Vom Rollstuhl auf die Piste: Geschwindigkeitsrausch mit Handicap Von Alexandra Balzer, dpa (Mit Bild) =
   Neuss (dpa/lnw) - Breit strahlt Kathrin, als sie mit ihrem Vater die 300 Meter lange Kunstschnee-Piste in der Neusser Skihalle hinter sich gebracht hat. Ein Funkeln liegt in den Augen der Zehnjährigen, die ihre Begeisterung nicht in Worte fassen kann. Denn Kathrin ist körperbehindert und kann auch nicht sprechen. «Wenn wir hier auf den Parkplatz fahren, dann quietscht sie vor Freude», erzählt die Mutter.
Gut 100 Kilometer fahren Sabine und Dirk Wilkens aus Kerpen einmal im Monat, um ihre Tochter vom Rollstuhl auf die Piste zu bringen. Der so genannte Biski ist eine Art Schlitten mit Sitzschale und Haltegriff.

   Nicht nur für die Kinder ist das monatliche Treffen in Neuss etwas ganz besonderes. Auch ihre Begleitung - Lehrer, Therapeuten und auch Eltern - profitieren davon, knüpfen Kontakte zu anderen Betroffenen.
«Das ist Spaß und Therapie gleichzeitig», findet ein anderer Vater.
«Die Kinder haben keine Angst, schulen ihr Gleichgewicht und steigern ihr Selbstwertgefühl.» Ein gutes Beispiel ist Miguel, dem nach einer Woche Üben der Umgang mit dem Monoski keine Probleme mehr bereitet.
Nach rund 20 Stunden Training ist der Junge inzwischen in der Lage, ganz allein die Piste herunter zu brettern. Zur Sicherheit hält seine Betreuung das Sportgerät mit Abstand an einem Gurt.
   Der monatliche Ausflug in den Kunst-Schnee der Halle in Neuss im Rheinland bereitet nicht nur allen Beteiligten großen Spaß, sondern gilt auch als Vorbereitung. Denn jedes Jahr gehen die Schüler mit ihren Lehrern und Betreuern auf Klassenfahrt - in den echten Schnee natürlich. Und weil auch Kinder ohne Handicap gerne Bergluft schnuppern, hat sich eine Neusser Realschule dem integrativen Projekt einiger Schulen und Förderschulen für körperbehinderte Kinder und Jugendliche des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln angeschlossen.

   Die Sportgeräte, die den Kids den Spaß im Schnee ermöglichen, kommen aus Amerika. «Die Kosten betragen etwa 3500 Euro», sagt Martin Graffmann von der Skihalle, wo die Schulen ihre elf eigenen Mono- und Biski unterstellen dürfen. Doch so ganz zufrieden mit den «Schlitten» sind die Betreuer nicht. «Die Sitzschalen reißen sehr schnell und die Monoski lassen sich nur schwer in den Skilift hieven.» So müssen jedes Mal zwei Leute helfen, wenn es wieder auf den Berg gehen soll.
Ganz schön anstrengend, denn manche Kids kriegen einfach nicht genug.
   Während für die Kinder im Schnee ausschließlich der Spaßfaktor zählt, nutzen die Betreuer unbemerkt ihre Chance: Die Förderung der Mobilität steht für sie an erster Stelle des Therapieplans und wirkt sich ganz nebenbei auch noch positiv auf die Persönlichkeitsbildung aus. Während Kathrin sich für einen kurzen Moment wieder dem Geschwindigkeitsrausch hingibt, kommt Papa Dirk trotz gemessener 4,2 Grad Lufttemperatur in der Halle ganz schön ins Schwitzen. Doch Kathrin belohnt ihren Vater für seine Mühe und lacht.
(Internet: www.lvr.de)
dpa aba yynwd jh
090600 Apr 06
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