Schreiben war ihm immer ein sinnlicher Genuss

Frankfurts früherer Kulturdezernent Hilmar Hoffmann wird 80 Jahre alt 

 

Noch heute spricht man in der Mainmetropole von der „Ära Hoffmann“. In den zwanzig Jahren seiner Tätigkeit als Kulturdezernent verwirklichte die Stadt Museumsufer, Alte Oper, Kunsthalle Schirn und andere bedeutende Projekte. „Stiftung Lesen“ und Goethe-Institut bildeten weitere Stationen seiner Karriere. Vor allem Schreiben ist nach wie vor Hoffmanns Passion.

 

Frankfurt am Main (pia/16.8.05) Wenn ein Mann wie Hilmar Hoffmann achtzig Jahre alt wird, dann bedeutet dieses Datum nicht nur Rückschau auf Leben und Arbeit, sondern immer noch ebenso Ausblick auf Dinge, die getan werden sollen und wollen. Bücher schreiben zum Beispiel. „Schreiben war für mich immer das Wichtigste überhaupt“, sagt er. Beinahe schon eine Art Sucht, der er seit jeher mit Fleiß, Disziplin und aus den Erfahrungen und Erkenntnissen langer Jahrzehnte schöpfend, frönt.

 

Zum Jahresende soll sein 26. Buch erscheinen. „Kultur für alle - wieder gelesen“, so der vorläufige Titel. „Kultur für alle“ - unter diesem überaus prägnanten Begriff, der sich in der Folge fast zum geflügelten Wort verselbständigte, hatte Hilmar Hoffmann bereits 1979 sein kulturpolitisches Credo formuliert und neue Ideen und Perspektiven entwickelt. Als „Anreger, Anstößler, nervöser Animator“ und als „Mann des ‚Man muss das mal anders machen’“, charakterisierte ihn seinerzeit die Kritik.

 

Und vieles hat er „anders gemacht“ und angestoßen während seiner Amtsperiode als Frankfurter Kulturdezernent (1970-1990). Von der „Ära Hoffmann“ ist noch heute gelegentlich die Rede angesichts großer realisierter Projekte wie Kommunales Kino, Museumsufer, Wiederaufbau der Alten Oper oder Errichtung der Schirn Kunsthalle. Im Einvernehmen mit dem damaligen CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann gelang es dem sozialdemokratischen Kulturdezernenten, die Mainstadt aus der Schmuddelecke des „Krankfurt“ herauszuholen und ihr neuen Glanz zu verleihen, der weit über ihre Grenzen hinaus strahlte.

 

„Das waren sicherlich meine produktivsten Jahre“, meint er heute. Als Karriere-Höhepunkt sieht er dagegen seine Berufung zum Präsidenten des Goethe-Instituts (1993–2002)), die ihn nach zweijähriger Tätigkeit bei der „Stiftung Lesen“ wieder einmal vor neue Herausforderungen stellte. Erneut war sein Talent zur Teamarbeit gefragt und nicht zuletzt das zum Auftreiben von Sponsoren und zur einfallsreichen Beschaffung bedeutender Geldsummen im Interesse einer guten Sache. Reisen führten ihn in fast alle Länder, in denen diese renommierte Institution deutsche Kulturarbeit leistet. Manche meinten, sein Einsatz „für Goethe“ präge sich sogar in seiner äußerlichen Erscheinung aus, die ihn dem großen Dichter immer ähnlicher sehen lasse. Auch einen seiner Buchtitel lieh er sich von ihm aus: „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“.

 

Heute hat Hilmar Hoffmann mehr Zeit, sich in seinem Heim, einem umgebauten, idyllischen, alten Forsthaus am Waldrand, aufzuhalten. Sich gelegentlich in seinem parkähnlichen großen Garten zu betätigen, in dem Libellen über dem Teich schwirren, Rotkehlchen zwitschern und Eichhörnchen in den hohen Bäumen turnen. Aber tätig ist er weiterhin. Zum Beispiel als eines von drei frei gewählten Mitgliedern in der Bundeskulturstiftung, die unterschiedliche Projekte fördert. Als Vorsitzender der Programm-Kommission bei RTL und FFH und Vorsitzender der Kulturkommission des Verbandes der Kunststoffindustrie. Wichtig ist ihm vor allem auch die geplante und von ihm unterstützte Fusion von Deutschem Institut für Filmkunde und dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt. Am Film hängt ja sein Herz ohnehin schon immer, seit er 1953 die „Oberhausener Kurzfilmtage“ gründete, die in der Folge internationales Ansehen erwarben. Dieses Festival traf den Nerv der Nachkriegszeit. Es herrschte eine Boheme-Stimmung, und für alle Protagonisten dieser Zeit wurde Oberhausen Pflicht. Roman Polanski, Werner Herzog, Martin Scorsese waren in jungen Jahren da und prägten die Kurzfilmszene, die wiederum großen Einfluss auf Spielfilm, Musik und Videoszene ausübte. Hoffmann prägte das Festival bis 1970, als er nach Frankfurt ging.

 

Und - natürlich wie stets - das Schreiben. „Alles immer mit der Hand“, gibt er zu,  „schreiben ist für mich nämlich auch eine sinnliche Erfahrung.“ Den Computer - ein Abschiedsgeschenk der Goethe-Institut-Mitarbeiter - „den nutzen die Enkelkinder, wenn sie mich am Wochenende besuchen.“ Alles mit der Hand - das ist schon eine ganz schöne Menge. Denn „seit fünfzig Jahren schreibe ich“. Über zweitausend Essays und Aufsätze, Kolumnen für Tageszeitungen, Theater- und Filmkritiken, sogar Artikel über Brieftauben, deren Geschichte er seinerzeit ein ungewöhnliches Buch, das „Taubenbuch“, gewidmet hat. „Ich glaube“, resümiert Hilmar Hoffmann, „es gibt wohl kaum einen Kulturbereich, zu dem ich mich nicht in irgendeiner Weise schriftlich geäußert habe."

 

Gegenwärtig geht er um mit dem Thema „Mäzenatentum“, mit dem er sich schon früher beschäftigt hat und das er nun vertiefen möchte. „Mäzene entzaubern“ will er dabei und die Wahren von den Unechten trennen.

 

Schön, wenn jemand an der Schwelle zu einem neuen Lebensjahrzehnt rückblickend sagen kann: „Eigentlich habe ich alles erreicht“. Am Tag nach seinem Geburtstag, dem 25. August, wird Hilmar Hoffmann feiern und gefeiert werden. Offiziell im Rahmen einer festlichen Stunde im Frankfurter Römer und privat daheim im Garten mit Freunden und langjährigen Weggefährten. Und wenn alles überstanden ist, wird er sich ganz sicher wieder an seinen Schreibtisch setzen.

                                                                                                 Lore Kämper

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