Der Kriegsblinde Mai/Juni 2006, Seiten 16/17

Am 12. Juli wird Dr. Hubert Roos 80 Jahre jung!

Belesen, beliebt, bildungshungrig, bescheiden, hilfsbereit, international angesehen: diese Aufzählung umfasst nur einen Teil der Eigenschaften, mit denen wir, Klaus Samulowitz und Keyvan Dahesch, Persönlichkeit und Wirken Hubert Roos' zu beschreiben versuchen. Aktueller Anlass: am 12. Juli 2006 erreicht Dr. Hubert Roos das 80. Lebensjahr.

Jeder von uns hat den Jubilar von mehreren Seiten seines an Ereignissen wahrlich nicht armen Lebens kennen und schätzen gelernt. Schon seit meinem Eintritt in den Bezirk Frankfurt des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands erfuhr ich, Klaus Samulowitz, sein Einfühlungsvermögen und seine Güte. Damals war er Stellvertreter des Bezirksvorsitzenden Dr. Gerhard Gleiber. Nach dessen frühem Tod im Jahre 1983 übernahm Dr. Roos die Leitung des Bezirks. Das Amt des Vizevorsitzenden hatte er bereits seit 1953, also 30 Jahre, inne. Allen Vorstandsmitgliedern im Bezirk war und ist er bis heute ein sachkundiger Berater und unschätzbarer Helfer.

Mir, Keyvan Dahesch, vermittelte Dr. Roos als Dozent im Hessischen Verwaltungsschulverband 1972/73 Rechtskenntnisse, ohne die ich meine Laufbahn-Prüfungen nicht erfolgreich abgeschlossen hätte. Auch die meisten Kolleginnen und Kollegen, die in dieser Klasse von dem damaligen Amtsjuristen des Schulamtes,

Dr. Roos, in rechtliche Zusammenhänge eingeführt wurden, haben in- und außerhalb von Frankfurt beruflich beachtliche Karrieren gemacht.

Lassen wir im Telegrammstil einige Stationen im Leben des Jubilars vor unserem geistigen Auge Revue passieren:

Am 12. Juli 1926 kam Hubert Roos in Frankfurt am Main zur Welt. 1937 wehrte er sich bereits als 11 -jähriger gegen das Verbot der katholischen Jugendbewegung durch die Nazis, brachte heimlich verfolgten jüdischen und kommunistischen Familien in Frankfurt Lebensmittel, kundschaftete für einen katholischen Pfarrer und späteren Prälaten das Geschehen vor dem Gestapo-Gefängnis aus und verteilte Hirtenbriefe. 1943, mit seinen Schulkameraden als Luftwaffenhelfer in einer Flakbatterie in Hofheim am Taunus eingesetzt, schrieb Roos von Hand regimekritische Hirtenbriefe des Bischofs Graf Gahlen von Münster ab und verteilte diese Kopien nicht nur an Mitschüler.

Für diesen Widerstand erhielt Hubert Roos, der 1944 als Soldat eingezogen wurde und am
16. April 1945 bei einer Tretminenexplosion im Ruhrgebiet das Augenlicht verlor, Ende Januar
1993 zusammen mit 31 anderen Frauen und Männern die "Johanna-Kirchner-Medaille" der Stadt Frankfurt. "In Würdigung beispielhaften Widerstandes gegen die Nazidiktatur, der Maßstäbe für nachfolgende Generationen gesetzt hat, ist diese Medaille verliehen", lautet die Urkunde, die an die aus Frankfurt am Main stammende und 1944 hingerichtete Widerstandskämpferin Johanna Kirchner erinnern soll.

Roos habe nicht nur mit seinem Verhalten in der NS-Zeit, sondern auch als Kriegsblinder danach beispielhafte Maßstäbe gesetzt, erklären übereinstimmend seine Berufskollegen und jene, mit denen er in nationalen und internationalen Wohlfahrtsorganisationen zusammengearbeitet hat. Als Blinder lernte Roos rasch Blindenschrift und das Schreiben auf der normalen Schreibmaschine, studierte Rechtswissenschaft, promovierte mit Auszeichnung und arbeitete von 1953 bis Ende 1985 als Jurist bei der Stadtverwaltung seiner Heimat Frankfurt, wo er zwei Jahre lang das Rechtsamt kommissarisch leitete. Daneben hielt er Vorlesungen an der Goethe-Universität und bildete
- wie schon gesagt - viele Nachwuchskräfte des Öffentlichen Dienstes aus.

Neben seinen Ehrenämtern innerhalb des BKD war er lange Jahre Präsident und Vizepräsident der Internationalen Katholischen Blindenbewegung. Heute ist er Vorsitzender des Deutschen Katholischen Blindenwerkes. Wie viele von uns Blinden kann er eine Enttäuschung nicht verwinden: Als er Leiter des Rechtsamtes werden wollte, attestierten ihm seine Vorgesetzten hervorragende Leistungen und zwei Jahre tadellose Arbeit als kommissarischer Leiter, wiesen aber seinen Wunsch mit der Begründung zurück, als Blinder könne er Pläne nicht lesen. "Das ist eine vorgeschobene Begründung. Es gibt gute Assistenzkräfte, die einem Nichtsehenden Menschen alles bis in
alle Einzelheit vermitteln können", stellt der weltläufige Jurist Hubert Roos fest.

Der BKD jedenfalls hat die Verdienste seines Mitglieds seit der Widergründung 1946 u.a. schon 1977 mit der Verleihung der Goldenen Ehrenmedaille, die ihm der langjährige Bundesvorsitzende Dr. Franz Sonntag persönlich überreichte, gewürdigt. 19 Jahre später, am 1. März 1996, erhielt Roos ebenfalls aus der Hand des Bundesvorsitzenden Dr. Sonntag in der - inzwischen leider verkauften - Kurklinik in Bad Homburg den Silbernen Ehrenbecher, die neben dem Hörspielpreis höchste vom BKD verliehene Auszeichnung. Darauf ist der Geehrte besonders stolz, weil der von ihm hoch geschätzte Dr. Franz Sonntag kurz danach - Ende April - starb, "Das war leider meine letzte Begegnung mit ihm", sagt Roos, Seit 1971 prägt Dr. Roos als ehrenamtlicher Richter am Bundessozialgericht in Kassel die Rechtsprechung dieses obersten Gerichtes mit.

Wir denken, dass Dr. Roos viele Gründe hat, auf sein Lebenswerk stolz zu sein. Von ganzem Herzen hoffen und wünschen wir ihm, dass er seiner Familie, Freunden und Verehrern, zu denen auch wir gehören, in derselben körperlichen und geistigen Frische noch lange erhalten bleiben möge!

Klaus Samulowitz, Landesverbandsvorsitzender Hessen-Thüringen des BKD

Keyvan Dahesch,

pensionierter Pressesprecher und Bürgerbeauftragter des Hessischen Landesamtes für Versorgung und Soziales


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