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Rede von Bischof Franz Kamphaus, Limburg, aus Anlaß der Verleihung des Ignatz-Bubis-Prreises der

Stadt Frankfurt am Montag, 12. Januar 2004, in der Frankfurter Paulskirche

Der Preis der Toleranz

Der Weltraumfahrer blickt auf die Erde - Sie kennen das Bild: Unser blauer Planet mitten im schwarzen

All. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir die ganze Erde vor Augen, nicht nur in

Nachbildungen aus Pappmachée, nicht nur in unseren Träumen und Phantasien, sondern real: Der Blick

auf den Globus! Das prägt unsere Weltsicht. Alle sprechen von „Globalisierung“. Globale

Handelsbeziehungen, globale Politik, globale Kommunikation - eine Welt.

Mit dem Trend zur Globalisierung steigt die Pluralisierung. Beide sind Signaturen dieser Zeit. Sie

widersprechen sich nicht, sondern gehören zusammen. Die Globalisierung vereinheitlicht nicht nur, die

sozialen Verhältnisse werden vielgestaltiger. Wie rasch das geschieht, kann man in Großstädten wie

Frankfurt oder Berlin erleben. Neben Kirchen stehen Moscheen (in Frankfurt über 30), neben der Fastenzeit

praktizieren Menschen den Ramadan. Gasthäuser oder Gemüseläden wechseln ihre Besitzer und tragen

plötzlich ausländische Namen. Über Nacht sehen ganze Stadtviertel exotisch aus. Global und plural -

Einheit und Vielfalt kennzeichnen unsere Welt. Sie ist in Bewegung geraten, nicht wenige fürchten, aus

den Fugen. Das verunsichert, ängstigt, birgt in jedem Fall Konfliktstoff in sich, sogar Sprengstoff.

1. Einheit und Vielfalt des Menschengeschlechts als Herausforderung zur Toleranz

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen ergibt sich

nicht von selbst. Unbedarfte Multi-Kulti-Träume zerplatzen an der rauen Realität. Die globale Perspektive

des Universalismus sitzt uns nicht in Fleisch und Blut. Da sitzt etwas ganz anderes, wie Soziobiologen

und Verhaltensforscher lehren. Das stammesgesellschaftliche Erbe eicht uns darauf, dem Anderen und

mehr noch dem Fremden mit Misstrauen oder gar mit Feindseligkeit zu begegnen. Wir gewinnen

unsere individuelle und auch kollektive Identität zunächst auf dem Wege von Abgrenzung und

Ausgrenzung. Der Universalismus eines weltweiten Gleichheitsprinzips - so der Biologe und

Anthropologe Christian Vogel - ist uns gerade nicht angeboren, er bedeutet eine Kulturleistung höchsten

Grades. Sie muss einer ständig widerstrebenden Natur des Menschen abgetrotzt werden. Hierbei hat

die jüdisch-christliche Tradition bahnbrechend gewirkt. Sie hat das Verhältnis von Einheit und Vielfalt

des Menschengeschlechtes (Globalisierung und Pluralität) in unserer Kulturgeschichte nachhaltig geprägt.

In den alten Kulturen unseres Lebensraumes wird dieses Menschheitsthema religiös beantwortet: Die

polytheistische Weltsicht geht von der Vielfalt der Völker und der verehrten Götter aus; die Einheit

dagegen ist oft das nachträgliche Ergebnis religionsphilosophischer Deutung oder vertraglicher

Regelung nach gewaltsamen Eroberungen. Anders die Konzeption des Monotheismus, wie er sich in

der Bibel durchsetzte. Er versucht von vorneherein Einheit und Vielfalt zu verbinden, wie das Buch

Genesis zeigt. Die Genealogien und die so genannte Völkertafel stellen klar, dass alle von einem

Urelternpaar abstammen, dass alle Söhne und Töchter des einen Gottes sind. Die biblischen Autoren

kennen durchaus Völker, die schuldig werden und die dann die Geschichte bestraft. Aber gerade in der

Völkertafel nutzen sie das sonst charakteristische Abstammungs- oder Stammbaumdenken nicht, um

den Vorrang eines bestimmten Volkes, sondern um im Gegenteil die ursprüngliche Gleichheit und

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Zusammengehörigkeit aller Völker zu begründen. Die Grundaussage des Monotheismus lautet: Ein

Gott - eine Menschheit, sie lautet nicht: Ein Gott – ein Reich – ein Kaiser, und schon gar nicht: ein Gott

– ein Volk – ein Führer. ‘Gott’ ist auf die ganze Menschheit bezogen - anders ist er kein Thema. Götter

sind pluralisierbar und regionalisierbar, nicht aber Gott. Der ist nur ‘mein’ Gott, wenn er auch ‘dein’

Gott ist, er ist nur ‘unser’ Gott, wenn er auch der Gott aller Menschen ist.

Die Geschwisterlichkeit aller Völker und Menschen wird in der ersten Schöpfungsgeschichte mit der

Gottebenbildlichkeit verbunden. Das ist revolutionär. Es sind eben keine Tiere oder Statuen, die als

wirkmächtige Repräsentationen Gottes in der Schöpfung gelten, auch keine Priester oder Könige. Der

Mensch ist es, jeder Mensch, Adam und Eva, Mann und Frau. Mit Recht wird diese biblische

Grundaussage als Fundament der Demokratisierung sozialer und politischer Beziehungen bezeichnet.

Sie setzt radikaler an als das altgriechische Demokratie-Modell. Das betrifft nämlich nur den kleinen

Kreis freier und begüterter Männer. Die jüdisch-christliche Tradition duldet keine Ausnahmen, sie ist

anti-elitär. Jeder Mensch ist Mensch; nicht der eine mehr, der andere weniger; nicht der eine wertvoll,

der andere unwert. Dass gerade die Kranken, die Armen, die Verlierer in ihrer Würde unantastbar sind,

das ist jüdisch-christliches Erbe. Wer gegenwärtig das Soziale neu zu denken beansprucht, muss sich

zu allererst dieses Fundaments vergewissern.

Der biblische Universalismus hat die Überwindung von Stammesdenken, Rassismus, Nationalismus

und Reichsideologie möglich gemacht. Er hat die Idee der Menschenrechte inspiriert, lange bevor sie

in Gesetzen und Verfassungen ihren Ausdruck gefunden hat. Wachsamkeit ist angesagt, damit dieses

Geschenk nicht auf dem Markt postmoderner Beliebigkeiten verschleudert wird. Dort wird polytheistisch

das Lob der Vielfalt gesungen und behauptet, der universalistische Monotheismus bedeute Gewalt,

sei im Prinzip intolerant und latent totalitär. Dabei ist er jedenfalls faktisch der Wegbereiter der

abendländischen Toleranzgeschichte. Er hält die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt des

Menschengeschlechtes aus und stellt sich der damit gegebenen Verantwortung der Menschen

füreinander durch die Tugend der Toleranz.

2. Tolerare heißt „durchtragen“

Der lateinische Begriff „tolerantia“ taucht erstmals in der stoischen Philosophie auf, vor allem bei

Cicero, allerdings nicht in der uns geläufigen Bedeutung. Darauf hat der Frankfurter Philosoph Rainer

Forst (Toleranz im Konflikt) jüngst aufmerksam gemacht. Wenn wir ‘Toleranz’ hören, denken wir an

soziale Beziehungen. Der stoische Begriff ‘tolerantia’ betrifft das Verhältnis des Menschen zu sich

selbst, die Fähigkeit etwa, ein schweres Schicksal zu tragen. Dass die Bedeutung des Wortes sich in

unserem Sinne verändert hat, ist den altlateinischen Bibelübersetzern, vor allem der Paulusbriefe, zu

verdanken. „Nicht die römischen Klassiker, sondern die Kirchenväter und frühmittelalterlichen Theologen

haben aus ‘tolerantia’ eine soziale Tugend, einen Leitbegriff zwischenmenschlichen Verhaltens und

christlicher Gemeinschaftsbildung gemacht“ (Geschichtliche Grundbegriffe 447 f.). „Die Liebe (er)trägt

alles“ (1 Kor 13,7). „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2). Prototyp dieser Haltung ist der leidende

Gerechte, der Gottesknecht (Deutero Jesaja), den die Christen im Juden Jesus aus Nazareth verehren.

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In der gegenwärtigen Diskussion über die Toleranz als politischer Kardinaltugend ist dieser nüchterne

Ursprungssinn des Wortes in Erinnerung zu rufen. Von Toleranz zu sprechen, wenn man das Andere in

seiner Vielfalt als Bereicherung erfährt, verharmlost das Wort. Schönes und Bereicherndes aufzunehmen

bedarf nicht der Toleranz. Welche Frau würde sagen, sie toleriere ihren Mann? Eher schon, sie liebe

ihren Mann, deswegen toleriere sie seine Schlamperei. Die Toleranz steht zwischen Ablehnung und

uneingeschränkter Bejahung. Sie hält dazu an, etwas zu ertragen, was eigentlich unerträglich erscheint.

R. Forst spricht von einer „Ablehnungs-Komponente“. Ohne sie verliert der Begriff seinen Sinn. Toleranz

bedeutet die Fähigkeit, eine andere Überzeugung oder ein anderes Verhalten - mitunter zähneknirschend

- auszuhalten, durchzutragen, hinzunehmen.

Das hat eine wichtige Konsequenz: Zwar eröffnet Toleranz einen sozialen Raum, in dem Zusammenleben

möglich ist. Aber dieser Raum ist begrenzt. Es ist ein Unding, grenzenlos tolerant zu sein. Eine

Gemeinschaft oder Gesellschaft, die keine Grenzen der Toleranz kennt und alles erlaubt, zerstört sich

selbst. Das ist zwangsläufig so, weil unbegrenzte Toleranz auch ihren Feinden freie Hand lassen müsste.

Paulus sagt zwar, die Liebe ertrage „alles“. Wenn er aber die Wahrheit und Freiheit des Evangeliums

bedroht sieht, also die Grundlage der Toleranz, dann kennt er kein Pardon.

Tolerant kann nur sein, wer einen Standpunkt hat. Die Toleranz rät nicht, dass wir im Zeitgespräch, im

Gespräch mit anderen Religionen und Kulturen Unterschiede kaschieren, sondern dass wir sie aushalten

im Respekt voreinander. Sie verlangt Entschiedenheit, verbietet dabei aber jede Form innerer oder

äußerer Pression und Gewalt. Simone Weil, eine jüdische Grenzgängerin zwischen den Religionen,

sagt: „Der falsche Gott macht aus dem Leiden Gewalt. Der wahre Gott macht aus der Gewalt Leiden.“

Wer hätte das in seiner Geschichte mehr zu spüren bekommen als das jüdische Volk.

3. Die Last kirchlicher Intoleranz

Man kann sich als Christ, Katholik und Bischof drehen und wenden, wie man will, am Ende kommt

man doch nicht um das ehrliche Eingeständnis herum, dass auf der Geschichte des Christentums eine

schwere Hypothek lastet. So berechtigt es ist, gegenüber vorschnellen Urteilen auf größere historische

Genauigkeit und Gerechtigkeit zu drängen, am Kern der Schuld ändert das nichts: Der christliche

Antijudaismus mit seinen abgründigen Folgen bleibt eine Schande. An dieser schweren Last hat die

Kirche als ganze zu tragen, das trifft nicht nur einzelne Gläubige. Es geht nicht an, dass wir die Kirche

auf der Sonnenseite christlicher Toleranzgeschichte erstrahlen lassen und die langen Schatten nur

einzelnen Christen anhängen.

Nicht zur Entschuldigung, sondern zur Schärfung unserer heutigen Verantwortung sei gleichwohl dieses

zu bedenken gegeben: Die schrecklichsten Verbrechen sind nicht selten in bester Absicht verübt worden,

sogar aus Liebe. Steckt nicht oft hinter theologischer Streitsucht und Rechthaberei zugleich eine

Leidenschaft für die Wahrheit, hinter brutalem Zwang und roher Gewalt auch die Sorge um Wohl und

Wehe und das Heil von Menschen? Heiliger Eifer - und die unseligen Folgen! Wir haben allen Grund,

solche Perversionen zu verurteilen. Aber wir sollten nicht unterschätzen, wie nah uns selbst diese

Versuchung ist, jeder und jedem persönlich und in der großen Politik. „Und willst Du nicht mein Bruder

sein, dann schlag´ ich Dir den Schädel ein“ – dieses schreckliche Sprichwort bringt die Sache auf den

Punkt. Einen Mitmenschen zu seinem Heil zwingen zu wollen, ist immer gefährlich und in der Regel

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zerstörerisch. Am Schlimmsten kommt es, wenn wirtschaftliche, politische oder militärische Macht zur

Verfügung stehen und zu diesem Zweck eingesetzt wird. Das spricht entschieden für die Trennung von

Religion und Staat. Sie tut der Religion gut, die soll in ihrem Heilsauftrag auf nichts anderes vertrauen

als auf Gottes Wort. Aber sie tut nicht nur der Religion gut. Das 20. Jahrhundert hat auf höllische

Weise gezeigt, was geschieht, wenn der Staat sich anmaßt, seine Bürgerinnen und Bürger erlösen zu

wollen.

Von kirchlicher Seite ist häufig argumentiert worden, es sei eine heilige Pflicht, die Menschen zu lieben

und gerade deswegen Irrtum und Sünde zu bekämpfen. Das ist wahr. Aber zugleich beweist die

Geschichte, dass der Kampf gegen Irrtum und Sünde nur dann nicht zum Kampf gegen irrende und

sündige Menschen wird, wenn die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen, selbst die des

Verbrechers und sogar des Terroristen das absolute Richtmass des Handelns bleibt, für Staat und

Religion gleichermaßen. Selbst das geringste Zugeständnis an unsere Neigung, der Freiheit zu misstrauen

und um des Menschen willen Grundrechte – voran das Recht auf Gewissens-, Meinungs- und

Religionsfreiheit - zu beschneiden, hat in aller Regel gefährliche Konsequenzen. „Irren ist menschlich“.

Darum müssen Menschen irren dürfen, auch in Sachen Religion. Es gibt schwerwiegende und folgenreiche,

manchmal fatale Irrtümer. Sie stellen unsere Toleranz auf eine harte Probe. Gegen sie anzukämpfen, ist

Sache des Arguments und der Aufklärung, nicht der Gewalt.

Darf man das als wahr Erkannte denen aufdrücken oder gar aufzwingen wollen, die sich weigern, sich

überzeugen zu lassen? Die Frage hat es in sich. Sie ist nicht allein damit schon beantwortet, dass man

die unsägliche Litanei kirchlicher Untaten von den Ketzerverfolgungen bis zu den Hexenverbrennungen

von der Zwangsmission bis zu den Kreuzzügen herauf und herunter betet. Schließlicht vergisst man

darüber, dass wir heute gesamtgesellschaftlich/politisch mit aller aufgeklärten Vernunft denselben

Versuchungen erliegen können. Stehen wir nicht unter dem Leitbegriff „Humanitäre Intervention“ vor

dem gleichen politischen, rechtlichen und moralischen Problem, allemal dann, wenn das Völkerrecht

übergangen wird? Haben diejenigen völlig unrecht, die in der mit Macht betriebenen Globalisierung

die Versuchung zum Kulturimperialismus wittern? Selbst der Einsatz für die Menschenrechte kann zum

Menschenrechtsimperialismus entarten, wenn menschen- und völkerrechtswidrige Mittel und Methoden

eingesetzt werden.

Die Kirche hat ihre Erfahrung gemacht mit der Macht und Gewalt im Bunde. Könnte sie nicht aus dieser

Erfahrung heraus heute zum Anwalt der Freiheit werden, vorab der Gewaltfreiheit? Ein Kirchentraum!

Die Paulskirche regt dazu an. Denn hier verbindet sich symbolisch die Freiheit - man höre und staune

- mit einer Kirche. Dann muss sich doch auch umgekehrt die Kirche mit der Freiheit verbinden lassen,

nicht abstrakt, sondern in der Erfahrung der Menschen. Nur so ist sie zukunftsfähig, weil sie nur so

dem Evangelium treu bleibt.

4.Toleranz im Postmodernismus

Einer der schönsten Filme mit Charly Chaplin trägt den Titel „Moderne Zeiten“. Inzwischen ist Chaplin

tot, und wir leben, so sagen die Deuter des Zeitgeistes, in postmodernen Zeiten. Genaueres darüber

zu erfahren, ist nicht ganz leicht. Eines scheint immerhin klar: Die Postmoderne unterscheidet sich von

vormodernen und modernen Zeiten dadurch, dass ihre Repräsentanten jeden allgemein verbindlichen

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Wahrheitsanspruch ablehnen, gleich ob er religiös, moralisch, philosophisch oder politisch begründet

wird. All das, heißt es, sei totalitäres Denken und damit intolerant. Umgekehrt findet der postmoderne

Mensch alles erlaubt und irgendwie aufregend. „Anything goes“. Der Soziologe Peter L. Berger hat

diese Geisteshaltung aus seinen Erfahrungen in Amerika mit liebenswürdiger Bissigkeit so charakterisiert:

„Die Kinder aufrechter, durch und durch protestantischer Durchschnittsbürger werden zu libertären

Bohemiens, die alles tolerieren außer Intoleranz: `Ach, Sie sind Kannibale? Wie interessant! Ich glaube,

wir würden allesamt viel gewinnen, wenn wir Ihren Standpunkt besser verstünden.´“ Berger vermerkt,

die Kinder dieser Bohemiens schlössen sich mit Vorliebe jeder Art von Fanatismus an, die ihnen begegne.

Eine grenzenlose Toleranz mündet nicht nur politisch, sondern auch psychologisch in einen zerstörerischen

Selbstwiderspruch.

Der Umschlag grenzenloser Toleranz in fanatische Intoleranz geschieht, nicht plötzlich und unvermittelt,

er hat seinen Grund. Das Leben erlaubt keine absolute Beliebigkeit, so oder so erzwingt es Festlegungen.

Der Postmodernismus ist der verzweifelte Versuch, stets alle Möglichkeiten offen zu halten, ohne sich

wirklich zu entscheiden. Er ist bis in die Knochen flexibel (vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch).

Man vertritt Positionen, wie jemand Staubsauger oder Handys vertritt und immer mal Produkt und

Firma wechselt - ohne sein Herz daran zu hängen, geschweige denn sein Leben. Auf der Strecke bleibt

dabei jene Entschiedenheit, mit der man nur so und nicht auch anders denkt und handelt. Das dient

nicht der Toleranz, es macht sie überflüssig, weil alles gleich-gültig ist.

Niemand kann gleichzeitig schwimmen und fliegen. Es gibt keine „menschenfreundlichen

Menschenfresser“ (Octavio Paz), keine Täter ohne Opfer. Deswegen ist es unmöglich, zugleich dem

Moloch zu dienen und Gott, dem „Freund des Lebens“ (Weish 12,6). „Anything goes“ geht nicht.

Fanatische Intoleranz lässt sich nicht durch grenzenlose Toleranz überwinden; die ist entweder blind

oder zynisch, sie bahnt faktisch dem Fundamentalismus den Weg. Das Leben hat seinen eigenen

Ernst, der lässt sich nicht ungestraft überspielen. Wenn alles geht, kommt es auf nichts mehr an. Wenn

nichts mehr zählt, zählt am Ende nur noch, was sich auszahlt.

Ein letztes Mal also: Was macht Toleranz im Sinne dieses Wortes aus? Worin besteht ihr Preis? Unter

„anständigen Leuten“ gehört es sich nicht, immer nur die anderen die Zeche zahlen zu lassen, schon

gar nicht gegen deren Willen. Darin freilich stimmen absolute Toleranz und Intoleranz überein, berühren

sich auf seltsame Weise die Extreme: Immer sind es andere, meist Unschuldige, die zahlen, die bluten

müssen. Auch Toleranz im Sinne dieses Wortes kostet ihren Preis, und zwar für den, der sie übt. Sie

schmerzt, daran führt kein Weg vorbei. Noch mal: „Tolerare“ heißt „durchtragen“. In einer Gesellschaft,

die kaum etwas mehr fürchtet als Leiden, verbirgt sich hinter dem Deckmantel grenzenloser Toleranz

die Weigerung, die Last des Schmerzes durchzutragen. Nur der leidensfähige Mensch ist zur Toleranz

fähig.

Das sagt sich leicht, und gerade Christen tun mitunter so, als liebten sie das Leiden über alles, als

bestünde darin der Gipfel christlichen Glaubens. Gott bewahre! Leiden müssen kann nur gut finden,

wer krank ist. Wir fürchten das Leiden zu Recht. Darum braucht es einen guten Grund, den Schmerz der

Toleranz auf sich zu nehmen. Sie muss diesen Preis wert sein, und sie ist es. Sie schafft mitten in einer

unvollkommenen Welt einen Lebensraum, Luft zum Atmen. Da wir weder im Paradies leben noch im

Himmel, tut Toleranz not. Denn mitten im Weizen - sagt das Gleichnis - wächst Unkraut. Es bringt uns

keinen Schritt weiter, das Unkraut im fundamentalistischen Übereifer vor der Zeit auszureißen,

geschweige denn den Unterschied zwischen Unkraut und Weizen postmodernistisch zu leugnen.

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Die bunte Vielfalt grenzenloser Toleranz macht Spaß, sagt der Postmodernismus. Wer sich an den Sinn

des Wortes Toleranz hält und ihre Kosten (ihren Preis) auf sich nimmt („durchträgt“), mag leicht als

Spaßverderber gelten. Zudem gerät er scheinbar in eine Zwickmühle: Er will tolerant sein und doch der

Toleranz Grenzen setzen. Das alles verleiht in religiöser Hinsicht dem Polytheismus heute weithin einen

fast unwiderstehlichen Charme. Zeitgleich mit seiner Friedenspreisrede hier in der Paulskirche schrieb

Martin Walser in der Neuen Züricher Zeitung: „Da war in jedem Baum, in jeder Quelle und in jedem

Bach ein anderer Gott. Unvorstellbar, dass unterm Schirm einer über Wiesen und Wälder hingestreuten

Göttervielfalt dem Planeten je hätte Gefahr drohen können.“ Zugegeben, gemessen an diesem bunten

polytheistischen Idyll wirkt der eifersüchtige Gott Israels, der fürs Ganze steht und es zusammen hält,

auf den ersten Blick erschreckend und fremd. Zugegeben auch, dass kein Monotheismus sich logisch

mit „einer über Wiesen und Wälder hingestreuten Göttervielfalt“ verträgt. Gott im Plural gibt es da

nicht. Um des einen Gottes und der einen Menschheit willen scheut der monotheistische Glaube keine

Überzeugungskonflikte, die sich aus seinem Wahrheitsanspruch ergeben, er provoziert sie, wenn es

darauf ankommt. Trotzdem nötigt er weder im Judentum, noch im Christentum noch im Islam dazu,

Andersgläubige und ihre Religion auszugrenzen oder gar auszurotten. So denken neben den Gegnern

und Feinden der Frommen nur die Frömmler aller Couleur und arbeiten sich darin gegenseitig in die

Hände. Doch man muss nur den Glauben an Gott gemäß den drei abrahamitischen Religionen zu Ende

denken, um zu begreifen, warum die Gerechten unter den Frommen es getrost eben diesem Gott

überlassen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Den übrigen sei ein visionärer Text des Propheten Micha

in Kopf und Herz geschrieben - in unserem Stammbuch steht er -: „Am Ende der Tage wird es geschehen:

Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel.

Zu ihm strömen die Völker ... Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. Denn alle Völker gehen ihren

Weg, jedes ruft den Namen seines Gottes an; wir aber gehen unseren Weg im Namen des Herrn,

unseres Gottes, für immer und ewig“ (Micha 4,1-5).

Auch der Monotheismus hat seine Träume. Ich wünschte mir von Herzen, Michas Vision würde heute

die politische Phantasie im Nahen Osten beflügeln. Denn gerade die monotheistischen Religionen

wollen die Welt verändern auf die Einheit in Vielfalt hin. Sie vergessen über ihren Träumen nicht, in

welcher Welt wir jetzt leben. In ihr hausen, um in Walsers Bild zu bleiben, in den Wiesen und Wäldern,

Bächen und Quellen nicht nur Götter und Nymphen, sondern auch Kobolde, Dämonen und gefräßige

Götzen. In dieser Welt überleben und dabei menschlich bleiben kann nur, wer zwischen den einen und

den anderen Wesen zu unterscheiden weiß, nur so kann er den zerstörerischen Mächten widerstehen.

Scheinbar ist der Falle, zwischen grenzenloser Toleranz und fundamentalistischer Intoleranz wählen zu

müssen, nicht zu entrinnen. Der Glaubende lässt sich durch die verführerischen Lockrufe zur Linken wie

zur Rechten nicht beirren. Er wappnet sich mit der bloßen (nackten) Toleranz und trägt deren Last

durch. Und siehe da, in dem Moment, da er sich ein Herz fasst und mit „brennender Geduld“ (Antonio

Skarmeta) einer besseren Welt entgegen geht, die zu schaffen seine Kräfte übersteigt, da fällt auf

seine schmerzhafte Sehnsucht, auf das Leid seiner unerfüllten Liebe ein Glanz, matt noch, aber dennoch

wundersam. Das ist der Preis, den die Toleranz empfängt, ein Geschenk des Himmels. Es wiegt alle

Kosten tausendfach auf.

 

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