barrierefreies Einkaufen einrichten müssen. «Immer
mehr Menschen werden älter und ihre Handicaps wachsen. Ich kenne
keinen Menschen, der keine Macke hat. Wir sind doch alle potenzielle
Schwerbehinderte», sagt der Landesbeauftragte.

   Was im Wedeler Markt passiert, ist selbstverständlich noch nicht
ausgereizt: Demnächst soll ein Gerät angeschafft werden, dass sowohl
Preise als auch andere Angaben zur Ware automatisch erkennt und
ansagt. Renate Kokartis freut sich darauf: «Dann weiß ich endlich,
auch ohne Sehen zu können, ob ich eine Dose mit Pfirsich oder Mais
in der Hand halte.»


Erstellt: 20.11.2007 19:52

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