Süddeutsche Zeitung WIRTSCHAFT Donnerstag, 28. Juli 2005 Seite 18

Die Last der Geschichte

Wie Korrespondenten ausländischer Zeitungen das deutsche Modell  der Sozialen Marktwirtschaft sehen

(SZ) In Deutschland wird die Soziale Marktwirtschaft zunehmend in Frage gestellt. Wie aber sehen Ausländer das deutsche Modell?

 Zeitungskorrespondenten aus Holland, Schweden, Polen,  der Schweiz und Österreich schildern ihre Eindrücke und vergleichen

 sie mit  der Situation in ihren Heimatländern.

Von Arjan Paans

Es ist Hans Christian Andersen-Jahr.  Der 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters wird selbstverständlich auch in

 Deutschland gefeiert. Ob es sich um das hässliche Entlein oder des Kaisers neue Kleider handelt, Andersens Märchen sind Teil Besuchter

 der Kulturgeschichte Europas. Deutschland aber neigt zum Geschichtskult. Vom 60. Geburtstag  der Strumpfhose bis zum

 Jahrestag  der Küchenmaschine wird jeder Anlass genutzt, um eines historischen Ereignisses zu gedenken. Jetzt haben die

 Deutschen ein anderes altes Märchen wieder entdeckt: das  der Sozialen Marktwirtschaft. Die Erinnerung an sie ist

 allgegenwärtig, wenn man in Deutschland lebt.

Die Soziale Marktwirtschaft wurde 1948 von Ludwig Erhard erfunden, kann man vielerorts lesen. Eigentlich sollten demnach die Feierlichkeiten

 erst 2008 anfangen. Aber weil dieses Jahr Bundestagswahlen stattfinden, haben Politiker die Feier vorgezogen. Zusammengefasst handelt das

 Märchen Soziale Marktwirtschaft von einem Land, in dem jeder glücklich ist, wenn er auch lange und hart dafür arbeiten muss, und ständig

 reicher wird. Es handelt von einem Land, das zum ersten Mal Fußball-Weltmeister wird. Die Politiker aus dieser Zeit sind anständige Herren

 mit Zigarren, die wissen, wo es langgeht. Das Volk vertraut diesen Politikern und möchte, dass sich nie etwas ändert.

Wer einen Zeitsprung macht, sieht, dass Deutschland ein Land geworden ist, in dem viele Leute unglücklich sind und keine Arbeit mehr haben.

 Wenn sie aber einen Job haben, möchten sie am liebsten so kurz wie möglich arbeiten. Weltmeister ist das Land auch nicht mehr, obwohl es

 immer noch Hoffnung gibt, dass es nächstes Jahr wieder einmal klappen könnte. Wohl aber ist  der Film über die erste

 gewonnene Weltmeisterschaft inzwischen Pflichtfach in allen Schulen. Als ob es so einfach wäre, an die  Geschichte

 anzuknüpfen.

Unter den Politikern gibt es kaum noch Männer und Frauen, die sagen wo es langgeht. Na ja, es gibt ein paar, aber die haben so verrückte

 Ideen, dass die Wähler sich nur aus Spaß oder Protest für sie entscheiden würden. Die Medien werden von Korruptionsskandalen beherrscht, in

 denen Politiker, Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter die Hauptrollen spielen. Sogar Schiedsrichter

sind nicht mehr in allen Fällen unparteiisch.

Die Leute wollen Veränderung, wissen, dass es so nicht weitergeht. Aber sie bekommen Politiker, die sagen, dass alles wieder so sein kann

 wie früher. Wenn wir den Wahlversprechen glauben, dann geht es im September darum, welche Partei am besten imstande ist, das deutsche

 Modell zu beschützen (SPD) oder es wieder gesund zu machen (Union). Viele scheinen vergessen zu haben, dass das Modell schon 1965

 ausgelaufen ist. Damals kam das Ende  der Vollbeschäftigung, und es war Schluss mit dem hohen Wachstum. Vor allem aber

 versäumten es die damaligen Politiker, Maßnahmen zu ergreifen, um das Funktionieren  der Sozialen Marktwirtschaft auch in

 Zukunft zu sichern.

Das Märchen  der Sozialen Marktwirtschaft lebt nicht nur in den Gedanken  der Deutschen. Auch die Nachbarn

 im kleinen Holland glauben noch immer an das deutsche Wirtschaftswunder. Die Holländer glauben, dass die Deutschen reicher sind und größere

 Autos fahren als sie. Dass es inzwischen deutsche Arbeitslose gibt, die nach Holland ziehen, um den Demütigungen  der

 Hartz-IV-Gesetze zu entkommen, möchten sie nicht wahrhaben. Für Holländer, die schon vor Jahren schmerzhafte Reformen und Einsparungen

 verkraften mussten, hört sich Deutschland noch immer wie ein Märchenland an. Niemals Wochen auf einen Arzttermin warten müssen, davon

 können die Holländer zum Beispiel seit Jahren nur träumen.

Umgekehrt glauben viele Deutsche auch noch an das Märchen des holländischen Poldermodells, in dem Regierung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer

 jedes Problem gemeinsam lösen. Noch in den 90er Jahren galt Holland deswegen als Vorbild in Europa. Hohe Wachstumsraten, ein flexibler

 Arbeitsmarkt und ein extrem sparsamer Finanzminister prägten das Image. Obwohl das Poldermodell dem Namen nach noch immer existiert, hat es

 in den letzten Jahren mehr und mehr Risse bekommen. Höhere Beiträge bei Kranken- und Rentenversicherung haben die Stimmung Besuchter Link

 der Verbraucher getrübt. Volkswirte sagen eine dauerhafte wirtschaftliche Krise voraus. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik zeigen

 immer weniger Verständnis füreinander. Trotz allem haben sie das Poldermodell nicht gekündigt, weil sie wissen, dass sie einander am Ende

 wieder brauchen. Immerhin hat sich das Poldermodell 1982 schon einmal in einer wirtschaftlichen Krise bewiesen. Damals einigten sich die

 Tarifvertragsparteien im Akkoord van Wassenaar auf einen Beschäftigungspakt, in dem Arbeitszeitverkürzungen und eine moderate Lohnpolitik

 mit  der Zusage kombiniert wurden, Beschäftigung zu sichern. In  der Folge stiegen die Lohnstückkosten in

 den Niederlanden geringer an als in Deutschland, und die Lage am Arbeitsmarkt verbesserte sich spürbar.

Auf Holland drückt nicht die  Last eines Wirtschaftswunders oder einer glorifizierten Sozialen Marktwirtschaft. Die

 holländische Wirtschaft ist darum einfacher zu reformieren als die deutsche. In Holland gibt es keinen Geschichtskult, Holländer schauen

 lieber nach vorne. Was Deutschland braucht, ist ein Reformer,  der sich von  der Last

 der Geschichte frei macht. Angela Merkel könnte eine Reformerin sein. Doch seitdem sie sich zur Sozialen

 Marktwirtschaft bekannt hat, scheint auch sie an Märchen zu glauben. Ein Happy End gibt es deswegen für Deutschland vorläufig nicht.

Arjan Paans ist Deutschland-Korrespondent  der holländischen Tageszeitung Algemeen Dagblad

Im nächsten Teil lesen Sie:

Wie die Deutschen ihre Tradition vergaßen – von Princeton-Professor Harold James

Fritz Walter, Sepp Herberger und mit ihnen (Fußball-)Deutschland waren nach dem Gewinn  der Weltmeisterschaft 1954 oben auf.

 Das Bild  der jubelnden Fußballer verschmilzt in  der kollektiven Erinnerung  der Deutschen

 mit dem wirtschaftlichen Aufschwung  der Nachkriegszeit. Heute ringt Deutschland darum, an die Erfolge von damals

 anzuknüpfen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann und seine Mannschaft sollen 2006 Weltmeister werden. Doch eine glorreiche Besuchter Link

 Geschichte macht es nicht leichter, in  der Gegenwart zu bestehen. Das gilt für die Wirtschaft noch mehr als im Sport.

Abschied von der „Insel der Seligen“

Österreich kämpft mit ähnlichen Problemen wie Deutschland, hat aber bessere Antworten

Birgit Baumann

Ein paar Milliarden mehr Schulden sind weniger schlimm als ein paar hunderttausend Arbeitslose.“ An dieses Bekenntnis des

 sozialdemokratischen Ex-Bundeskanzlers Bruno Kreisky von 1979 erinnern sich viele Österreicher noch heute. Lange Zeit war der soziale

 Friede durch die „Sozialpartnerschaft“ zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden so ausgeprägt, dass Papst Paul VI. Österreich als

 „Insel der Seligen“ bezeichnete.

Doch das ist Geschichte. Der scharfe Wind der Globalisierung bläst auch dem wohlhabenden und verwöhnten Österreich um die Nase. Das kleine

 Nachbarland kämpft mit den gleichen Problemen wie Deutschland – zumal die Sozialsysteme ähnlich sind. Dass der Staat weniger zu verteilen

 hat, bekamen die Österreicher in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren: Das Renteneintrittsalter wird schrittweise angehoben: von 61,5

 Jahren im Jahr 2004 auf 65 Jahre 2014. Die Beiträge für die Krankenversicherung stiegen an. Wer Medikamente braucht, muss mehr zuschießen,

 es gibt keine Geburtenbeihilfe mehr. Studenten müssen für ihr Studium zahlen, Fahrtbeihilfen wurden gestrichen. Immer noch ist der Frust

 vieler Österreicher darüber groß, schließlich wurden sie jahrelang alimentiert, als gäbe es keine nächste Generation. Doch ihnen wie den

 Deutschen bleibt nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass die sozialen Systeme nur Bestand haben werden, wenn man sie entlastet. Die

 Soziale Marktwirtschaft ist weder in Deutschland noch in Österreich überholt. Bei all dem Gejammer darf man ja eines nicht vergessen: Beide

 Länder gehören noch immer zu den wohlhabendsten der Welt.

Im direkten Vergleich mit Österreich hat Deutschland jedoch einige Schwächen. So sind Langzeitarbeitslose in Österreich finanziell besser

 gestellt als Hartz-IV-Empfänger. Wer ohne Job ist, wird allerdings auch schneller wieder vermittelt: In Österreich dauert es im

 Durchschnitt 14 Wochen, in Deutschland 38. Arbeiten die Vermittler effizient, kann sich der Staat bei der Unterstützung großzügiger zeigen.

 Hartz IV auf den Weg zu bringen, war ein gewaltiger Kraftakt. Aber dass sich viele Jobcenter ein halbes Jahr nach Inkrafttreten der Reform

 immer noch nicht auf die Vermittlung von Arbeitslosen konzentrieren können, weil sie sich noch organisieren müssen, ist schwer

 nachvollziehbar. Auch ist der Arbeitsmarkt in Österreich weniger reglementiert, Arbeitnehmer können leichter gekündigt werden. Deshalb sind

 die Personalchefs williger, in guten Zeiten mehr Leute einzustellen.

Geringerer Kündigungsschutz, längere Arbeitszeiten, niedrigere Unternehmensteuern und ein besseres Verhältnis zwischen Lohnkosten und

 Produktivität tragen zur „beneidenswerten wirtschaftlichen Performance Österreichs“ bei, wie es der deutsche Wirtschaftsweise Bert Rürup

 formuliert. Die Wirtschaft wächst 2005 wahrscheinlich um 1,8 bis 1,9 Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt gemäß EU-Quote bei 4,7 Prozent –

 Zahlen, von denen Deutschland nur träumen kann. Fairerweise darf man eines jedoch nicht unerwähnt lassen: Österreich trägt nicht die Lasten

 einer Wiedervereinigung.

Birgit Baumann ist Deutschland-Korrespondentin der österreichischen Tageszeitung Der Standard

Auf Distanz zum Staat

Anders als die Deutschen vertrauen die Polen nicht auf ein öffentliches Fürsorgesystem

Anna Rubinowicz-Gründler

Auch die Polen ärgern sich über Unzulänglichkeiten ihres Sozialsystems, etwa über den langwierigen Zickzackkurs bei der Reform des

 Gesundheitswesens. Aber das Wirtschaftsmodell einer liberalen Marktwirtschaft mit relativ schwacher sozialer Sicherung, das Vizepremier

 Leszek Balcerowicz den Polen Anfang der 90er Jahre verordnete, erscheint alternativlos. Schon weil die öffentlichen Kassen knapp sind, aber

 auch weil das System Erfolge zeigt: die Wachstumsraten sind hoch, Polen ist in der EU und auf gutem Weg zum Euro.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum sich am Sozialsystem in Polen keine Debatte entzündet: Der Pole misstraut dem Staat und hält

 sich fern von ihm. Dazu haben Jahrhunderte eingeschränkter Souveränität beigetragen, in denen der Staat fremd war und man versuchte, ihn zu

 hintergehen. Dann kam der „reale Sozialismus“, der die Polen lehrte, dass Staat und Misswirtschaft identisch sind. Der sozialistische Staat

 war korrupt und bürokratisch, ineffizient und ungerecht. Dieser Eindruck hält sich hartnäckig, auch nach der Wende. „Wo bleiben meine

 Steuergelder und Sozialbeiträge?“, fragen sich die Bürger angesichts klammer Sozialkassen. Sie halten sich auf Distanz zum Staat und regeln

 möglichst viel auf eigene Faust. Auch in der Not klopft man lieber nicht beim Staat an, sondern wendet sich immer noch erst an Familie,

 Freunde und informelle Netzwerke.

Wie anders ist es in Deutschland: Hier vertraut man dem Staat noch immer, weil man von ihm seit dem Wirtschaftswunder so viel Gutes erfahren

 hat. Es ist allgemein akzeptiert, dass der Staat für würdige Lebensbedingungen der Bürger verantwortlich ist. In Polen kann man das

 höchstens für die Zukunft fordern – jetzt verlangt es nicht einmal die Linke, weil sie als Regierungspartei Einblick in die Staatsfinanzen

 hat. Der Staat kann allenfalls die schlimmste Not lindern.

Polen hat es geschafft, eine zweite, obligatorische private Säule des Rentensystems aufzubauen. Dies geschah nicht so sehr aus Einsicht in

 die demographische Entwicklung – sie ist kein großes Thema in Polen, auch wenn die Geburtenraten genauso niedrig sind wie in Deutschland –,

 sondern weil man im Kommunismus Erfahrungen mit der Misswirtschaft in der staatlichen Sozialversicherungsanstalt gemacht hat.

Dagegen sind mehrere Anläufe zu einer Reform des Gesundheitswesens missglückt. Die Bürger zahlen zwar Krankenversicherungsbeiträge, aber die

 reichen angeblich nicht aus, um das System am Leben zu halten. Wer ernsthaft krank ist, geht in die private Sprechstunde am Nachmittag und

 bezahlt privat. Dort sind die Wartezeiten kürzer, man wird freundlich behandelt. Arm dran sind alle, die sich das nicht leisten können. Für

 kostspielige Therapien kommt das öffentliche Gesundheitswesen ohnehin nicht auf. Auch wenn die Polen von ihrem Sozialstaat nicht viel

 erwarten, erscheint vielen von ihnen das (noch) üppige deutsche Sozialsystem doch paradiesisch.

Anna Rubinowicz-Gründler ist Deutschland-Korrespondentin der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza

Die Denkmuster der Industriegesellschaft

Nach dem Vorbild der Schweiz sollte Deutschland den Einfluss des Staates weit zurückstutzen

Beat Kappeler

Das deutsche Modell ist gekennzeichnet durch fünf Millionen Arbeitslose. Das deutsche Wirtschaftssystem verteilt viele Entscheidungsrechte

 weg von den Eigentümern der Firmen an Kreise, die keine Arbeitsplätze schaffen, etwa an Gewerkschafter in Aufsichtsräten. Diese aber

 demonstrieren bei den von ihnen mitverantworteten Krisen vor den Firmentoren. Der Handlungsspielraum der Unternehmer wird auch geschwächt,

 weil Arbeitnehmervertreter und Richter Kündigungen erschweren. Komplizierte Zulassungsverfahren machen Anwärtern auf Gewerbe und freie

 Berufe den Weg in die Selbstständigkeit schwer.

Steuern und Abgaben vereinnahmen die Hälfte des Sozialprodukts, und fast jeder Haushalt hat daraus wiederum Anrechte auf staatliche

 Leistungen. Außerdem ist die Ansicht verbreitet, die zu verteilende Arbeit sei beschränkt. Jedem Einzelnen müsse daher Arbeitszeit

 weggenommen werden – durch kürzere Wochenarbeitszeiten, beschränkte Überstunden und Frühverrentung. Es ist das Modell der alten

 Industrie-Massengesellschaft, mit ihrem Wahn der Gleichheit der Verhältnisse, der totalen Schutzbedürftigkeit der Bürger. Deutschland

 krankt nicht an der Globalisierung – es exportiert ja viel – sondern an dem Verharren in den Denkmodellen der alten Industriegesellschaft.

 

Dieses Modell ist kaum überlebensfähig. Vielleicht versucht man es eher wie in der Schweiz und gibt denen, die Arbeitsplätze schaffen, die

 Eigentumsrechte. Dazu müsste man etwa den Meisterbrief abschaffen. Der Kündigungsschutz sollte auf enggefasste Diskriminierung

 zurückgebunden werden, mit Beweispflicht des Diskriminierten. Man müsste nur jene Personen in den Firmen mitbestimmen lassen, die

 vollständig mit ihrem Vermögen und Einkommen sowie dem ihrer Verbände zu haften bereit sind. Arbeitslose sollten sich nach 150 Tagen

 täglich zu Arbeit, Ausbildung und Beratung melden. Auch das Beamtenrecht ist auf das normale Arbeitsrecht, und dieses auf wenige Seiten

 zurückzustutzen.

Weil die Schweiz eine ähnliche Politik verfolgt, herrscht dort annähernd Vollbeschäftigung. Die Arbeitenden erhalten ihre Rechte dank eines

 funktionierenden Arbeitsmarktes zurück. Denn wenn Arbeitskräfte gesucht sind, sind keine Regeln nötig. Eine Kündigung wird

 unwahrscheinlich, man kann am Arbeitsplatz ohne außenstehende Vertretungen mitreden, und der Lohn kann individuell verhandelt und

 gesteigert werden. Ohne einengende Regeln entstehen neue Dienstleistungs-Arbeitsplätze in Kommunikation, Unterhaltung und Pflege, wie zu

 Millionen in den angelsächsischen Ländern.

Schließlich sollten die Bundesländer wie die Kantone in der Schweiz für ihre gesamten Ausgaben durch eigene Steuerhoheit aufkommen – im

 Wettbewerb um die geringsten Belastungen. Auch die Altersvorsorge sollte umgestellt werden. Jeder Haushalt müsste beginnen, Kapital für das

 Alter anzusparen, die staatliche Rente ist zurückzuführen. Jeder Beschäftigte in der Schweiz hat im Schnitt 100 000 Franken Alterskapital,

 das Land hat, neben der staatlichen Rente, ein ganzes Bruttoinlandsprodukt dafür angespart.

Beat Kappeler ist Deutschland-Korrespondent der Schweizer NZZ am Sonntag

Die magische Formel

Der Soziologe und Ökonom Gerhard Mackenroth

Wenn über die Zukunft der Renten diskutiert wird, kommt die Rede irgendwann immer auf die so genannte Mackenroth-Formel. Gemeint ist damit

 ein Satz, den der Soziologe und Ökonom Gerhard Mackenroth 1952 formuliert hat: „Nun gilt der einfache und klare Satz, dass aller

 Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss.“ Anders ausgedrückt: Die Generation der Rentner muss

 immer von der jeweils aktiven Generation versorgt werden, egal, ob die Rente kapitalgedeckt oder umlagefinanziert ist. Die

 Mackenroth-Formel war ein wichtiges Argument für die Rentenreform von 1957, bei der die rein umlagefinanzierte Rente eingeführt wurde.

Gerhard Mackenroth wurde 1903 in Halle geboren. Er studierte in Leipzig, Berlin und Halle Rechts- und Staatswissenschaften. In der

 Weltwirtschaftskrise organisierte er in Halle einen freiwilligen Arbeitsdienst, 1933 trat er in die NSDAP ein und bekam 1940 einen

 Lehrstuhl in Kiel, von 1942 bis 1945 lehrte er an der „Reichsuniversität“ Straßburg. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Tischler,

 bekam jedoch bereits 1948 wieder eine Professur für Sozialwissenschaften in Kiel. Mackenroth starb 1955.

Im Prinzip ist die Mackenroth-These unstrittig, sie ist nur eine besondere Formulierung der ökonomischen Regel, wonach Ressourcentransfer

 durch die Zeit nicht möglich ist. Nicht so klar ist, welche Schlüsse man aus dieser Erkenntnis zieht. Die einen sagen: Es ist unnötig, eine

 kapitalgedeckte Rente (zum Beispiel die Riester-Rente) einzuführen, denn die Probleme, die bei einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung

 auftreten, werden dadurch nicht kleiner. Im schlimmsten Fall sinken die Aktien und Immobilienpreise, wenn immer mehr Rentner ihr Vermögen

 auflösen. Aber, entgegnen die anderen, bei einer privaten, kapitalgedeckten Altersvorsorge können die Menschen ihr Geld produktiver anlegen

 und so Einfluss auf ihre spätere Rente nehmen.

Nikolaus Piper

Bildunterschrift:

G. Mackenroth

Foto: privat

Süddeutsche Zeitung WIRTSCHAFT Donnerstag, 28. Juli 2005 Seite 18

Flexibilität als Rezept

Schweden und Dänen haben weniger Sicherheit, aber mehr Chancen auf einen Job

Von Tomas Lundin

Wenn der Chef uns loswerden will, haben wir fünf Minuten Zeit, unsere Sachen zu packen“, sagt der 24-jährige Maurer Jakob Kongsted und sieht

 dabei kein bisschen unzufrieden aus. „Ich habe bald wieder einen neuen Job. Da mache ich mir keine Sorgen“, erzählt er dem staunenden

 Reporter einer finnischen Zeitung. Das dänische Jobwunder, entstanden nach der tiefen Wirtschaftskrise vor zehn Jahren, zieht Journalisten

 und Fachleute aus der ganzen Welt an.

Das Prinzip ist einfach. In Zeiten der Globalisierung muss der Arbeitsmarkt extrem flexibel sein. Deswegen gibt es kaum Kündigungsschutz,

 dafür aber eine Arbeitslosenversicherung, die zu den großzügigsten Europas gehört. Sie zahlt bis zu 1800 Euro monatlich über maximal vier

 Jahre. Gleichzeitig bieten Arbeitsvermittlungen maßgeschneiderte Ausbildungen, stellen aber auch harte Anforderungen an die Mobilität und

 Flexibilität der Arbeitsuchenden.

Ähnlich funktioniert es in Schweden. Der Kündigungsschutz beträgt höchstens sechs Monate. Für die Kündigung braucht der Arbeitgeber kaum

 Gründe anzugeben. In Deutschland wäre Ähnliches nur schwer durchzusetzen, die Proteste gegen Hartz IV lassen es ahnen.

Dabei rühmt sich Schweden, ein vorbildlicher Sozialstaat zu sein. Die Mehrwertsteuer, die kinderreiche Familien überproportional belastet,

 ist zwar mit 25 Prozent bedeutend höher als in Deutschland. Ein großer Teil der sozialen Absicherung ist steuerfinanziert. Schlecht

 schneiden Arbeitnehmer auch bei der Krankenversicherung ab. Da bezahlt der Krankgeschriebene den ersten Tag aus eigener Tasche.

 Entscheidend ist aber die Kombination aus Sicherheit und Flexibilität. Die Grundsicherung kompensiert den im Vergleich zu Deutschland

 geringeren Schutz des Arbeitsplatzes. Dadurch wird es möglich, sich nach neuen Jobs umzuschauen, vielleicht etwas ganz Neues auszuprobieren

 oder wieder die Schulbank zu drücken, um dann mit besseren Voraussetzungen auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Das Rezept scheint erfolgreich zu sein. In Deutschland sind nur 65 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter beschäftigt, in Schweden

 72 Prozent und in Dänemark 76 Prozent. Ein Niveau wie in Dänemark würde rein rechnerisch mehr als vier Millionen neue Arbeitsplätze in

 Deutschland bedeuten.

Der deutsche Sozialstaat gewährt Sicherheit wie in keinem anderen Land. Aber er versperrt den Weg auf den Arbeitsmarkt und läuft Gefahr, aus

 Arbeitsuchenden kaum zu vermittelnde Langzeitarbeitslose zu machen. Es gibt genug bezahlbare Arbeit, doch sie wird als Schwarzarbeit oder

 Überstunden geleistet. Der deutsche Sozialstaat mit all seinen wohlgemeinten Regelungen ist sein eigener Feind geworden. Er lähmt, indem er

 Arbeitsplatzbesitzern den Mut nimmt, sich neu zu orientieren. Er verschleudert Ressourcen und Wachstum, weil er zu wenig Beschäftigung

 schafft. Er zementiert das Bestehende, da er den Menschen die Angst vor Veränderungen nicht zu nehmen vermag. So wird auf Dauer der

 Sozialstaat ausgehöhlt.

Tomas Lundin ist Deutschland-Korrespondent der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet

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