Heimat zwischen den Gleisen - erster Warteraum für junge Gehörlose
Von Simon Veeser

   Düsseldorf (dpa) Ruckartig und fast lautlos schnellen die
Arme über den hell gemaserten Holztisch. Smajli Zenel und Aziz Nabu
unterhalten sich gestikulierend. Der Warteraum für gehörlose und
schwerhörige Jugendliche zählt zu den ruhigsten Ecken im Düsseldorfer
Hauptbahnhof. Der 60 Quadratmeter große Raum für gehörlose
Jugendliche und junge Erwachsene ist bundesweit einzigartig.

   Seit der Eröffnung im September werden die behinderten
junge Leute von drei halbtags beschäftigten Sozialarbeitern und
Erziehern bei ihren Alltagsaufgaben unterstützt. Hin und wieder ist
dort ein Lachen oder Stühlerücken zu hören, sonst ist es still. Nur
die dumpfen Durchsagen von Lautsprechern von den angrenzenden Gleisen
9 und 10 dringen durch die einladend offen stehende Tür.

    «Unsere Betreuer hören uns zu, sind einfach da», sagt Aziz Nabu
und rückt seine umgedrehte, schwarze Baseballkappe zurecht. Die
Betreuer sind auch Ratgeber und Konfliktschlichter. «Mich haben sie
dabei unterstützt, ein Praktikum in einem Hotel zu organisieren»,
sagt sein Kollege Smajli Zenel und lehnt sich zufrieden auf der Bank
zurück. Im Hotel übernimmt er kleine Servicedienste und Reparaturen.

   Smajli Zenels Blick streift die ausdrucksstarken Bilder, die mit
warmen, kräftigen Farben von den Gehörlosen gemalt sind. «Bilder sind
für mich ganz wichtig», sagt Aziz Nabu, der den Warteraum zusammen
mit seinen Freunden mit Foto-Collagen, einer Wohnküche und mit
Pflanzen zu einem wohnlichen Kleinod umgestaltet hat. Mit ihren
gemalten Bilder hatten die Gehörlosen in einem provisorischen
Warteraum auch schon eine Ausstellung bestückt.

   Auf dem Weg von ihrer Schule zurück nach Hause nutzten die Schüler
bereits in der Vergangenheit den Aufenthalt im Bahnhof für ein
Schwätzchen nach dem Unterricht. Doch wegen der Gebärdendsprache sei
es mit den Reisenden zu Missverständnissen gekommen, und auch das
Bahnhofsmanagement habe sich beschwert, sagt Diplom-Psychologin
Anette Thies: «So entstand die Idee zum Warteraum für gehörlose
Jugendliche mit einem integrativen, pädagogischen Konzept.»

   Projektträger des Warteraums ist Educon, eine Einrichtung der
Düsseldorfer Graf Recke Stiftung. Finanzielle Mittel steuern
die Wohlfahrtspflege NRW und Aktion Mensch zu. Nicht nur Düsseldorfer
Schüler nutzen inzwischen den Raum. Selbst aus der Schweiz finden
sich manchmal Gäste ein. «Manchmal gebärden die Besucher auf bayrisch
oder schwäbisch», sagt Aziz Nabu und grinst, weil er die Zeichen dann
nicht immer versteht.

   So herrscht ein Kommen und ein Gehen in dem rot und gelb
gestrichenen Warteraum mit dem großen Schaufenster, auf dem das
Projektlogo mit zwei gebärdenden Händen prangt. Täglich besuchen
rund ein Dutzend Jugendliche den Raum. Mehr als die Hälfte von ihnen
sind aus Düsseldorf, die anderen Besucher sind aus der Umgegend:
Mönchengladbach, Wuppertal, Köln, Neuss, Meerbusch oder Oberhausen.
Wenn Normalsprechende zu Gast seien, wird auch schon ein
Gebärdendolmetscher dazu geholt.

   Wie Aziz Nabu bleiben manche Jugendlichen über Stunden, andere
nur kurz. Sie lassen sich für einen Moment auf dem schwarzen
Ledersofa nieder oder chatten mittels Internet mit anderen
Gehörlosen. Auch der Fernseher läuft manchmal. Dass drei Viertel der
Besucher männlich seien, störe ihn aber, er wünsche sich, dass auch
mehr junge Frauen zu den Gästen gehören. «Da muss sich noch etwas
tun», stimmt auch Leiterin Thies zu. «Denn wichtig ist, dass sich die
Gehörlosen hier wohlfühlen», sagt sie. Ihr Blick fällt an die Wand,
an der ein Zitat von Christian Morgenstern hängt. Dort heißt es:
«Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern da, wo
man verstanden wird».
dpa hs yynwd eks

061616 Okt 07


Erstellt: 07.10.2007 15:48

   zurück zur Seite Helferinnen und Helfer, Hilfen und Hilfsmittel