Sonntag, 2. Dezember 2007 Deutschlandfunk 06.05 Uhr:
Diskriminierung behinderter Menschen trotz Verbots?

Kommentar zum Welttag der behinderten Menschen“ am 3. Dezember 2007
Von Keyvan Dahesch

Werden in Deutschland behinderte Menschen diskriminiert? „Ja“, sagt die Bundesbehindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer.
Bei einem Vortrag in Köln fügte sie noch hinzu: Wohlgemerkt: im 21. Jahrhundert!

Diskriminieren heißt trennen, absondern. Wenn Kinder mit Behinderungen nach der Kindergarten-Zeit von ihren Altersgenossen getrennt und in die Förderschule geschickt werden, sind sie abgesondert.
Wenn sie sich später um einen Arbeitsplatz bewerben, bekommen sie vielfach Absagen. Die Firmenchefs wissen doch nichts von den Fähigkeiten und Leistungen dieser Menschen. Sie haben sich ja zuletzt vielleicht im Kindergarten getroffen.

Deshalb ist die Zahl arbeitsloser Menschen mit Handicap immer noch viel höher als die der Nichtbehinderten.
Während die Arbeitslosigkeit nach Angaben der Bundesregierung in den letzten zwölf Monaten um 22 Prozent zurück ging, sank sie bei Menschen mit Behinderungen im selben Zeitraum nur um 10 Prozent.
Kinder mit und ohne Behinderungen, die zusammen aufwachsen, Schule, Studium und Berufsausbildung absolvieren, kennen einander genau, wissen, wie sie sich ergänzen können. Unsere nördlichen und westlichen Nachbarländer zeigen, wie eine ernsthaft betriebene Integration gehandicapter Menschen in Schule, Arbeit und Gesellschaft aussehen kann.

Dort gehen mehr als 80 Prozent der Kinder mit Behinderungen in eine Allgemeinbildende Schule. Bei uns haben bislang nur 12 Prozent dieses Privileg. In Skandinavien überweisen staatliche Stellen den Menschen mit Handicap die Kosten der nötigen Hilfskräfte.
Dadurch werden die Ehepartner und Familien entlastet.
Hierzulande mussten bis jetzt die Angehörigen die Pflege und Unterstützung alleine bewerkstelligen.
Mit einem persönlichen Budget nach dem Sozialgesetzbuch können vom nächsten Jahr an schwerbehinderte Menschen eine Pflegekraft einstellen und ihr Leben somit selbstbestimmt gestalten.

Diskriminiert werden behinderte Menschen nicht nur durch Absonderung in Förderschulen, sondern auch durch Barrieren, die nicht oder nur im Schneckentempo abgebaut werden. Noch immer sind die meisten Bahnen, Busse, Flugzeuge, Telefone, Haushalts-, elektro-, Radio- und Fernsehgeräte voll solcher Hindernisse.
Sie alle sind vielmehr an den Fähigkeiten junger dynamischer Frauen und Männer ausgerichtet.
Wären sie so angelegt, dass sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderungen sie problemlos erkennen, erreichen und benutzen könnten, bräuchte die Wirtschaft nicht so sehr über den Konsumverzicht zu jammern.
Denn schon wegen der demografischen Entwicklung werden die Menschen solche Geräte und Wege benutzen, mit denen sie am besten zurecht kommen.

Es greift zu kurz, wenn Ministerin Ursula von der Leyen Produkte für Senioren oder die Bundesbeauftragte spezielle Waren für Behinderte verlangen.
Bauten, Erzeugnisse und Dienstleistungen, die alle Menschen ohne Schwierigkeit nutzen können, dürften der Renner werden.
Sie müssen auch nicht - wie zurzeit viele Busse, Bahnen und Haltestellen - für viel Geld umgebaut und nachgerüstet werden.

Warum klagten lange, lange vor dem jetzt geltenden Rauchverbot Gastwirte  über das Wegbleiben der Kunden? Weil neben tatsächlicher oder vermeintlicher Verdoppelung der Verzehr- und Getränkekosten nach der Euro-Umstellung die wenigsten Lokale ebenerdig erreichbare Toiletten haben!
Da die Mobilität der Menschen mit zunehmendem Alter naturgemäß nachlässt, wollen die Gasthausbesucher nicht gern zur Toilette nach unten in den Keller oder nach oben in den ersten Stock gehen.  
Das gilt leider auch für die nicht wenigen in den letzten Jahren errichteten Konzert-Häuser, Kultur- und Sportstätten.

Parlamentarier, die zum Welttag der Behinderten die immer noch hohe Zahl der jobsuchenden Menschen mit Behinderungen beklagen, haben deren schwierige Situation bei den Arbeitsmarktreformen nicht berücksichtigt.
Machte die Schwerfälligkeit der Behörde unter dem damaligen Namen Bundesanstalt für Arbeit die Jobvermittlung nicht leicht, war sie doch immerhin die einzige Anlaufstelle.

Heute müssen Behinderte zunächst die zuständige Stelle ausfindig machen. Die Bundesagentur für Arbeit kümmert sich um Menschen, die schon gearbeitet und Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben.
Behinderte Menschen, die nach der Schule oder dem Studium Arbeit suchen, gelten als Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Sie sind auf Kenntnisse, Kreativität und Engagement eines mit Vertretern ihrer Stadtverwaltung und der Arbeitsagentur besetzten Gremiums angewiesen.

Nach jahrelangem Drängen der Wirtschafts-Lobby nun dies: Im Jahr 2000 hat der Gesetzgeber die Verpflichtung der Betriebe und Verwaltungen, mindestens sechs Prozent ihrer Stellen mit schwer behinderten Menschen zu besetzen, auf 5 Prozent gesenkt.

Dadurch ging die Ausgleichsabgabe der Arbeitgeber für die nicht erfüllte Beschäftigungsquote kontinuierlich zurück. Doch der von diesem Schritt erhoffte Rückgang der Arbeitslosigkeit behinderter Menschen lässt bis heute auf sich warten.


Erstellt: 30.11.2007 18:55

 

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