Fußball: Die Jagd nach dem rasselnden Ball Von Anna Dreher, dpa

Der Ball rasselt. Die Spieler können in lediglich hören. Sehen kann
ihn nur der Torwart. So spielen blinde Fußballer aus vier Ländern in
Stuttgart um den Sieg bei ihrem ersten internationalen Turnier.

   Stuttgart (dpa/lsw) - Dieses Gefühl ist viel wert. Das Gefühl der
Freiheit. Kein Blindenstock, kein Hund als Blindenführer und auch
sonst fast keine fremde Hilfe. Auf dem Platz bewegen sich die blinden
Fußballer eigenständig und problemlos - auch beim ersten
internationalen Blindenfußball-Turnier in Stuttgart. Ein Augen- und
Kopfschutz sorgt für die nötige Sicherheit.

   Der «International Blind Football Cup» fand am Freitag und Samstag
als Kooperationsprojekt des Württembergischen Behinderten- und
Rehabilitationssportverbands (WBRS), des MTV Stuttgart und der
Nikolauspflege auf der Anlage des MTV statt. 40 mal 20 Meter absolute
Freiheit, für 25 Minuten pro Spiel und für insgesamt sechs
Mannschaften aus Deutschland, Griechenland, England und Tschechien.

   «Das ist das Faszinierende für mich», sagt Lukas Smirek. «Es gibt
Orientierungspunkte und ich weiß, dass da nichts im Weg steht. Ein
Gegner meldet sich dann schon rechtzeitig.»

   Eine Netzhautablösung hat bei dem für den MTV Stuttgart spielenden
Fußballer für den Verlust des Augenlichtes gesorgt. So frei, wie er
sich früher bewegen konnte, kann er das heute nur noch auf
dem Spielfeld. Smirek betont: «Durch den Fußball werden meine Sinne
geschärft und ich bewege mich auch im Alltag viel selbstbewusster.»
Er spielt erst seit 2009 in der ein Jahr zuvor gegründeten Bundesliga
für blinde Fußballer und ist schon Nationalspieler.

   Wie schnell sich ein Spieler zum guten Blindenfußballer
entwickelt, variiert stark. «Es gibt immer ein Reservoir an Angst.
Egal, wie lange man spielt», sagt der Bundestrainer und MTV-Coach
Ulrich Pfisterer. «Wer einen guten Gleichgewichtssinn und
Koordination hat, gemischt mit einer Portion Selbstvertrauen hat, der
wird auch ein guter Blindenfußballer. Aber das gibt es leider nicht
oft.» Es erfordert Überwindung, als Blinder Fußball zu spielen.

   Pfisterer kann sich eine Arbeit mit sehenden Fußballern nicht mehr
vorstellen. Für ihn sind seine Spieler Leistungssportler, seine
Philosophie: «Besser blaue Flecken am Körper, als in der Seele.»

   Ein Spiel ohne blaue Flecken am Körper gibt es nicht. Kopfschutz
und Augenmaske schützen. Denn trotz der «Voy»-Rufe (spanisch: «Ich
komme»), die einen Angriff ankündigen, gibt es immer wieder
Zusammenstöße. Kommunikation ist alles, um Schlimmeres zu verhindern.

   Ohne den sehenden Torwart und die Guides geht nichts. Die stehen
hinter dem Tor und an der Mittellinie und versuchen, den Spielern
durch Zurufe Orientierung zu geben. Meistens sind es Frauen. Deren
höhere Stimme wird von den Feldspielern sofort rausgehört. Routiniers
bewegen sich jedoch auch ohne Hilfe schnell und wendig mit dem Ball,
der mit einem speziellen Klangsystem ausgestattet ist. Das klingt wie
ein Rasseln. Die Spieler laufen den Klängen des Balls hinterher.

   Zuschauer-Massen kommen zu den Turnieren keine. Die letzten
Paralympics waren eine Ausnahme: Rund 3000 Neugierige saßen auf den
Tribünen. Bei den Spielen in Stuttgart war die Zuschauerzahl
vergleichsweise überschaubar. Dennoch wollen die Organisatoren auch
zukünftig Werbung für den Blindenfußball machen. Denn je mehr
Menschen von der Leistung der Spieler mitbekommen, desto eher wächst
die Akzeptanz. Und auch darum geht es im Blindenfußball: Anerkennung.


Created: 2011/12/03 16:26   Updated: 2011/12/03 16:28

   zurück zur Seite "Sport ist nicht Mord!"