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Schreiben ohne zu sehen

Blinde Journalisten wie Keyvan Dahesch nutzen moderne Technik

 

Mails lesen, im Internet recherchieren – die Arbeit mit dem PC ist heute für viele selbstverständlich. Doch wie orientieren sich Blinde in der Computerwelt? Anlässlich des Internationalen Tags der Behinderten am 3. Dezember geben zwei blinde Journalisten, der Frankfurter Keyvan Dahesch und sein Marburger Kollege Franz Josef Hanke, Einblicke in ihre Arbeit.

 

Frankfurt am Main (pia/29.11.05)


Bild: Keyvan Dahesch am PC schaut Richtung Bildschirm, seine Hände liegen auf der Tastatur ( © Stadt Frankfurt - Presse- und Informationsamt, Fotograf Rainer Rüffer)
„Benefizlauf im Mertonviertel – der Erlös kommt behinderten Kindern zugute“, verkündet eine Computerstimme. Sie liest Keyvan Dahesch die gerade per Mail eingegangene Nachricht vor. Noch schneller erschließt sich dem Journalisten die Meldung mit einer Blindenschrift-Zeile: Die elektronische Vorrichtung unterhalb seiner PC-Tastatur übersetzt den Text direkt in die Fingerspitzen. Beide Hilfsmittel lotsen den 64 Jahre alten Journalisten auch durch das Internet. Unterstützt werden sie von der Spezial-Software „Blindows“, die das Online-Angebot soweit wie möglich als reine Textfelder darstellt – schließlich können Blinde mit Grafiken oder Bildern nichts anfangen.

 

Auf diesem Weg erschließt sich das weltweite Netz auch für Dahesch und seine Kollegen. „Der Internet-Zugang ist für uns mittlerweile sehr gut“, sagt der Blinde Franz Josef Hanke, der 1986 in Marburg ein eigenes Journalistenbüro gründete. Anfang der achtziger Jahre gab es so gut wie keine blinden Journalisten. Dahesch war damals Pressesprecher beim Landesversorgungsamt Hessen und verfasste in seiner Freizeit erste Artikel in Blindenschrift. „Die habe ich dann der Frankfurter Rundschau zur Aufnahme diktiert.“ Jetzt schreibt er seine Texte an einer klassischen PC-Tastatur; zur besseren Orientierung sind manche Buchstaben durch Erhebungen markiert. Zwischendurch stellt Dahesch eine Anfrage an die Online-Suchmaschine, findet dank seiner Hilfsmittel schnell den Treffer und kopiert eine Textpassage zum späteren Nach-„Lesen“. Ein kurzes Telefonat rundet die Recherche ab – Daheschs Handy kann ebenfalls sprechen und SMS oder eingespeicherte Kontakte vorlesen. Per Mail verschickt der Frankfurter seine fertigen Beiträge schließlich an diverse Tageszeitungen und Rundfunksender. Nach dem Besuch eines speziellen Lehrgangs in Bayern hat Dahesch kürzlich auch seine eigene Homepage erstellt und dafür sogar Bilder bearbeitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

 

Obwohl er seit 2002 pensioniert ist, arbeitet der gebürtige Iraner etwa 30 Stunden die Woche als freier Journalist – „zum Leidwesen meiner Frau“, sagt Dahesch und schmunzelt. Bei seiner Themenauswahl liegt ihm die Situation der Behinderten in Deutschland besonders am Herzen. So bemängelt er regelmäßig die Tendenz zur Ausgrenzung dieser bundesweit etwa 6,7 Millionen Menschen – obwohl die Verfassung seit zehn Jahren vorschreibt, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Vielerorts stoßen die Betroffenen auf vermeidbare Barrieren, sei es vor Arztpraxen, Bussen oder Schulen. Um Orientierungshilfen zu bieten, hat die Stadt Frankfurt einen umfangreichen Online-Stadtführer für Menschen mit Behinderungen erstellt (www.frankfurt-handicap.de). Er bewertet die Zugänglichkeit von 6000 Objekten in der Mainmetropole und weist unter anderem auf Ampeln für Blinde oder Telefonzellen für Rollstuhlfahrer hin.

 

Auch im Internet stoßen Blinde und stark Sehbehinderte zuweilen auf unüberwindbare Hürden. „Ein Sehender kann einfach mit der Maus auf einen Link gehen und ihn anklicken“, erklärt Dahesch. Für den gleichen Zweck müssten den Blinden bestimmte Tastenkombinationen genannt werden, „und das hat sich noch nicht einmal in allen Bundesdienststellen herumgesprochen.“ Für „völliges Chaos“ sorgten seit neuestem Links, die sich ohne Klicken selbst auslösen – wer das nicht sieht, verheddert sich im Dunkel des weltweiten Netzes. Als „grauenhaft“ bezeichnet der Marburger Hanke den kostspielig überarbeiteten Internet-Auftritt der Bundesagentur für Arbeit, dessen Such-Informationsdienst für Blinde nicht verwendbar sei. Dabei würden nicht nur Nicht-Sehende, sondern alle Nutzer wegen der besseren Übersichtlichkeit von einer blindenfreundlichen Darstellung profitieren.

 

Trotz modernster Technik, deren Anschaffung in der Regel bezahlt oder zumindest bezuschusst wird, haben es Blinde in der Berufswelt schwerer – darin sind sich beide Journalisten einig. „Man muss gut und gebildet auftreten und insgesamt das Doppelte leisten, um sein vermeintliches Manko auszugleichen“, meint Dahesch. Hanke hält die Lage ebenfalls für schwierig, „auch wenn der Behinderte bei einer Einstellung laut Gesetz bevorzugt werden sollte“. Sein Büro bietet auch Praktika für Berufsanfänger an, und der Marburger erzählt, dass zwei seiner blinden Schüler je ein Volontariat beim HR und NDR bekommen haben. Darauf ist Hanke zu Recht stolz, denn bundesweit sind laut einer Infas-Studie nur knapp 30 Prozent der 155.000 Blinden und 500.000 stark Sehbehinderten berufstätig – Tendenz fallend.

                                                                                                   Nicole Unruh

 

Keyvan Dahesch: www.a-k-dahesch.de, Tel. 069/95059055

Franz Josef Hanke: www.fjh-journalistenbuero.de, Telefon 06421/66616

 

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