Bundesorden für Malteser-Ärztin - «Hoffentlich ist niemand neidisch
Von Wolf von Dewitz, dpa

   Berlin (dpa/bb) - Ende August bekam sie einen Brief vom Bundespräsidenten. Sie würde das Bundesverdienstkreuz erhalten. Ihre erste Reaktion war: «Hoffentlich ist jetzt niemand neidisch.» Bescheidenheit ist für die Berliner Ärztin Adelheid Franz ganz selbstverständlich. Sie ist Leiterin der «Malteser Migranten Medizin» (MMM), einer medizinischen Beratungsstelle für Menschen ohne Versicherungsschutz in Berlin-Wilmersdorf. Am Mittwoch (4. Oktober) wird ihr im Schloss Bellevue der Bundesverdienstorden am Bande verliehen.

   Der Arbeitsplatz ist gewöhnungsbedürftig: Ein langer, düsterer Flur, vergilbte Tapeten. In der Mitte tickt eine große Bahnhofsuhr.
Die Sitzgarnitur im Warteraum passt in einen Doku-Film über die 70er Jahre. Gegenüber öffnet sich die Tür zu Franz' Arbeitszimmer. Der Schreibtisch sieht nach Arbeit aus: offene Aktenordner, durchwühlte Papierstapel. Dahinter in einem einfachen Holzregal Medikamente für alle Art Krankheiten.

   Seit 2001 habe sie schon mehr als 6000 Patienten empfangen, sagt die engagierte Ärztin. Sie redet schnell und viel, ungern aber über sich selbst: Sie sei in Berlin geboren und habe dort auch studiert.
Die Frage nach Kindern zaubert ein Lächeln auf das ernste Gesicht.
«Es sind nur drei», antwortet die gläubige Katholikin. Rasch lenkt sie das Gespräch wieder auf die Arbeit. Dreißig Stunden in der Woche ist sie in der Praxis tätig.

   Etwa 85 Prozent ihrer Patienten seien Ausländer, die illegal in Deutschland leben. Die Behandlung sei anonym, auf die Karteikarten schreibe sie Fantasienamen wie «Jeannie Jean». Mit den Kranken spricht Franz deutsch oder englisch. Jeder fünfte Patient kommt aus Afrika, viele aus Osteuropa und der Türkei, sagt Franz. Da sei die sprachliche Verständigung manchmal schwierig. «Dann wird das Wörterbuch so lange hin und her gewälzt, bis es klappt.»

   Das Gesetz verbietet, Illegalen zu helfen. Adelheid Franz schüttelt da den Kopf. Es sei ihre Pflicht als Ärztin und Christin, Menschen zu helfen, egal welcher Herkunft. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) unterstützt sie in ihrer Arbeit. Ärzte seien nicht verpflichtet, die Namen von Illegalen offen zu legen, sagt Körting.
«Sie helfen Menschen, die ärztlich versorgt werden müssen, das wird von uns als legal angesehen.»

   Die Praxis für Allgemeinmedizin auf dem Gelände des Sankt Gertrauden-Krankenhauses ist häufig nur erster Anlaufpunkt für die Patienten. Deren Krankheiten und Verletzungen sind oft so schwer, dass sie zu Fachärzten weitergeschickt werden. Ein Netzwerk aus 160 Medizinern, einem Dutzend Krankenhäusern, Apotheken und Hebammen steht dann zur Verfügung. Manchmal helfen die Ärzte gratis, manchmal übernehmen die Malteser die Kosten.

   «Meine Patienten sind nicht öfter krank als andere», sagt Franz.
Die Erkrankungen seien aber schwerer. Nicht Krankenversicherte warten länger, bis sie zum Arzt gehen. Statt mit «Wohlstandskrankheiten» wie Diabetes oder Bluthochdruck kämen die Menschen teils mit schweren Brüchen oder starken Zahnschmerzen. In jedem fünften Fall sitzt Franz eine hoch schwangere Frau gegenüber, die dann zur Entbindung in ein Krankenhaus oder in die Obhut einer Hebamme gebracht wird.

   Seit der Gründung der «Malteser Migranten Medizin» im Jahr 2001 in Berlin hat sich der Anteil von deutschen Patienten auf rund acht Prozent verdoppelt. Das seien eher selten Obdachlose. Die nämlich seien nach den Hartz-IV-Reformen gesetzlich krankenversichert. «Viele Selbstständige können sich den Beitrag zur Krankenversicherung nicht leisten», erläutert Franz. Wenn sie Beiträge nicht zahlen, kann die Krankenversicherung sie kündigen. Bundesweit gibt es nach einer Schätzung des Bundes der Versicherten aus dem Jahr 2003 knapp 200 000 Deutsche, die keine Krankenversicherung hatten. Aktuelle Zahlen gibt es nicht.

   Das Bundesverdienstkreuz ist für Adelheid Franz nicht die erste Ehrung. 2004 zeichnete Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die Malteser und ihre Leiterin als «Botschafter der Toleranz» aus.
Zusammen mit 50 anderen Menschen wird sie nun von Bundespräsident Horst Köhler den Bundesverdienstorden überreicht bekommen. In der ersten Reihe wird die bescheidene Berlinerin bei der Verleihung wohl nicht zu sehen sein.

(Internet: www.malteser-berlin.de)


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