Gottesdienst mit Gebärdenliedern - Gehörlosengemeinden werden 100
Von Annina Reimann, dpa

   Essen (dpa/lnw) Die Arme von elf Sängern wandern synchron durch
die Luft. Mit ihren Händen gestikulieren sie rhythmisch im Takt. Sie
singen im Gottesdienst und dennoch: Es ist still. Nicht mit
Orgelklängen, sondern mit einem Gebärdenchor feiert Pfarrer Volker
Emler am Sonntag den Gottesdienst mit der Evangelischen
Gehörlosengemeinde in Essen. Sie besteht in diesem Jahr seit 100
Jahren - so wie Gemeinden und Vereine aus Duisburg, Gladbach, Krefeld
oder Mülheim an der Ruhr.

   Bundesweit gibt es 250 evangelische Gehörlosengemeinden, heißt es
bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für evangelische
Gehörlosenseelsorge in Kassel. Kirchenrechtlich anerkannt sei aber
nur die in Frankfurt, so Geschäftsführer Reinhold Engelbertz.

   Den ersten Essener Gottesdienst für Taubstumme feierte der
Geistliche Karl Rüter am 29. September 1907 mit zwölf Menschen. Heute
leben bundesweit etwa 80 000 Menschen in Stille, so der Deutsche
Gehörlosenbund in Hamburg. Um etwa 1000 gehörlose Gläubige kümmert
sich Pfarrer Emler in Duisburg, Essen, Mülheim/Ruhr und Oberhausen.
«Zu den Gottesdiensten reisen Besucher aus Krefeld, Wesel, Moers oder
Düsseldorf an», sagt er. In Essen sitzen alle vier Wochen 50 bis 70
Gläubige auf der Kirchenbank, an Festtagen sind es bis zu 200.

   Die Predigten hält der hörende Pfarrer in Gebärdensprache. «Man
kann sehr viel übersetzen, es ist eine ständige Arbeit an und mit der
Bibel», sagt er. Im Gottesdienst stellt der 48-Jährige die
Bibelgeschichten visuell dar. Während der Predigt wechselt er oft
seine Position, stellt so wechselnde Sprecher dar. «Das ist wie
Theaterspielen», meint Emler. Acht Gottesdiensthelfer stehen ihm in
Essen bei Rollenspielen zur Seite, tragen Psalme vor und schreiben
Gebärdenlieder. Die Gottesdienste sind nach einer halben Stunde zu
Ende. «Die Aufnahmefähigkeit über das Auge ist dann erschöpft», so
Emler.

   In der 100-jährigen Geschichte der Gemeinde gab es Wermutstropfen:
«Zur Zeit des Dritten Reiches wurde behauptet, dass Gehörlosigkeit
weitervererbbar ist, viele wurden damals zwangssterilisiert und sind
heute ohne direkte Angehörige», erzählt Emler. Er betreut die
kinderlosen Senioren in der Seelsorge. Gemeindemitglied Mechtild
Frank (60) ist seit ihrer Geburt gehörlos. Sie hat zwei hörende
Kinder zur Welt und mit in die Gemeinde gebracht. «Die Älteren waren
neidisch, weil sie keine eigenen Kinder bekommen konnten», gebärdet
sie, Emler übersetzt.

   Die Katholiken integrierten die Gehörlosen vielfach in bestehende
Gemeinden, um ihnen einen Platz in der Gesellschaft anzubieten, heißt
es beim Behindertenpastoral der Deutschen Bischofskonferenz in Köln.
Davon hält die gehörlose Andrea Huckemeier (42) aus Essen wenig. In
Gottesdienste für Hörende geht sie nur zu Beerdigungen oder
Hochzeiten. «Das ist langweilig, ich verstehe nicht was der Pfarrer
sagt. Aber die Orgel fühlt sich angenehm an, ich spüre die hohen
Töne», gebärdet sie. Der Gottesdienst für Gehörlose, der sei für sie
so wichtig, wie Brot und Wasser zum Leben.


Erstellt: 02.09.2007 16:21

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