Fußball für Blinde - FC St. Pauli zeigt wie es geht
Von Annika Levin, dpa

   Hamburg (dpa)- «Alex?», ruft eine der Spielerinnen. «Hier, hier, hier» tönt es über den Platz. Dann der Pass - der mit Rasseln ausstaffierte Ball rollt lautstark über das Spielfeld. «Geh, geh, geh», weist Trainer Ulli Pfisterer den blinden Spieler an. «Schuss», ruft der sehende Helfer am gegnerischen Tor. Nur knapp rollt der Ball am Tor vorbei. Beim Training der Blindenfußballmannschaft des FC St.
Pauli geht es laut zu. Gespielt wird nicht im Stadion am Millerntor, sondern auf dem Sportplatz der Hamburger Blindenschule am Borgweg.

   Auch die blinden Fußballer wollen möglichst viele Tore schießen.
Nur die Mittel zum Zweck sind andere. So stehen in einer Blindenmannschaft fünf statt elf Spieler auf einem 20 mal 40 Meter großen Spielfeld. Geschossen wird auf kleinere Handballtore mit einem sehenden Torwart. Dieser darf sich nicht aus dem zwei Meter breiten Torraum entfernen. Trainer, Torwart und ein weiterer Helfer ohne Sehbehinderung am gegnerischen Tor leiten die Spieler mit ihren Rufen in die richtige Richtung.

   «Am wichtigsten sind Orientierung, Raumgefühl und Kommunikation.
Ohne eintrainierte Signale, Positionen und Spielzüge ist die Sicherheit der Spieler stark gefährdet», erklärt Trainer Pfistler.
Wenn ein Spieler seinem Gegner den Ball abnehmen will, muss er durch «Voy!»-Rufe auf sich aufmerksam machen. Damit soll ein Frontalzusammenstoß der Spieler verhindert werden. Auch die Technik im Umgang mit dem Ball ist ein wenig anders als sonst. «Die blinden Spieler sollten im Pinguinschritt den Ball annehmen, sonst kann es passieren, dass er durch die Beine rollt», sagt Pfisterer, der selbst Fußballprofi in Australien war.

   Damit die Spieler sich orientieren können, laufen sie in einer rautenförmigen Aufstellung: einer links, einer rechts, eine hintere und eine vordere Spitze. «Durch die Zurufe der sehenden Coaches können die Blinden ungefähr abschätzen, wo sie gerade auf dem Spielfeld sind», erläutert der 30-Jährige Michael Löffler, der von Geburt an blind ist.

   Die acht-köpfige Blindenmannschaft des FC St. Pauli steckt noch in den Kinderschuhen, wie der Blindenfußball in Deutschland insgesamt.
Das erste Trainig der Hamburger war im August. «In England und Brasilien gibt es schon seit zwanzig Jahren Blindenfußball, warum in Deutschland nicht, ist mir ein Rätsel», sagt Pfisterer. Dank der Unterstützung durch die Amateurabteilung des FC St. Pauli hat die Mannschaft eine gute Basis sich weiterzuentwickeln. Der Kiezverein lieh seiner Blindenmannschaft das Geld für die 14 000 Euro teure Bande rund um das Spielfeld. Damit ist die Mannschaft die erste im deutschen Blindenfußball mit guter Ausstattung. Außerdem erließ der Verein seinen neuen Mitgliedern für ein Jahr den Beitrag.

   «Für mich ist mit der Fußballmannschaft ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen», sagt Löffler. Damit die Spieler ihren Traum vom Fußballspielen weiter realisieren können, brauchen sie Unterstützung etwa durch Sponsoren. «Wenn wir Spieler denn auch noch in die Gänge kommen was das Spielen angeht» sieht Löffler eine Chance, dass sich der Blindenfußball zwischen den anderen Sportarten im Deutschen Behinderten Verband etabliert und etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt.

(Internet: Blindenfußball: www.ibcc2006.de) dpa ho/mk yyno jg

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Erstellt: 04.09.2006 19:05   Aktualisiert: 04.09.2006 19:07

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