soziales Gewissen - Abbé Pierre lebte für die Armen
Von Hans-Hermann Nikolei,

   Paris (dpa) - Frankreich hat einen «Heiligen» verloren. Wie kein anderer verkörperte Abbé Pierre, dieser kleine, schmächtige Geistliche, das «soziale Gewissen» der Grande Nation. Sein Einsatz für Obdachlose in der Nachkriegszeit bleibt unvergessen. Mit seinem Charisma rief er eine Sozialbewegung ins Leben, die weit über Frankreichs Grenzen hinaus wirkt und zu einer mächtigen politischen Kraft in seiner Heimat geworden ist. Am Montag starb Abbé Pierre, der wie Mutter Teresa sich für gelebte christliche Nächstenliebe einsetzte, 94-jährig in einem Pariser Krankenhaus.

   Sein Leben lang hatte Abbé Pierre inmitten der Konsumgesellschaft bescheiden und beharrlich für die Bedürftigen gewirkt. «Ganz Frankreich ist ergriffen», sagte Präsident Jacques Chirac am Montag zum Tode des Jesuitenschülers. Und es war diesmal keine Floskel.
Selbst in den geschäftigen Pariser Bistrots war tiefe Betroffenheit spürbar, als die Todesnachricht im Rundfunk lief.

   Abbé Pierre machte keinen Unterschied zwischen den Menschen und ihren Religionen, Nationalitäten und Hautfarben. Seine erste wohltätige «Gemeinschaft der Lumpensammler» gründete der frühere Kapuzinermönch mit einem lebensmüden Vatermörder. «Ich habe ihm
gesagt: "Da Du sterben willst, bist Du frei. Dich kann nichts mehr zurückhalten. Also hilf mir, bevor Du Dich selbst umbringst."»

   Das war 1949, als Frankreich unter dem Mangel der Nachkriegszeit litt und Paris von elenden Hüttenvierteln umgeben war. Die Idee war
einfach: Abbé Pierre sammelte Verzweifelte und Wohlgesonnene um sich, um Lumpen und alte Gegenstände zu sammeln und für die Ärmsten der Armen zu verwenden. Seine Gemeinde benannte er nach Emmaus, dem Ort bei Jerusalem, wo verzweifelte Jünger Jesu nach dessen Kreuzigung Zuflucht gesucht hatten.

   Zu einem «nationalen Phänomen» wurde Abbé Pierre im eiskalten Winter 1953/54. Zornig und eindringlich rief der Priester den Franzosen im Rundfunk die Not der Clochards ins Gedächtnis. «Meine Freunde, zur Hilfe! Eine Frau ist heute Nacht um drei Uhr erfroren!» Sein Hilferuf fand ungeahnten Widerhall. Viele Menschen sprangen ihm zur Seite, Medien und Politik nahmen sich der Obdachlosen an und seine Emmaus-Gemeinden wurden zu einer nationalen Bewegung. Heute sprechen Historiker von einem «Aufstand der Güte». Abbé Pierre sei «ein Pilger der Obdachlosen und Vorkämpfer der Menschenwürde», erklärte die katholische Bischofskonferenz Frankreichs.

   Abbé Pierre wurde am 5. August 1912 bei Lyon als Fabrikantensohn Henri de Grouès geboren und trat mit 18 Jahren in den Kapuzinerorden ein. Im Zweiten Weltkrieg ging er in den Widerstand gegen Nazi- Deutschland und nahm im Untergrund den Decknamen Abbé Pierre an.
Seine Entschlossenheit und Kampfbereitschaft behielt der Priester bis ins hohe Alter. Noch mit 82 Jahren führte er in Paris Obdachlose bei einer spektakulären Hausbesetzung an. «Bewahren wir uns die Ungeduld des Handelns und bewahren wir uns dabei den Zorn», schrieb er 1994.
So werde die Empörung zur «Kraft, die christliche Liebe zum Mitmenschen beweist.»

   Heute umfasst die Emmaus-Bewegung mehr als 500 Vereinigungen in mehr als 40 Ländern, darunter Deutschland. Abbé Pierres Jünger bereiten Trinkwasser in Afrika, helfen deutschen Obdachlosen und südamerikanischen Straßenkindern. Alleine Emmaüs France zählt 115 laizistische Gemeinden, in denen 4000 Menschen leben, um gemeinsam für die Bedürftigen zu wirken, Dazu kommen eine Organisation für
Wohn- und Sozialhilfe und ein Netzwerk für wirtschaftliche Solidarität und Hilfe zur Wiedereingliederung von Arbeitslosen.

   «Jeder Mensch muss in seinem Viertel, seinem Betrieb, seiner Schule oder seiner Partei einen Beitrag für eine gerechtere und brüderlichere Welt leisten», erklärte Abbé Pierre. Das Himmelreich sei gekommen, wenn der Mensch es nicht mehr ertragen könne, Unrecht zu sehen und «ohne die anderen glücklich zu sein». Mit dieser Haltung war der kleine Mann mit der Baskenmütze bei den Franzosen beliebter als alle Filmstars oder Spitzensportler. Die letzten Jahre lebte Abbé Pierre zurückgezogen in einer Emmaus-Wohngemeinschaft in der Normandie.

(Internet: www.emmaus-koeln.de/
           www.emmaus-france.org)


Erstellt: 23.01.2007 10:01

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