Günter Rohkämper-Hegel

Sprecher

 

Vierzig Jahre lesen fürs Hören.

(Vortrag bei der Festveranstaltung zum 50-jährigen bestehen der Westdeutschen Blindenhörbücherei in Münster/Westfalen am 7. Oktober 2005)

Nach einer Rezitationsveranstaltung an der Pädagogischen Hochschule I im SS 1965 mit Studenten, bei der ich auch ein Märchen vorgelesen hatte, sprach mich der damalige Leiter der Stadtbücherei Dr. Hans Thiekötter an, ob ich Interesse hätte, für die  Blindenhörbücherei Bücher auf Tonband aufzusprechen. Meine Mitarbeit habe ich gerne zugesagt, aus zwei Gründen. Von einem blinden Onkel wusste ich, wie wichtig für ihn seine Vorleser waren. Er ließ sich täglich die Zeitung vorlesen. Zudem schien es mir sinnvoll, einen Teil meiner Tätigkeit als Sprecherzieher am Priesterseminar und an der Pädagogischen Hochschule in Münster in eigene Praxis umzusetzen. Im gleichen Jahr ergab sich für mich auch die Übernahme von Sprechaufgaben für den Westdeutschen Rundfunk.

Ohne irgendeine Anleitung habe ich im Studio unter dem Dach der Stadtbücherei im Kramer-Amtshaus mit der Arbeit begonnen, im Vertrauen auf das, was ich während meines Studiums der Sprechkunde und Vortragskunst am Lektorat der Universität und der eigenen Lehrtätigkeit mir angeeignet hatte. Die zu lesenden Bücher wurden von der Stadtbücherei ausgesucht.  Sprecher/Innen  waren in der Regel Schauspieler/Innen  der Städtischen Bühnen und des Zimmertheaters. Ausnahmen waren zwei Studenten, die aus dem Lektorat für Sprecherziehung der Universität dazu gestoßen waren. Die Sprecher suchten ihren Lesestoff aus den bereitgestellten Büchern aus. Da sie dabei ihren Vorlieben nachgingen, führte das Verfahren dazu, dass einige Bücher keinen interessierten  Vorleser fanden. Als „Neuling“ habe ich einen Teil der verschmähten Bücher vertont. Später wurden die Bücher von der Leitung den Sprecher/Innen  zugewiesen. Unklar blieb, nach welchen Kriterien das erfolgte. Einzig eine Regelung schien zu gelten: Texte von Autorinnen und Ich-Erzählerinnen wurden  durch Sprecherinnen, von Autoren oder  Ich-Erzählern durch Sprecher vorgelesen.

 

Sprecherinnen und Sprecher wurden zunächst von der Leitung (Dr. Hans Thiekötter) zur Mitarbeit eingeladen. Als später zunächst zwei, dann weitere Studios zur Verfügung standen, gab es die Möglichkeit, sich als Vorleser zu bewerben. Nach dem Tod von Dr. Thiekötter haben die nachfolgenden Leiter einen kleinen Kreis von sehbehinderten Hörerinnen und Hörern die Probeaufnahmen beurteilen lassen und dazu mich in Sprecher- und Gestaltungsfragen zur Beratung herangezogen. Ich lese und berate also seitdem.

 

Die Auswahl der Sprecher/Innen ist bis heute problematisch. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der Vorleser hinter dem Mikrofon hat kein unmittelbares Gegenüber, kann sein Sprechen nicht an Reaktionen des Hörers ausrichten. Er müsste sein Sprechen auf einen vorgestellten Partner unmittelbar hinter dem Mikrofon richten. Viele Vorleser/Innen  sind offenbar nicht darauf vorbereitet. Abhören lässt sich das etwa an zu starker emotionaler Aufladung des Textes („Der Text ist wichtig. Ich muss ihn möglichst genau und verlässlich rüberbringen.“) oder der Furcht davor. Die schlägt sich dann in einer starken Reduzierung der sprecherischen Ausdrucksmittel nieder. Da die  Sprecher sich zwar in einer Verlautbarungssituation vorfinden, aber nicht in einer Mitteilungssituation, wird nicht mehr die Klanggestalt des gegenwärtig tatsächlich gesprochenen Deutsch getroffen. Da das Gemeinte nicht im Zusprechen ausgelegt wird, kommt es zu falschen Akzenten, irritierenden Aussagegliederungen und Intonationen. Es werden z.B. alle Satzzeichen durch Pausenwerte kenntlich gemacht, auch wenn diese  im alltäglich gesprochenen Deutsch keine Relevanz haben. So kommt der Eindruck auf, dass der Vorleser selbst nicht versteht, was er sagt.

In der Zeitschrift >Der Kriegsblinde> ( 1965, H. 9 ) wurde der  Brief eines kriegsblinden Studienrates abgedruckt, in dem er die Erfahrung mitteilt, dass sein Vorleser viel besser aufs Tonband las, wenn er dabei war, dagegen nachlässiger, fehlerhafter las, wenn das Tonband in seiner Abwesenheit besprochen wurde. „Wenn sich  der Vorleser, der aufs Band spricht, den Partner, den Zuhörer nicht vorstellt, liest er eben nur für sich; er hat keinen Kontakt mit dem, für den er ja eigentlich liest. Das wird wohl von niemandem deutlicher empfunden als von einem Blinden,  der das Band hinterher abhört. Stellt sich der  Leser aber den Partner vor – und das ist natürlich am einfachsten, wenn ein Zuhörer dabeisitzt –, wird der gelesene Text, und das ist lebendige Sprache, zu einer ständigen Brücke, über die der Zuhörer Zugang hat zum Verstehen und zum Sinn des Gelesenen. Nichts ist schlimmer als ein sinnwidriges Lesen…Die Leser…sollten sich ihre Partner, eben uns zuhörende Blinde, vorstellen, damit sie für uns, nicht für sich lesen.“ Aus solcher Art Rückmeldungen wurden Kriterien bezogen für die Auswahl der Sprecherinnen und Sprecher. Dr. Hans Thiekötter zitiert diesen Brief in seinem Aufsatz „Von der Blindenpunktschrift zum sprechenden Buch“, 1966. (1).

 

Weitere Kriterien waren textangemessenes Lesen, ohne dass das genauer beschrieben war, und eine möglichst dialektfreie Aussprache, da die Produktion zum Teil unter den Hörbüchereien im gesamten deutschen Sprachraum ausgetauscht wurde. Die Ausspracheregeln nach SIEBS (2) sollten eingehalten werden. Im praktischen Gebrauch wurde diese Orientierungsmöglichkeit  später vom >DUDEN, das  Aussprachewörterbuch< abgelöst. Sprecherinnen und Sprecher, die sich bei der Hörbücherei in Münster bewerben, stammen überwiegend aus Münster und seiner Umgebung. Oft genug lassen sie so genannte „Westfalismen“ hören, die bei hohen Ansprüchen an die Aussprachequalität und vor allem südlich des Mains nicht mehr akzeptabel erscheinen.

Reiner Unglaub, lange Jahre Leiter der Bayrischen Blindenhörbücherei, der auch Sprecherzieher und gefragter Mediensprecher ist, hat einen Kriterienkatalog systematisiert, der heute allen Hörern der Probeaufnahmen vorliegt:

 

  1. Vorläufiger Eindruck
  2. Atmung
  3. Stimme
  4. Artikulation
  5. Ansprechhaltung ( Hörerkontakt)
  6. Betonung
  7. Satzintonation und Sprechmelodie
  8. Tempo und Pausen
  9. Textangemessenes Lesen
  10. Gesamteinschätzung und Zusammenfassung
  11. Ausbildungsprognose
  12. Sonstiges

 

Die Besprechung der Probeaufnahmen mit den Bewerbern wurde mir anvertraut. Nach Absprache mit der Hörbüchereileitung erhalten diese ein fachliches Feedback mit folgender Zustimmung oder Ablehnung, oft genug eine eingeschränkte Zustimmung mit dem Angebot zu individueller Weiterbildung.

 

Der Kreis der Sprecher/Innen  setzt sich heute zusammen aus Schauspielern, Rezitatoren, Buchhändlern, Sprecherziehern, ehemaligen Studierenden am Lektorat für Sprecherziehung der Universität, ehemaligen Lehrerinnen und freien Mitarbeiterinnen von Rundfunkanstalten. Nach meinen Erfahrungen und Einschätzungen – ich habe auch  Rundfunk- und Fernsehjournalisten beraten und trainiert – brauchen die meisten Vorleser, auch die Schauspieler, Anleitung. Wenn ich meine Protokolle der Probeaufnahmen durchsehe, und das sind nicht wenige, komme ich zu folgenden Störungsbefunden:

 

  1. Viele Vorleser atmen hörbar hastig ein und sprechen in der Folge zu schnell. Die Präzision in der Artikulation lässt nach, der Sprechausdruck ist, verglichen mit dem alltäglich verfügbaren im Eigensprechen, ärmer.
  2. Eine  weitere Folge der überaktivierten Atmung ist eine leicht erhöhte Stimmlage. Der normale Ton wird nicht getroffen, die Spannung überträgt sich auf die Hörer.

 

  1. Da Gestik und Mimik das Mitteilen nicht mehr unterstützen wie in der Situation von Angesicht zu Angesicht, verarmt der Sprechausdruck. Es wird zu unentschieden betont oder zuviel. Wenn der Informationskern durch Betonen nicht getroffen wurde, wird oft das letzte Wort im Satz betont, auch wenn es ohne inhaltliches Gewicht ist. Daher rührt oft der Eindruck von mangelndem Hörerkontakt. Bei Überbetonung werden die Akzente wahllos verteilt. Auch hinreichend Bekanntes aus der  vorausgegangenen Information oder Wortmaterial, das nur Anschlüsse  an Vorausgegangenes herstellt, wird  betont. Wenn Betonung Sinnverdichtung ist, wird keine Bedeutungsgewichtung mehr möglich.

 

  1. Satzzeichen werden zu Steuerungssignalen für Intonation und Pausen. Beim Komma wird grundsätzlich pausiert. Die Melodieführung richtet sich nach oben oder bleibt in der Schwebe. Auch wenn Fragen durch ein Fragewort eingeleitet werden, geht die Melodie nach oben, offenbar bei jedem Fragezeichen. Vielleicht ist hier noch eine Regelanweisung aus früheren Schulzeiten im Kopf. Dass im alltäglichen Sprechen andere Regeln gelten, wird nicht gewusst oder nicht realisiert.

                                                

Diese und andere Störungen  betreffen die Technik oder das Handwerk des Vorlesens. Weitere Störungen sind zu verzeichnen, wenn es um die Nachgestaltung verschiedener Textsorten geht. Um bessere Orientierung zu ermöglichen, werden einige Hilfen gegeben.

 

  1. Klären sie, worum es geht.  Inhaltlich (welche Sache wird verhandelt?) und intentional  (was will ich anhand des Textes bewirken?).

 

  1. Lesen sie, wie sie sonst sprechen oder erzählen. Richten sie ihr Sprechen an einen gedachten Partner hinter dem Mikrofon.

 

  1. Gliedern sie den Text in Sinnschritte. Sinnschritte sind Atemschritte.

 

  1. Sinnschritte haben oft nur e i n stark betontes Wort. Wenn das Gemeinte damit nicht klar wird, können weitere Akzente notwendig werden. Betont wird bevorzugt, was für den Hörer im Kontext neu und weiterführend ist. Die Menge der Betonungen ist abhängig von der Informationsdichte und der Mitteilungsabsicht. Je nachdrücklicher der Text wirken will, um so mehr wird betont. Die akzentuierten Wörter müssen den Informationskern transportieren. Die Verwandlung von Mehrdeutigkeit in Eindeutigkeit entlastet den Hörer.

 

  1. Nicht alle Satzzeichen sind Hinweise für die Gestaltung. Das Komma ist kein eindeutiges Pausenzeichen. Je nach Sinnzusammenhang muss man es überlesen, kurz pausieren oder  nehmen wie einen Punkt. Auch Doppelpunkt und Anführungszeichen werden bei kurzen Redeankündigungen überlesen. Konsequent auf Punkt und Komma hin lesen ist ähnlich unerträglich wie ohne Punkt und Komma reden.

 

  1. Geschriebenes wird durch Sprechen als Gemeintes an einen Hörer gerichtet. Dazu muss der Sprecher sozusagen voraushörend lesen. Hörer/Innen,  sollen, wollen informiert und überzeugt werden, mitfühlen, zu Verhalten oder Handeln gebracht, unterhalten werden.

 

  1. Der Text muss vom Papier weg dem Vorleser nicht nur in den Kopf, sondern auch in den Körper. Lassen sie Gestik und Mimik zu. Sie wirken lebendiger und überzeugender.

 

Ähnliche Orientierungshilfen lassen sich geben mit Blick auf verschiedene Textsorten. Im Folgenden vernachlässige ich die für die Hörbücherei so wichtige Sachliteratur und halte mich an die Gestaltung erzählender Literatur. Der Störungsbefund wird nicht vorangestellt, sondern bei den Orientierungshilfen mitformuliert.

 

1.      Mit welcher Art Erzählung haben sie zu tun? Welche Mitteilungshaltung nimmt die Erzählerin, der Erzähler ein? Z.B. nimmt sie/er  Anteil am Geschehen und den Personen oder bleibt er/sie in der Distanz? Denken sie daran, dass sie erinnertes Erleben, Einfühlen u. Ä. umwandeln müssen in eine Mitteilung an den zuhörenden Partner.

 

2.      Vorleser übernehmen die Erzählerrolle und keine andere. Andere Rollen werden zwar kenntlich gemacht, aber aus der Erzählerrolle heraus. Es sollte keine Sprünge in eine Dialogrolle geben. Wir reproduzieren erzählende Texte und produzieren keine Hörspiele. (Ausnahme: Der Erzähler gibt nur eine Art von Regieanweisung für handelnde Personen und verfügt selbst über kein geprägtes Profil. Kolportage-Romane.) Erzähler haben grundsätzlich  Zeit. Gelegentlich treiben sie oder zögern. Schauspieler übertreiben oft vor dem Mikrofon. Sie verwechseln das Studio mit der Bühne, den Hörraum Zimmer mit dem Theatersaal. Das Mikrofon ermöglicht, die vielen als je einzelne anzusprechen.

 

3.      Auch ein geschulter Sprecher wird ohne expressive, schauspielerische Möglichkeiten den Anforderungen beim nachgestaltenden Sprechen nicht genügen. Gefühlsäußerungen z.B. verlangen große Intensität in der Darbietung. Die Verhaltenheit vor dem Mikrofon zwingt zu größerer innerer Spannung. Es hat keinen Zweck, sich von den Stimmungen im Text zu sehr anstecken zu lassen und mit der Stimme zu „malen“. Es werden falsche Töne zu hören sein, die wenig glaubwürdig klingen. (3)

 

Zwei Sachverhalte verstärken den Druck auf die Sprechleistungen in der Hörbücherei. Der Konkurrenzdruck der Hörbücher im Buchhandel wird sich bemerkbar machen, die Zahl gelungener Aufsprachen wächst rasant. Zudem wird die Erzählerposition in der anspruchsvollen modernen Literatur zunehmend komplizierter. Der allwissende, zuverlässige Erzähler ist fragwürdig geworden. Erzählperspektiven wechseln, lösen sich auf. Zu angemessenem Nachvollzug gehören vermutlich mehr literarische Bildung und  eine stärkere Professionalisierung der stimmlichen Ausdrucksgestaltung vor dem Mikrofon.

 

Günter Rohkämper-Hegel

 

 

Anmerkungen

1.       >Bücherei und Bildung<, Jahrgang 18 (1966), Heft 3, S. 123 – 136.

2.       SIEBS. Deutsche Aussprache. Reine und gemäßigte Hochlautung, mit Aussprachewörterbuch. Hrsg. von Helmut de Boor, Hugo Moser und Christian Winkler. Berlin 1969. 19. Aufl.

3.       Vgl. Klaus – Dieter Pittrich, Gib mir den Sinn, nicht nur die Worte. Oder: Das Mikrofon als Partner. In: Sprechen. Hören. Sehen, Hrsg. Klaus Pawlowski, München. Basel 1993, S. 214 ff.

 

Keyvan Dahesch

Freier Journalist und langjähriger Hörer der WBH

 

Die Zeit erschien 1960 als erste sprechende Wochenzeitung – Eine unverzichtbare Arbeit

 

„Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr bringt die Welt in den Menschen.“ An diese Feststellung des Autors, Jazz-Interpreten und erfolgreichen Rundfunkmachers der ersten Stunde nach 1945 in Deutschland, Joachim-Ernst Berendt, denke ich, wenn mir eine wohl klingende Stimme einprägsam etwas vorliest. Im Iran, wo ich 1941 blind zur Welt kam und bis 1958 lebte, war ich vornehmlich auf Rundfunkbeiträge angewiesen. Die wenigen Bücher und Fortsetzungsromane in den Zeitschriften, die ich darüber hinaus hörte, lasen mir meine Eltern, wenn sie Zeit hatten, vor. Leider war das nicht oft der Fall. Mit der Blindenschrift machte ich kurz vor der Reise in die Bundesrepublik Bekanntschaft: In der vom deutschen Pastor Ernst Jacob Christoffel in Isfahan gegründeten, damals einzigen Blindenschule in diesem Entwicklungsland, versuchte ich die ersten Schritte mit ihr. Richtig schreiben und lesen lernte ich aber erst in der Bundesrepublik, nachdem  auch die  hiesigen Augenärzte meine Blindheit als unheilbar bezeichneten.

 

Neben der aus sechs Punkten bestehenden Schrift, eine geniale Erfindung des Franzosen Louis Braille, mit der für Menschen ohne Augenlicht weltweit das   Tor zur Bildung aufgestoßen wurde, prägten die Hörbücher meinen weiteren Werdegang entscheidend. Während ich das Lesen in Blindenschrift irgendwann wegen Ermüdung der Finger unterbrechen musste, konnte ich einen spannenden Reisebericht oder Krimi auf Tonband und später auf Kassette solange hören, wie ich Lust hatte.

 

Der Westdeutschen Blindenhörbücherei bin ich seit dem Sommer 1964 verbunden. „von dort kannst Du die Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Tonband beziehen“, sagte mir ein Freund. Als politisch interessierter Junge schrieb ich sofort nach Münster und wollte die angesehene Zeitung abonnieren. Der Gründer und Leiter der Bibliothek, Hans Thiekötter, dämpfte meine Begeisterung mit dem Hinweis, dass nur eine Auswahl von Artikeln auf einem Zwei-Stunden-Band gelesen werde. Trotzdem bestellte ich die Publikation, die im Juni 1960 als erste sprechende Wochenzeitung für blinde Menschen produziert wurde, und freue mich bis heute immer wieder, wenn freitags das Päckchen mit inzwischen drei Kassetten bei mir ankommt. Viereinhalb Stunden Kommentare, Berichte, Reportagen und Meldungen der aktuellen Ausgabe vom Vortag – das ist schon eine Leistung: Die Beiträge auszuwählen, exzellent aufzusprechen, zu kopieren, einzupacken und so rechzeitig auf den Weg zu bringen, dass die Bezieherinnen und Bezieher die geschätzte Zeitung schon am nächsten Tag hören können, erfordert eine sehr gute Organisation und viel Engagement der Beteiligten. Dafür gebührt ihnen allen ein herzliches Dankeschön!

 

Wie sehr diese Leistung geschätzt wird und welche Resonanz sie in der Öffentlichkeit findet, erlebte ich – inzwischen als Journalist tätig – in den 1980er Jahren nach meinem Bericht darüber in der „Zeit“. Die Redaktion erhielt sehr viel Zuspruch und die Hörbücherei viele Abonnementwünsche aus dem In- und Ausland. Herzlichen Dank verdienen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Einrichtung, die sich bislang leider nicht auf sichere Zuschüsse der öffentlichen Hand verlassen kann, ebenfalls für ihren Einsatz, ihren Ideenreichtum und ihre Kreativität. Nur so haben sie die Hörbücherei den sich ständig ändernden räumlichen und technischen Erfordernissen  anzupassen vermocht.

 

Schon fünfzehn Jahre nach ihrer Gründung mussten die Verantwortlichen und Beschäftigten den Buchbestand von Tonband auf Kassette umschneiden. Eine immense Arbeit. Für die Hörerinnen und Hörer brachte das aber eine große Erleichterung. Denn die Kassettenrecorder sind viel einfacher zu bedienen als die Tonbandgeräte. Zudem sind die Kassetten wesentlich kleiner als die Tonbandspulen und können leichter transportiert werden

Die Tochter einer 87-jährigen Bekannten, deren Sehkraft in den letzten zwei Jahren stark nachgelassen hat, bedauerte im Gespräch mit mir, dass ihre Mutter nicht mehr Bücher lesen könne. Gerne vermittelte ich der Familie den Kontakt zur Blindenhörbücherei. Nun freut sich die ehemalige Leseratte, dass sie nicht auf die Literatur verzichten muss. Dazu verhilft ihr die segensreiche Institution in Münster. Ihre Töchter – eine lebt in Lüdinghausen – kreuzen für sie die Werke auf dem Wunschzettel an. Alles andere kann sie selbstständig erledigen.

 

Und nun hat in der Westdeutschen Blindenhörbücherei die nächste „technische Revolution“, nämlich die Digitalisierung, begonnen: Die bestehenden Bücher – knapp 20.000 Titel – müssen auf CD-Rom überspielt werden. Die neuen Werke werden gleich digital aufgezeichnet. Das Zauberwort heißt „Daisy“. Das ist die Abkürzung für digital accessible information systems. Mit diesem Verfahren können auf einer einzigen CD-Rom Bücher mit menschlicher Stimme vorgelesen und abgehört werden bis zu einer Länge von circa 35 Stunden. Wenn einmal dieser Prozess abgeschlossen ist, können die Hörerinnen und Hörer mit den Abspielgeräten in den Büchern blättern, von Überschrift zu Überschrift, von Absatz zu Absatz, ja sogar von Phrase zu Phrase springen. Sie können Lesezeichen setzen und im Nu zu ihnen springen. Welcher Aufwand mit der neuen Produktionsmethode, die für die Klientel die Handhabung der Publikationen wiederum spürbar vereinfacht, verbunden ist, vermögen wir Laien uns kaum vorzustellen. Die Nutzerinnen und Nutzer bringen ihre Dankbarkeit für die Einrichtung und deren Arbeit regelmäßig durch Spenden zum Ausdruck.

 

Mit neuen Technologien und sozialem Engagement versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Träger und Beschäftigte solcher Institutionen wie die Hörbücherei Menschen auch mit Schwerstbehinderungen eine Teilhabe am Geschehen in der Gesellschaft zu ermöglichen. Leider erschweren die Politikerinnen und Politiker – von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen – in letzter Zeit diese Schritte erheblich. Anstatt den Rotstift bei den mächtigen Gruppen mit einflussreichen Lobbys anzusetzen, kürzen oder streichen sie ganz die Zuwendungen zum Nachteilsausgleich bei Menschen mit Schwerstbehinderungen. Daher hoffe und wünsche ich von ganzem Herzen, dass die Landesregierungen in Düsseldorf, Mainz und Saarbrücken wenigstens die Zukunft der Westdeutschen Blindenhörbücherei mit festen Zuschüssen sichern helfen. Ihr Wert für das kulturelle Leben blinder oder stark sehbehinderter Menschen, eine Gruppe, deren Zahl allein durch das Älterwerden der Frauen und Männer stetig größer wird, ist unschätzbar. Mit ihren Leistungen trägt die Hörbibliothek wesentlich dazu bei, dass auch für diese Menschen das Postulat des international angesehenen  Kulturpolitikers und ehemaligen Präsidenten des Deutschen Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann nach „Kultur für alle“ verwirklicht wird.

 

Keyvan Dahesch

 

 

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