Stuttgarter Zeitung, 29.09.2007, Seite 50
Für das Recht , verschieden zu sein
Zwei Kinder, eine Professur - die behinderte Theresia Degener leistet Außergewöhnliches
Prothesen hat die contergangeschädigte Theresia Degener schon als Kind abgelehnt. Auch sonst hat die selbstbewusste Frau - 50 Jahre nach dem
großen Arzneimittelskandal - einiges bewegt.
Von Keyvan Dahesch

Foto Dr. Theresia Degener
Das bild zeigt Dr. Theresia Degener mit ihrem Fuß am Kinn

Ihre Haare kämmt Theresia Degener mit ihren Füßen. Auch das Taschentuch, mit dem sie sich das Gesicht abtupft, hält sie mit dem Fuß
fest. Denn bei der promovierten Juristin übernehmen die Füße die Funktion der fehlenden Hände. Als Contergangeschädigte ist die
mittelgroße, sportliche Frau ohne Hände und Arme zur Welt gekommen. Prothesen, die in den sechziger Jahren oft flapsig als "Patschhändchen"
bezeichnet wurden, lehnt sie vehement ab. "Nach Erzählungen meiner Eltern habe ich mich schon als kleines Kind dagegen gewehrt", sagt sie
selbstbewusst.
Zeit ihres Lebens kämpft die wegen ihrer außergewöhnlichen Leistungen im In- und Ausland bewunderte Mutter zweier Söhne für das Recht ,
verschieden zu sein . "Menschen mit und ohne Behinderungen akzeptieren die Verschiedenheit als normal, wenn sie nicht von Kindesbeinen an
getrennt werden. Wenn sie gemeinsam aufwachsen, Kindergarten, Schule, Hochschule oder Berufsausbildung absolvieren, kennen sie die
gegenseitigen Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten", betont Theresia Degener. Deshalb lehnt sie Sonderschulen für Menschen mit Behinderungen
ab und tritt nachdrücklich für ihr Aufwachsen mit Menschen ohne Behinderungen ein. Für sich hat sie das immer wieder durchgesetzt. "Wenn
ich heute auf internationalen Menschenrechtskonferenzen vehement für das Recht , verschieden zu sein , eintrete, ist dies tief in
meiner eigenen Geschichte verwurzelt. Bereits mit drei oder vier Jahren war mir bewusst, dass dieses eine zentrale Frage für behinderte
Menschen ist."
Am 10. April 1961 in einem Dorf in der Nähe von Münster (Westfalen) geboren, musste Theresia in den ersten Lebensjahren lange Zeit in einem
Rehabilitationszentrum für prothetische Versorgung verbringen: "weil dort an mir Prothesen getestet wurden, die ich weder brauchte noch
wollte." Ihren verunsicherten Eltern hatte man die Gewöhnung an die Prothesen als "Muss" empfohlen, weil sie sich sonst Vorwürfe machen
würden, wenn ihre Tochter später verstärkt eingeschränkt wäre und zum Beispiel als Teenagerin keine Ringe tragen könnte.
Zu Hause wehrte sie sich im Bündnis mit ihrem Bruder erfolgreich dagegen. Da ihre Eltern als Ärzte viel zu tun hatten und das täglich für
zwei Stunden verordnete Tragen der Prothesen nicht überwachen konnten, blieben die Kunstarme in der Ecke. "Dieser Kampf war mein erster,
erfolgreicher Widerstandsakt, den ich in meinem Leben geleistet habe", sagt Degener. Bei der Wahl des Kindergartens und der Schule kam
Theresia das Renommee der Eltern im Dorf zustatten: "Sie wollten, dass ich zu Hause aufwachse und wie meine vier Schwestern und mein
Bruder vor Ort unterrichtet werden sollte." Für diese damals unübliche Einstellung kämpften sie hart. Und niemand mochte seine Stimme gegen
die angesehenen Ärzte im Dorf erheben, zumal es nicht viele Alternativen gab. So lenkte der Schulleiter ein und nahm sie in der Regelschule
auf. Mit diesem Etappensieg waren aber keineswegs alle Probleme gelöst.
Wie alle Menschen mit schweren Handicaps musste Theresia immer wieder zeigen, dass sie alles kann, und musste erheblich besser sein als
die anderen. "Die vielen unsinnigen Tests, die ich für die Einschulung bestehen musste, führten dazu, dass ich mich später in der Schule
zunächst sehr langweilte, weil ich das meiste schon gelernt hatte, um aufgenommen zu werden", sagte die Rechtswissenschaftlerin. Doch
schwebte das Damoklesschwert der Abschiebung in die Sonderschule auch weiterhin über Theresia. Vor allem, wenn sie etwas angestellt
hatte, hieß es schnell: "Es ist zu überlegen, ob Theresia sozial integrationsfähig ist." Der Druck stachelte ihren ausgeprägten Ehrgeiz an.
Sie wollte zeigen, was in ihr steckt. 1980 schaffte sie an einem Gymnasium in Münster das Abitur mit der Note 1,6. Einige Monate davor
war sie in eine Frauenwohngemeinschaft eingezogen, "wo bis auf die Unterhosen alles sozialisiert war", scherzt sie.
Mit dem Abitur in der Tasche arbeitete Theresia Degener einen Monat in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt und begann an der
Goethe-Universität das Studium der Rechtswissenschaft. Mit juristischem Sachverstand wollte sie das Frauen- und Behindertenrecht
mitprägen. Mit dem Autor Ernst Klee und dem 2004 verstorbenen Rollstuhlfahrer Gusti Steiner wirkte sie ehrenamtlich gegen Mitleid und für
ein selbstbestimmtes Leben der Menschen mit Behinderungen. "Wir verliehen damals zum Beispiel zusammen mit dem Frankfurter Theater die
goldene Krücke für besonders behindertenfeindliches Verhalten. Das war eine wichtige Zeit, in der ich viel gelernt habe", erläutert sie.

Bei der Eröffnungsveranstaltung des "Uno-Weltjahres der Behinderten" 1981 in der Dortmunder Westfalenhalle ketteten sich die Jurastudentin
und andere gleichgesinnte Menschen mit Handicaps an die Bühne, hinderten den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens an seiner Festrede
und verlangten, selbst ihre Vorstellungen darzulegen. Sie gründeten ein "Krüppeltribunal". Obwohl die Mitwirkung an Buchveröffentlichungen
über das "Krüppeltribunal" und zur Situation behinderter Frauen mit dem Titel "Geschlecht behindert - besonderes Merkmal Frau" sie
ziemlich in Anspruch nahm, schaffte Degener 1986 problemlos das erste Staatsexamen.
Nach einem Jahr Tätigkeit beim "Verein zur Förderung der Integration Behinderter in Marburg", wo sie sich auch mit pflegerechtlichen
Rahmenbedingungen beschäftigte, setzte sie ihr Studium an der Law School der University of California in Berkeley fort und schloss es mit
dem Titel "Master of Laws" ab. " Das war meine kleine Doktorarbeit im amerikanischen Recht . Die große schrieb ich vier Jahre später",
erzählt sie. Mit einer Dissertation über " Das Recht der ambulanten Pflege in der Bundesrepublik" errang sie 1992 den Doktortitel.
Zusammen mit dem heutigen rechts- und behindertenpolitischen Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion in Hessen, Rollstuhlfahrer Andreas
Jürgens, untermauerte sie die Notwendigkeit einer umfassenden Pflegeversicherung in Deutschland.
Von 1993 an arbeitete sie als Justiziarin bei der deutschen Sektion der weltweiten Interessenvertretung "Selbstbestimmt Leben". Mit deren
Initiatorin, Rollstuhlfahrerin Judith Heumann, Vizebildungsministerin der Regierung Bill Clinton, verbindet sie eine Freundschaft. In einem
Kooperationsprojekt mit der niederländischen Dachorganisation der Behindertenverbände, dem "Gehandicaptenraad", gab sie zum Thema
"Menschenrechte und Behinderung" eine der ersten internationalen rechtswissenschaftlichen Abhandlungen heraus. 1995 nahm sie an der
Goethe-Universität in Frankfurt eine Stelle mit der Möglichkeit zur Habilitation an. Nach ihrer Heirat und der Geburt ihres Sohnes Emil
wechselte sie im September 1998 an die evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Dort ist sie als Professorin für
Recht , Verwaltung und Organisation tätig. 2002 brachte sie ihren zweiten Sohn Franz zur Welt.
Im Sommer 1999 und 2005 lehrte sie für jeweils ein Jahr die "Rechte behinderter Menschen in der Welt" an der Universität Berkeley in
Kalifornien und der University Western Cape in Kapstadt. Hierzulande möchte sie das Studium zum Thema "Mensch und Behinderung" ebenfalls
etablieren. In der 14. Legislaturperiode des Bundestages war sie als Expertin Mitglied der Enquetekommission " Recht und Ethik der
modernen Medizin". Sie freut sich, dass Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik zwischen dem ihnen gewidmeten Weltjahr 1981 und
dem Europajahr 2003 ansehnliche Erfolge erzielt haben. Dazu gehören die Aufnahme eines Benachteiligungsverbots in Artikel Drei des
Grundgesetzes, einheitliche Sozialleistungen im Sozialgesetzbuch sowie Bundes- und Landesgleichstellungsgesetze. Mit dem Allgemeinen
Gleichbehandlungsgesetz erreichten die Behinderten im August 2006 nach Vorbild der USA auch ein Diskriminierungsverbot im Privatrecht.
Am 30. März diesen Jahres hatte Theresia Degener einen besonderen Grund zur Freude: An diesem Tag unterzeichneten Deutschland und 22 weitere
Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in New York die "Uno-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte behinderter
Menschen". Als eine der Vertreterinnen der Bundesrepublik in einem Sonderausschuss der Vereinten Nationen hat Degener wesentlich zum
Zustandekommen der Konvention beigetragen. "In acht hart geführten Verhandlungen haben wir über vier Jahre die Mehrheit von der
Notwendigkeit dieses Vertrages überzeugen müssen", betont die Juristin. "Die universalen Kenntnisse und das internationale Ansehen der
Menschenrechtsexpertin Degener haben die Verhandlungen oft erleichtert", sagt die Bundesbehindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer.
Die von mehr als hundert Ländern unterzeichnete Konvention gibt den Menschen mit Behinderungen einklagbare Rechte. Theresia Degener, die
über viele Jahre mit ihrem Ansehen weltweit dafür geworben hat, bringt sie so auf den Punkt: "Mit der neuen Menschenrechtskonvention wurde
der Universalismus der Menschenrechte eingelöst, indem auch behinderte Menschen nun gleichberechtigt geschützt werden." Für ihre Leistungen
erhielt Theresia Degener, die ihre Mitstreiter scherzend als "armlos, aber nicht harmlos" bezeichnen, im Oktober 2005 aus der Hand von
Bundespräsident Horst Köhler in Berlin das Bundesverdienstkreuz. Die Urkunde nahm sie mit den Füßen entgegen.


Erstellt: 14.10.2007 16:58

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