>Gehörlos, sprachbegabt und Musik als Hobby
Von Ann-Kathrin Grohe, dpa
Sindelfingen (dpa) - Klassische Musik fasziniert sie, vom Klang
der französischen Sprache ist sie begeistert. Beides hat sie aber nie
gehört. Als Balletttänzerin und Pantomime findet sie immer den
Rhythmus. Seit ihrer Geburt ist Sarah Neef gehörlos und liest von den
Lippen ihrer Mitmenschen, was diese ihr sagen. Im Alter von zehn
Monaten fing sie an, sprechen zu lernen. Jetzt will sie mit ihrem
Buch «Im Rhythmus der Stille» auch andere Gehörlose vom Lippenlesen
und Sprechen überzeugen.

Kaum steht fest, dass Sarah Neef aus Sindelfingen (Baden-
Württemberg) nicht hören kann, tut ihre Mutter alles, um ihr das
Sprechen beizubringen. Mit einem Xylofon machen sie gemeinsam
Sprechübungen. «Dadurch lernte ich, wie man Betonungen setzt - zum
Beispiel, dass nach einer Frage die Stimme gehoben werden muss.»
Französisch, Englisch, Russisch und Latein zu lernen, bereitet Neef
anschließend kein Problem. «Jede Sprache hat ihre eigene Faszination:
Französisch klingt wunderschön, im Englischen kann man mit einem
Ausdruck viel mehr sagen als im Deutschen und Russisch ist eine sehr
warme Sprache». In der mündlichen Abiturprüfung im Fach Französisch
erzielt sie die Bestnote.

«Ich habe absolut nichts gegen Gebärdensprache», erläutert die 27-
Jährige und fügt hinzu: «Ich wäre heute aber nicht die, die ich bin,
wenn ich mich nur mit Gebärden verständigt hätte». Irgendwann möchte
sie diese Form der Kommunikation auch noch lernen.

Über rhythmische Sprechübungen hinaus hat Neef eine Leidenschaft
für Musik. Bei dreizehn Musikschulen muss ihre Mutter anfragen, bis
sich eine Lehrerin findet, die ihrer Tochter schließlich neun Jahre
Klavierunterricht erteilt. Sie hört zwar nicht, was sie spielt, spürt
aber die Schwingungen. Da ihr Tastsinn stärker ausgeprägt ist als der
von Hörenden, muss sie ihre Anlage nicht zu sehr aufdrehen. Vor allem
Klassik schallt aus den Lautsprechern. «Rock- oder Popmusik besteht
meistens aus viel Text und den kann ich nicht hören». Außerdem können
die Songs von Britney Spears mit ihren Favoriten Frédéric Chopin oder
Claude Debussy bei weitem nicht konkurrieren - «Klassische Musik
passt einfach zu mir», sagt sie.

Neben Musik bestimmt der Tanz das Leben der Gehörlosen. Nicht
selten schwebt sie graziös übers Parkett. Die Karriere als
professionelle Ballerina schlägt sie zwar nicht ein, ihr Hobby führt
sie aber zur Psychologie: «Als Tänzerin bin ich immer in verschiedene
Rollen geschlüpft, schon da wollte ich mehr über den Menschen
erfahren.» Neef beginnt ihr Psychologie-Studium mit 19 Jahren in
Tübingen. Jedoch muss sie während des Hauptstudiums das Tanzen
einschränken: «Ich hatte ein Leistungsstipendium für mein Studium, da
musste ich mich auf das Studium konzentrieren.» Öffentliche Auftritte
seien da zeitlich nicht mehr möglich gewesen.

Zur Zeit arbeitet die Psychologin an ihrer Promotion mit dem Thema
Unterschiede des sprachlichen Gedächtnisses zwischen Hörenden und
nicht Hörenden. Was danach kommt, steht zwar noch nicht fest, aber
mit einer eigenen Praxis würde sie gerne ein großes Anliegen
verwirklichen: Als Therapeutin will sie Hörgeschädigten den Zugang zu
Sprache und Musik erschließen und vielleicht sogar das Tanzen
integrieren. «Tanztherapie wäre eine Möglichkeit», sagt die 27-
Jährige.

Während der Leipziger Buchmesse hat die junge Autorin ihr Buch «Im
Rhythmus der Stille» mit einer Lesung vorgestellt und vor kurzem
einen Vertrag für die Übersetzung ins Französische unterschrieben.
Dabei bleibt es aber nicht: Momentan schreibt die Doktorandin an
ihrem zweiten Buch. Die Fabel über zwischenmenschliche Beziehungen
soll Ende des Jahres erscheinen.

(Internet: www.sarahneef.de)


Erstellt: 17.04.2009 19:55

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