Frankfurter Allgemeine Zeitung. DIE GEGENWART Montag, 13. Oktober 2003 Seite 9

Literatur ist Freiheit 

Von  Susan Sontag

In der Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche steht das schwierige Verhältnis

 zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa im Mittelpunkt. Die Schriftstellerin ruft dazu auf, die Literatur zu nutzen, um dem

 Gefängnis der nationalen Eitelkeit, der Spießbürgerlichkeit und dem zwanghaften Provinzialismus zu entkommen. Bücher bedeuten für sie den

 Zutritt in ein reicheres Leben, in die Sphäre der Freiheit. 

Hier in der Paulskirche vor Ihnen zu sprechen, den Preis entgegenzunehmen, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in den vergangenen

 dreiundfünfzig Jahren so vielen Schriftstellern, Denkern und hervorragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen hat, die ich

 bewundere - an diesem geschichtsträchtigen Ort und bei diesem Anlaß zu sprechen ist eine Erfahrung, die bescheiden macht und zugleich

 inspiriert. Um so mehr bedauere ich die Abwesenheit des Botschafters der Vereinigten Staaten, Daniel Coats, der schon im Juni, gleich nach

 der Bekanntgabe des diesjährigen Friedenspreisträgers, die Einladung des Börsenvereins zu der heutigen Veranstaltung abgelehnt hat und auf

 diese Weise deutlich macht, daß ihm an einer Bekräftigung der ideologischen Position und des verbitterten Unmuts der Regierung Bush mehr

 liegt als daran, die Interessen und das Ansehen seines - und meines - Landes zu vertreten, indem er einer normalen Diplomatenpflicht

 nachkommt. 

Ein amerikanischer Botschafter hat die Aufgabe, sein Land zu repräsentieren - das ganze Land. Ich dagegen repräsentiere selbstverständlich

 nicht ganz Amerika und nicht einmal jene ansehnliche Minderheit, die dem imperialen Programm von Präsident Bush und seinen Beratern die

 Zustimmung verweigert. Mir gefällt die Vorstellung, daß ich nichts weiter repräsentiere als die Literatur, eine bestimmte Idee von

 Literatur, und das Gewissen, eine bestimmte Idee von Gewissen oder Pflicht. Aber angesichts der Urkunde, die diesen Preis eines wichtigen

 europäischen Landes begleitet und in der ich als "intellektuelle Botschafterin zwischen den beiden Kontinenten" bezeichnet werde, kann ich

 nicht umhin, einige Überlegungen zu der vielbeschriebenen Kluft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten anzustellen, die angeblich

 durch das, was mich interessiert und fasziniert, überbrückt wird. 

Schon immer bestand ein latenter Antagonismus zwischen Europa und Amerika, der mindestens so komplex und ambivalent war wie der zwischen

 Eltern und Kind. Die Vereinigten Staaten sind ein neoeuropäisches Land, und bis vor wenigen Jahrzehnten war der größte Teil seiner

 Bevölkerung europäischer Herkunft. Trotzdem waren es immer die Unterschiede zwischen Europa und Amerika, die den besonders scharfsichtigen

 ausländischen Beobachtern auffielen: dem Franzosen Alexis de Tocqueville, der die junge Nation 1831 besuchte und dann in seine Heimat

 zurückkehrte, um "Über die Demokratie in Amerika" zu schreiben; auch nach hundertsiebzig Jahren ist es das beste Buch über mein Land, das

 es gibt. Ebenso wie D. H. Lawrence, der vor achtzig Jahren das interessanteste Buch über die amerikanische Kultur veröffentlichte, das je

 erschienen ist, seine ebenso einflußreichen wie irritierenden Studien zur klassischen amerikanischen Literatur. Beide erkannten, daß

 Amerika, das Kind Europas, auf dem Weg war, sich zur Antithese Europas zu entwickeln, oder schon dazu geworden war. 

Altes Europa, neues 

Amerika 

Rom und Athen. Mars und Venus. Jene Autoren, die in letzter Zeit in populären Traktaten die Vorstellung von einem unvermeidlichen

 Zusammenprall europäischer und amerikanischer Interessen und Werte entwickeln, haben diese Antithesen nicht erfunden. Europäer haben über

 ihnen gegrübelt - und sie liefern die Palette, das Leitmotiv für einen großen Teil der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts von

 James Fenimore Cooper und Ralph Waldo Emerson bis zu Walt Whitman, Henry James, William Dean Howells und Mark Twain. Amerikanische Unschuld

 und europäisches Raffinement; amerikanischer Pragmatismus und europäischer Intellektualismus; amerikanische Tatkraft und europäischer

 Weltschmerz; amerikanische Unverdorbenheit und europäischer Zynismus; amerikanische Gutmütigkeit und europäische Boshaftigkeit;

 amerikanischer Moralismus und europäisches Kompromißlertum. 

Tocqueville und Lawrence haben jedoch etwas viel Brisanteres beobachtet: nicht bloß eine Unabhängigkeitserklärung gegenüber Europa und

 seinen Werten, sondern eine Tendenz, die europäischen Werte und die Macht Europas zu untergraben und abzutöten. "Man bekommt nie etwas

 Neues, ohne etwas Altes kaputtzumachen", schrieb Lawrence. "Nun war aber Europa das Alte. Amerika sollte das Neue sein. Das Neue ist der

 Tod des Alten." Amerika, so prophezeite Lawrence, habe es sich zur Aufgabe gemacht, Europa zu zerstören, und zwar mittels der Demokratie -

 vor allem mittels der kulturellen Demokratie, der Demokratie der Umgangsformen. Und wenn es diese Aufgabe erfüllt habe, schrieb Lawrence,

 werde sich Amerika möglicherweise von der Demokratie ab- und etwas anderem zuwenden. (Was dieses andere sein könnte, wird vielleicht in

 unseren Tagen langsam deutlich.) 

Die Vergangenheit ist (oder war) Europa, und Amerika wurde auf der Idee eines Bruchs mit dieser Vergangenheit begründet, die als

 hinderliche, verdummende Last und - in ihren Formen von Ehrerbietung und ihrem Sinn für Rangordnung, in ihren Kriterien für das, was

 überlegen und am besten sei - als durch und durch undemokratisch erscheint, als elitär, wie man heute meist sagt. Auch wenn Europa von den

 meisten Amerikanern heute eher für sozialistisch als für elitär gehalten wird, bleibt es nach amerikanischen Maßstäben doch ein

 rückschrittlicher Kontinent, der sich hartnäckig an alte Maßstäbe klammert: den Wohlfahrtsstaat. "Make it new" ist nicht nur ein Motto für

 die Kultur; es steht auch für einen immer weiter um sich greifenden, weltumspannenden Wirtschaftsapparat. 

Wenn nötig, läßt sich jedoch das "Alte" auch umtaufen und als "Neues" deklarieren. 

Es ist kein Zufall, daß der energische amerikanische Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte,

 indem er auf unvergeßliche Art zwischen dem "alten" (schlechten) und dem "neuen" (guten) Europa unterschied. Wie konnte es geschehen, daß

 Deutschland, Frankreich und Belgien dem "alten" Europa zugerechnet wurden, während sich Spanien, Italien, Polen, die Ukraine, die

 Niederlande, Ungarn, Tschechien und Bulgarien im "neuen" Europa wiederfanden? Die Antwort lautet: Wer die Vereinigten Staaten bei ihrem

 Bemühen um eine Ausdehnung ihrer politischen und militärischen Macht unterstützt, gehört damit per se in die bevorzugte Kategorie des

 Neuen. Wer mit uns ist, ist neu. 

Alle modernen Kriege, auch wenn ihre Motive die herkömmlichen sind, etwa das Streben nach territorialer Vergrößerung oder nach Aneignung

 knapper Ressourcen, werden als Zusammenstöße von Zivilisationen - als Kulturkriege - inszeniert, wobei jede Seite sich auf ein höheres

 Recht beruft und die andere Seite für barbarisch erklärt. Der gegenwärtige Krieg gegen die sehr reale Bedrohung, die vom militanten

 islamischen Fundamentalismus ausgeht, ist dafür ein besonders deutliches Beispiel. Bemerkenswert ist allerdings, daß dieselben Formen von

 Geringschätzung in abgemilderter Form auch dem Antagonismus zwischen Europa und Amerika zugrunde liegen. Man sollte sich in diesem

 Zusammenhang auch daran erinnern, daß, historisch betrachtet, die bösartigste antiamerikanische Rhetorik, die in Europa je zu hören war und

 die im wesentlichen auf den Vorwurf hinauslief, Amerikaner seien Barbaren, nicht etwa von der sogenannten Linken, sondern von der extremen

 Rechten ausging. Sowohl Hitler als auch Franco ließen sich mehrfach über ein Amerika (und ein Weltjudentum) aus, das mit seinen niedrigen,

 auf nichts als Geschäftemacherei gerichteten Wertvorstellungen die europäische Kultur verderben wolle. 

Die heutige Sicht der Amerikaner läuft fast auf eine Umkehrung des europhilen Klischees hinaus: Sie betrachten sich als Verteidiger der

 Zivilisation. Die Barbarenhorden stehen nicht mehr draußen vor den Toren. Sie sind nun drinnen, in jeder reichen Stadt, und sinnen dort auf

 Tod und Zerstörung. Deshalb müssen die "Schokolade fabrizierenden Länder" (Frankreich, Deutschland, Belgien) beiseitetreten, während ein

 Land voller "Willensstärke" - und mit Gott an seiner Seite - die Schlacht gegen den Terrorismus schlägt (der inzwischen mit der Barbarei in

 eins gesetzt wird). 

Manchmal muß ich mich kneifen, um sicher zu sein, daß ich nicht träume: Der Vorwurf, den viele Menschen in Amerika Deutschland heute machen,

 diesem Deutschland, das fast ein Jahrhundert lang solche Schrecken über die Welt gebracht hat, besteht nun offenbar darin, daß sich die

 Deutschen vom Krieg abgestoßen fühlen, daß ein großer Teil der öffentlichen Meinung im heutigen Deutschland praktisch pazifistisch ist. 

Waren Amerika und Europa denn nie Partner, nie Freunde? Doch, das waren sie. Aber vielleicht waren die Perioden der Einigkeit - der

 Einmütigkeit - eher eine Ausnahme als die Regel. Eine solche Ausnahmephase war die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Anfängen des

 Kalten Krieges, als die Europäer Amerika für seine Einmischung, für seinen Beistand und seine materielle Hilfe zutiefst dankbar waren. Die

 Amerikaner sehen sich gern in der Rolle des Retters von Europa. Deshalb erwartet Amerika von den Europäern eine immerwährende Dankbarkeit,

 nach der den Europäern im Augenblick jedoch nicht der Sinn steht. 

Aus der Sicht des "alten" Europa ist Amerika dabei, die Bewunderung - und die Dankbarkeit - zu verspielen, die die meisten Europäer einmal

 empfunden haben. Die gewaltige Woge der Sympathie für die Vereinigten Staaten nach dem Angriff vom 11. September 2001 war echt. Doch dann

 folgte eine zunehmende Entfremdung auf beiden Seiten. 

Die Bürger der reichsten und mächtigsten Nation in der Geschichte müssen sich klarmachen, daß Amerika geliebt und beneidet, aber auch mit

 Groll betrachtet wird. Und manche kultivierten Europäer bescheinigen diesem Land auf eine seltsam herablassende Art die befreienden Vorzüge

 einer Kolonie, in der man die "daheim" geltenden Beschränkungen und die aus der dortigen Kultiviertheit erwachsenden Bürden abschütteln

 kann. Für etliche Europäer war Amerika die Rettung (auch für D. H. Lawrence, der 1915, als er sich in Amerika niederzulassen plante, an

 einen Freund schrieb: "Dort kommt das Leben direkt aus den Wurzeln, rauh, aber kraftvoll"). Und umgekehrt: Für Generationen von Amerikanern

 auf der Suche nach Kultur war Europa die Rettung. Ich spreche hier natürlich nur von Minderheiten - privilegierten Minderheiten. 

Den Menschen fällt es schwer, die Welt nicht in polarisierenden Kategorien ("die" und "wir") zu sehen. Diese Kategorien haben in der

 Vergangenheit die isolationistischen Tendenzen der amerikanischen Außenpolitik so gestärkt, wie sie jetzt deren imperialistische Tendenzen

 stärken. Die Amerikaner haben sich daran gewöhnt, die Welt als eine Welt von Feinden wahrzunehmen. Diese Feinde sind anderswo, denn

 gekämpft wird fast immer over there - "drüben", auch nachdem der islamische Fundamentalismus den russischen und den chinesischen

 Kommunismus als Bedrohung "unserer Lebensweise" abgelöst hat. Und das Wort Terrorist läßt sich noch flexibler verwenden als das Wort

 Kommunist. Das bedeutet: Der Krieg gegen den Terrorismus wird möglicherweise nie enden, denn Terrorismus wird es immer geben (so wie es

 immer Armut und Krebs geben wird); immer wird es asymmetrische Konflikte geben, in denen die schwächere Seite diese Form von Gewalt

 anwendet, die sich meist gegen Zivilisten richtet. Die amerikanische Rhetorik, wenn auch nicht unbedingt die Stimmung in der Bevölkerung,

 bekräftigt diese unerfreuliche Perspektive, denn der Kampf für das Gute endet nie. 

Religion als Quelle 

des Radikalismus 

Es gehört zum Genius der Vereinigten Staaten, deren tief verwurzelter Konservativismus für Europäer schwer zugänglich ist, daß sie eine Form

 von konservativem Denken entwickelt haben, die das Neue und nicht etwa das Alte feiert. Das bedeutet aber auch, daß die Vereinigten Staaten

 in ebenjenen Zügen, in denen sie extrem konservativ erscheinen - zum Beispiel in der ungewöhnlichen Macht des Konsensus, in der Passivität

 und im Konformismus der öffentlichen Meinung (wie Tocqueville schon 1831 bemerkte) und der Medien -, auch auf eine Weise radikal und sogar

 revolutionär sein können, die für Europäer ebenso schwer zugänglich ist. 

Die vielleicht wichtigste Quelle des amerikanischen Radikalismus ist ebenjene, die man früher immer als eine Quelle konservativer Werte

 angesehen hat: die Religion. Viele Beobachter haben darauf hingewiesen, daß der größte Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und den

 meisten europäischen Ländern wahrscheinlich darin besteht, daß die Religion in der Gesellschaft und im öffentlichen Diskurs der Vereinigten

 Staaten nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Es handelt sich hierbei allerdings um eine Religion nach amerikanischem Muster: eher um

 die Idee von Religion als um Religion selbst. 

Das heißt, es kommt nicht darauf an, welcher Religion man angehört, solange man überhaupt eine hat. Die Vorherrschaft einer Religion oder

 gar eine Theokratie (ob allgemein christlich oder von einer bestimmten christlichen Konfession geprägt) wäre unmöglich. Diese moderne,

 vergleichsweise inhaltsleere Vorstellung von Religion, die der Freiheit des Konsumenten strukturell ähnlich ist, bildet die Grundlage für

 den Konformismus Amerikas, für seine Selbstgerechtigkeit und seinen Moralismus. 

Gleichgültig, welche historischen Glaubensgrundsätze die verschiedenen religiösen Gruppierungen in Amerika zu vertreten behaupten - alle

 predigen etwas Ähnliches: den Willen zur inneren Besserung, den Wert des Erfolgs, Solidarität in der Gemeinde und Toleranz gegenüber den

 Entscheidungen anderer. (Lauter Tugenden, die dem reibungslosen Funktionieren des Konsumkapitalismus förderlich sind.) Die bloße Tatsache,

 daß man religiös ist, sichert das Ansehen, trägt zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei und liefert eine Garantie dafür, daß sich die

 Vereinigten Staaten ausschließlich mit guten Absichten auf ihre Mission einlassen, die Welt zu führen. 

Was da verbreitet wird - ob man es nun Demokratie oder Freiheit oder Zivilisation nennt -, ist sowohl Teil eines work in progress als auch

 der Kern des Fortschritts selbst. Nirgendwo auf der Welt ist der aufklärerische Traum vom Fortschritt auf so fruchtbaren Boden gefallen wie

 in Amerika. Wie sonderbar, daß in einem Augenblick, da Europa und Amerika einander kulturell so ähnlich sind wie noch nie, der Zwiespalt

 zwischen ihnen tiefer ist als je zuvor. 

Und dennoch - trotz aller Ähnlichkeiten zwischen dem Alltag der Bürger in den reichen europäischen Ländern und dem Alltag der Amerikaner ist

 die Kluft zwischen der europäischen und der amerikanischen Erfahrung tatsächlich vorhanden. Sie ergibt sich aus wichtigen historischen

 Unterschieden, aus unterschiedlichen Vorstellungen von der Rolle der Kultur und aus Unterschieden in den wirklichen und den imaginären

 Erinnerungen. Der Antagonismus läßt sich in der unmittelbaren Zukunft nicht lösen, allem guten Willen vieler Menschen auf beiden Seiten des

 Atlantiks zum Trotz. Und doch kann man diejenigen nur verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrößern wollen, während wir doch

 tatsächlich so viel gemeinsam haben. 

Die Vorherrschaft Amerikas ist eine Tatsache. Aber Amerika, wie inzwischen auch seine derzeitige Regierung einzusehen beginnt, kann nicht

 alles alleine machen. Die Zukunft unserer Welt ist synkretistisch, unrein. Wir können uns nicht voneinander abkapseln. Wir fließen immer

 mehr ineinander. Am Ende wird sich alle Verständigung, alle Aussöhnung, zu der wir gelangen können, daraus ergeben, daß wir gründlicher

 über den ehrwürdigen Gegensatz zwischen Altem und Neuem nachdenken. Der Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei beruht im wesentlichen

 auf mehr oder minder willkürlichen Setzungen; sich in Gedanken auf ihn ein- und dogmatisch über ihn auszulassen, führt in die Irre, auch

 wenn sich bestimmte Realitäten in ihm spiegeln. Der Gegensatz zwischen alt und neu dagegen ist echt und unaufhebbar und steht im Zentrum

 dessen, was wir unter Erfahrung verstehen. 

Alt und neu sind die ewigen, unumstößlichen Pole aller Wahrnehmung und aller Orientierung in der Welt. Ohne das Alte kommen wir nicht aus,

 weil sich mit ihm unsere ganze Vergangenheit, unsere Weisheit, unsere Erinnerungen, unsere Traurigkeit, unser Realitätssinn verbinden. Ohne

 den Glauben an das Neue kommen wir nicht aus, weil sich mit dem Neuen unsere Tatkraft, unsere Fähigkeit zum Optimismus, unser blindes

 biologisches Sehnen, unsere Fähigkeit zu vergessen verbinden - diese heilsame Fähigkeit, ohne die Versöhnung nicht möglich ist. Was ist das

 Leben, wenn nicht ein ständiger Austausch zwischen Altem und Neuem? Mir scheint, man sollte immer versuchen, sich solche starren Gegensätze

 auszureden. 

Ich habe einen großen Teil meines Lebens darauf verwendet, polarisierende, Gegensätze aufbauende Denkweisen zu entmystifizieren. Auf die

 Politik übertragen, bedeutet dies, für das einzutreten, was pluralistisch und säkular ist. In einem Jahrhundert, das von Anfang an ein

 weiteres Jahrhundert der Extreme, der Schrecken zu werden verspricht, könnte ich mich nun für eine ganze Reihe von Haltungen aussprechen,

 die einer Verbesserung unserer Verhältnisse dienlich sein können - und ganz besonders für das, was Virginia Woolf die "melancholische

 Tugend der Toleranz" nennt. 

Lassen Sie mich statt dessen vor allem als Schriftstellerin zu Ihnen sprechen, als Verfechterin des Projekts Literatur - denn nur aus ihm

 ergibt sich, was mir an Autorität zu Gebote steht. 

Die Schriftstellerin in mir mißtraut der guten Staatsbürgerin, der intellektuellen Botschafterin, der Menschenrechtsaktivistin - also den in

 der Verleihungsurkunde genannten Rollen, sosehr ich mich ihnen verpflichtet fühle. Die Schriftstellerin in mir ist skeptischer, mehr von

 Selbstzweifeln erfüllt als jene Person, die versucht, das Richtige zu tun (und zu unterstützen). 

Schriftsteller können etwas gegen die Klischees vom Getrennt- und Verschiedensein tun - denn Schriftsteller sind nicht nur Mythenvermittler,

 sondern auch Mythenbildner. Die Literatur bietet nicht nur Mythen, sondern auch Gegenmythen, so wie das Leben Gegenerfahrungen bietet -

 Erfahrungen, die uns in dem, was wir zu glauben, zu fühlen, zu denken glaubten, verstören. 

Literatur kann uns sagen, wie die Welt beschaffen ist. 

Literatur kann uns Maßstäbe geben, kann uns ein tiefes Wissen vermitteln, das in der Sprache und im Erzählen Gestalt annimmt. 

Literatur kann unsere Fähigkeit stärken, um Menschen zu weinen, die nicht wir selbst sind und nicht zu uns gehören. 

Wer wären wir, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören? Wer wären wir,

 wenn wir uns selbst nicht - wenigstens zeitweise - vergessen könnten? Wer wären wir, wenn wir nicht lernen könnten? Wenn wir nicht

 verzeihen könnten? Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind? 

Gestatten Sie mir, Ihnen bei der Entgegennahme dieses großartigen Preises, dieses großartigen deutschen Preises, etwas über meinen Lebensweg

 zu erzählen. 

Ich bin, zwei Wochen ehe Hitler zur Macht gelangte, auf die Welt gekommen - als eine Amerikanerin der dritten Generation von

 polnisch-litauisch jüdischer Herkunft. Ich bin in der amerikanischen Provinz (in Arizona und Kalifornien) aufgewachsen, weit weg von

 Deutschland, und doch war Deutschland in meiner Kindheit ständig gegenwärtig - durch das Ungeheuerliche, das von Deutschland ausging, und

 durch die deutschen Bücher und die deutsche Musik, die ich liebte und die meine Maßstäbe von Ernsthaftigkeit und Intensität prägten. 

Aber noch vor Bach und Beethoven, vor Schubert und Brahms gab es ein paar deutsche Bücher. Ich denke an einen Lehrer in der Grundschule

 einer kleinen Stadt im Süden Arizonas, Mr. Starkie, der uns Schülern mit seinen Geschichten, wie er in der Armee des Generals Pershing in

 Mexiko gegen Pancho Villa gekämpft hatte, ehrfürchtigen Respekt einflößte. Diesem ergrauten Veteranen eines früheren imperialistischen

 Unternehmens der Vereinigten Staaten hatte es der Idealismus der deutschen Literatur offenbar angetan - in Übersetzungen -, und als ihm

 mein ausgeprägter Lesehunger auffiel, borgte er mir seinen Werther und seine Ausgabe von Immensee. 

Wenig später geriet ich während meiner kindlichen Leseorgie an andere deutsche Bücher, unter ihnen Kafkas "In der Strafkolonie", wo ich das

 Grauen und die Ungerechtigkeit kennenlernte. Und ein paar Jahre später, als ich in Los Angeles die High School besuchte, fand ich das ganze

 Europa in einem deutschen Roman wieder. Kein anderes Buch war in meinem Leben so wichtig wie "Der Zauberberg" - der ja von nichts anderem

 als dem Zusammenstoß unterschiedlicher Ideale im Innersten der europäischen Zivilisation handelt. Und so ging es weiter, ein langes, von

 deutscher Kultur gleichsam durchtränktes Leben lang. 

Auf die Bücher und die Musik, die in Anbetracht der kulturellen Wüste, in der ich lebte, fast eine klandestine Erfahrung waren, folgte die

 reale Erfahrung. Ich bin nämlich auch eine späte Nutznießerin der deutschen kulturellen Diaspora, denn ich hatte das Glück, einige

 Flüchtlinge kennenzulernen, die Hitler ins Exil getrieben hatte - einige jener Schriftsteller, Künstler, Musiker und Gelehrten, die Amerika

 seit den dreißiger Jahren aufnahm und die dieses Land und vor allem seine Universitäten so sehr bereichert haben. Lassen Sie mich zwei

 nennen, die ich, als ich auf die Zwanzig zuging und in den Jahren danach, als Freunde betrachten durfte - Hans Gerth und Herbert Marcuse;

 dann auch diejenigen, mit denen ich an der University of Chicago und in Harvard studierte, Christian Mackauer, Paul Tillich und Peter

 Heinrich von Blanckenhagen und in privaten Seminaren Aron Gurwitsch und Nahum Glatzer; und Hannah Arendt, die ich kennenlernte, als ich

 Mitte Zwanzig war und nach New York zog - lauter Muster an Ernsthaftigkeit, an die ich hier erinnern möchte. 

Doch nie werde ich vergessen, daß meine Auseinandersetzung mit deutscher Kultur und deutscher Ernsthaftigkeit bei dem obskuren,

 exzentrischen Mr. Starkie begann (ich glaube, seinen Vornamen habe ich nie gehört), der mich unterrichtete, als ich zehn war, und den ich

 später nie wiedersah. 

Leben in 

Arizona 

Also zurück zu der Zehnjährigen, die sich von den Mühen des Kindseins ein wenig erholte, wenn sie über Mr. Starkies zerlesenen Ausgaben von

 Goethe und Storm hockte. Zu der Zeit, von der ich hier spreche, 1943, wußte ich, daß es im Norden von Arizona ein Lager mit Tausenden

 deutscher Kriegsgefangener gab, natürlich lauter Nazi-Soldaten, so stellte ich mir vor, und weil ich auch wußte, daß ich jüdisch war (nur

 nominell, meine Familie war seit zwei Generationen vollkommen weltlich orientiert und assimiliert - aber nominel war für Nazis, wie ich

 wußte, schon genug), hatte ich einen Albtraum, der immer wiederkam: Nazi-Soldaten waren aus ihrem Gefängnis ausgebrochen und hatten sich

 bis in den Süden des Bundesstaates zu dem Bungalow am Rand der kleinen Stadt, wo ich mit meiner Mutter und meiner Schwester wohnte,

 durchgeschlagen und wollten mich nun umbringen. 

Es folgt ein Sprung in die siebziger Jahre, als meine Bücher im Hanser Verlag zu erscheinen begannen und ich den vortrefflichen Fritz Arnold

 kennenlernte, der dem Verlag seit 1965 angehörte und der bis zu seinem Tod im Februar 1999 mein Lektor bei Hanser blieb. 

Bei einem unserer ersten Treffen erklärte mir Fritz, er wolle mir erzählen, was er während des Krieges getan hatte. Wahrscheinlich glaubte

 er, dies sei eine Voraussetzung dafür, daß zwischen uns Freundschaft entstehen könnte. Ich versicherte ihm, daß er mir keinerlei

 Erklärungen schuldig sei, und dennoch berührte es mich, daß er dieses Thema ansprach. Fritz Arnold, 1916 geboren, war übrigens nicht der

 einzige Deutsche seiner Generation, der, kurz nachdem man Bekanntschaft geschlossen hatte, unbedingt erzählen wollte, was er während des

 Krieges getan hatte. Und nicht alle Geschichten waren so harmlos wie die, die ich von Fritz zu hören bekam. 

Fritz erzählte mir also, er habe Literatur und Kunstgeschichte studiert, zuerst in München, später in Köln, und sei dann gleich zu Beginn

 des Krieges als Obergefreiter zur Wehrmacht eingezogen worden. Auch seine Eltern waren natürlich alles andere als nazifreundlich - Karl

 Arnold, sein Vater, war der legendäre politische Karikaturist des Simplicissimus -, aber die Emigration kam anscheinend nicht in Frage. Mit

 Grausen trat er seinen Militärdienst an und hoffte, niemanden zu töten und nicht getötet zu werden. 

Fritz gehörte zu denen, die Glück hatten. Das Glück, anfangs in Rom stationiert zu werden (wo er dankend ablehnte, als ein Vorgesetzter ihn

 zum Unteroffizier befördern wollte) und später in Tunis; das Glück, hinter der Front Dienst zu tun und nie auch nur einen einzigen Schuß

 abfeuern zu müssen; und schließlich das Glück, wenn man es so nennen darf, daß ihn 1943 die Amerikaner gefangennahmen und zusammen mit

 anderen deutschen Gefangenen auf einem Schiff über den Atlantik nach Norfolk in Virginia schafften, von wo er mit einem Zug quer durch den

 Kontinent befördert wurde, um den Rest des Krieges in einem Gefangenenlager zu verbringen - bei einer kleinen Stadt im Norden Arizonas. 

Nun hatte ich das Vergnügen, ihm etwas zu erzählen - seufzend vor lauter Verwunderung, denn mir begann dieser Mann schon sehr sympathisch zu

 werden -, und es war der Beginn einer großartigen Freundschaft und einer intensiven Arbeitsbeziehung . . . ihm also zu erzählen, daß,

 während er als Kriegsgefangener in Nordarizona saß, ich im Süden des Staates gelebt und mich vor den Nazi-Soldaten gefürchtet hatte, die

 nun dort - hier - waren und vor denen es kein Entrinnen gab. 

Dann erzählte mir Fritz, wie er die fast drei Jahre seiner Gefangenschaft in Arizona überstanden hatte. Er hatte Zugang zu Büchern bekommen

 und die ganze Zeit englische und amerikanische Klassiker gelesen und wiedergelesen. Und ich erzählte ihm, wie mich in Arizona als

 Schulkind, das endlich erwachsen werden und in eine größere Wirklichkeit hinaustreten wollte, die Bücher gerettet hatten - Übersetzungen

 und in Englisch verfaßte Bücher. 

Zugang zur Literatur, zur Weltliteratur bedeutete: dem Gefängnis der nationalen Eitelkeit, der Spießbürgerlichkeit, dem zwanghaften

 Provinzialismus, dem stupiden Schulunterricht, der Unvollkommenheit des Schicksals, dem Unglück entkommen. Literatur war der Paß, der

 Zutritt in ein reicheres Leben, in die Sphäre der Freiheit gewährte. 

Literatur war Freiheit. Und vor allem in einer Zeit, in der die Werte des Lesens und des Innenlebens so massiv in Frage gestellt werden wie

 heute, gilt: Literatur ist Freiheit. 

* 

Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser 

Bildunterschrift:

Foto Barbara Klemm 

 

zurück zur Seite bemerkenswerte Reden und Essays