Nachgefragt bei ...Keyvan Dahesch

 

 

Keyvan Dahesch hat es geschafft. Ob dpa oder Frankfurter Rundschau - sie alle drucken, was er schreibt. Welcher Journalist kann das schon von sich behaupten? Und was er schreibt, klärt auf: über die Lage und die Leistungen von Menschen mit Behinderungen, über neueste Entwicklungen in der Gesetzgebung und in der „Behinderten-Szene”. Dafür ist Dahesch schon vielfach ausgezeichnet worden - von Verbänden und Institutionen, aber auch von der Stadt Frankfurt, in der er lebt. 1996 erhielt er sogar das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Dahesch ist stolz auf seinen Erfolg, denn der ist ihm nicht einfach so zugeflogen.

Der blinde Journalist wurde am 26. Dezember 1941 in Teheran geboren. Da es dort keine Schulen für sehbehinderte Menschen gab, besuchte er zeitweilig eine Regelschule. „Aber da saß ich nur, hörte zu und versuchte, mir möglichst viel zu merken.” 1957 wechselte er auf die Blindenschule der Christoffel-Blindenmission in Isfahan. „Meine Eltern wollten, dass ich dort etwas Deutsch lerne, denn ich sollte nach Deutschland gehen. Sie hofften, dass die Ärzte dort meine Augen operieren könnten,” erinnert sich Dahesch. „Deshalb fuhr ich mit meinem Vater 1958 nach Deutschland. Wir suchten Ärzte in verschiedenen Städten auf und alle bescheinigten uns, dass sie mir nicht helfen können. Ich blieb dann allein in Deutschland.” Da war Dahesch gerade mal 16 Jahre alt. Er besuchte eine Blindenschule in Stuttgart und absolvierte eine Ausbildung zum staatlich geprüften Masseur und medizinischem Bademeister in Frankfurt. In diesem Beruf arbeitete er über zehn Jahre, bevor sein Leben erneut eine entscheidende Wendung erfuhr. 1972 erhielt er ein Stipendium des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das ihm erlaubte, Volkswirtschaft, Soziologie und Arbeitsrecht an der Akademie der Arbeit in Frankfurt zu studieren. Hier beginnt auch sein erster Kontakt mit dem Journalismus. „Wir konnten abends freiwillig an Arbeitsgemeinschaften zu verschiedenen Themen teilnehmen. Ich entschied mich für die Arbeitsgemeinschaft Medien. Da habe ich erst mein Talent für diesen Bereich entdeckt.” Nach Abschluss des Studiums begann Dahesch die Ausbildung für die Verwaltungslaufbahn des gehobenen Dienstes beim Hessischen Landesamt für Versorgung und Soziales (damals: Landesversorgungsamt Hessen) und wurde nach bestandener Laufbahnprüfung 1975 Pressesprecher der Behörde. „Die hatten damals irgendwie keinen, der das sonst hätte machen können”, sagt er bescheiden. Durch seine Tätigkeit lernte er Redakteurinnen und Redakteure von Presseagenturen, Zeitungen und Rundfunk kennen. Die waren von ihm so beeindruckt, dass sie ihn in seiner journalistischen Entwicklung unterstützten. „Einige haben mich richtig bewundert, dass ich das alles geschafft habe. Deshalb haben sie mir geholfen. Ich habe zum Beispiel Nachrichten und Berichte geschrieben, und sie haben sie dann korrigiert und mir Tipps gegeben.” Dahesch ist immer noch Pressesprecher der Behörde. Und freier Journalist.  Man trifft ihn überall dort, wo Pressekonferenzen oder Veranstaltungen zur Situation und zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen stattfinden. Man kennt ihn und weiß eins ganz genau: Er lässt sich nicht abspeisen mit schönen Reden oder vorbereiteten Pressemitteilungen. „Ich frage nach, immer wieder, bis ich es ganz genau weiß. Das empfinden manche bestimmt als nervend.”  Eine journalistische Tugend, die er nicht als Selbstzweck einsetzt, sondern um der Sache willen: um Missstände in der Gesellschaft anzuprangern und zum Abbau von Vorurteilen und Ungleichbehandlung beizutragen. Denn sein Traum ist, dort leben zu können, wo Toleranz und Menschlichkeit herrschen.                                                                                                                                                       Mar

 

Fragebogen

 

 

Was ist für Sie das vollkommene Glück?

Mit der geliebten Frau bei einer Flasche trockener Rieslingauslese Mozartmusik hören.

 

Wo möchten Sie gerne leben?

Dort, wo Menschlichkeit und Toleranz herrschen.

 

Was ist Ihre größte Hoffnung?

Dass alle Menschen in Deutschland Menschlichkeit und Toleranz üben.

 

Was treibt Sie zur Verzweiflung?

Das Ignorieren der Barrieren im Leben der Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen durch verantwortliche Politiker und Ministerialbürokratie.

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Selbstbewusstsein, hohe Bildung und Verständnis für die Probleme anderer Mitmenschen.

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Toleranz, Einfühlsamkeit und Verständnis für die Probleme anderer Mitmenschen.

 

Was ist Ihr größter Fehler?

Ungeduld und Eile.

 

Ihr Hauptcharakterzug?

Andere zu nerven.

 

Welche Ihrer Vorzüge werden verkannt?

Ich weiß es nicht.

 

Was war/ was ist ihr größter Erfolg?

In dem Entwicklungsland Iran blind geboren, bis zum 16. Lebensjahr ohne Bildung aufgewachsen, in Deutschland nach mühevollen Ausbildungen und Bewährung ein beachtliches gesellschaftliches und berufliches Ansehen erreicht zu haben.

 

Was ist Ihre liebste Beschäftigung?

Flirten, Bücher lesen, Radio hören, Artikel schreiben, Tandem fahren.

 

Ihr Lieblingsbuch?

„Die Elenden" und „Der Glöckner von Notre Dame” von Victor Hugo.

 

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Victor Hugo, Charles Dickens, Jakob Wassermann und Johannes Mario Simmel: Alle bekämpfen überzeugend Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen oder anderer Hautfarbe und prangern  Missstände in der Gesellschaft an.

 

Ihr Lieblingsfilm?

Schindlers Liste.

 

Was sehen Sie im Fernsehen am liebsten?

Die Sendungen „Panorama" und „Monitor" sowie Sendungen mit Audiodeskription, d.h. mit hörbaren Bilderklärungen.

 

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Die Einführung des Frauenwahlrechts.

 

Wem zollen Sie Respekt?

Gleichermaßen: Der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller, dem taubblinden Masseur Helge Maistriszyn, der ohne Arme und Hände aufgewachsenen Doktor Theresia Degener, dem fast blinden bisherigen Geschäftsführer der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, Ottmar Miles-Paul, der Vorsitzenden der Theodor-Heuss-Stiftung Hildegard Hamm-Brücher, dem Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker, den Altbundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie meiner sehbehinderten Frau Anni, die trotz ständig schwächer werdender Sehkraft entscheidend zu meiner Entwicklung beigetragen hat.

 

Was würden Sie durchsetzen, wenn Sie für einen Tag Deutschland regieren würden?

Die Abschaffung der staatlichen Parteienfinanzierung, ein Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen und die Gleichbehandlung aller Formen der Lebensgemeinschaft.

 

Wie, denken Sie, wird in 10 Jahren die Stellung behinderter Menschen in Deutschland sein?

Hoffentlich besser als heute.

 

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Abraham Lincoln, der als US-Präsident die Sklaverei abschaffte.

 

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt noch erfüllen?

So fließend englisch wie deutsch zu sprechen.

 

Wie möchten Sie sterben?

Schmerzlos von einer zur anderen Sekunde.

 

Wie lautet Ihre Lebensphilosophie?

„Was Du nicht willst, dass man Dir tut, das füg' auch keinem andern zu!"

 

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