Bild links Keyvan Dahesch, rechts Dr. Michael Fleiter, Moderator des Frankfurter erzählcafeés - foto Christopher Boeckheler  Frankfurter Rundschau

Vom Sahnetorten-Kind zum engagierten Journalisten Der blinde Keyvan Dahesch reflektiert im Frankfurter Erzählcafé das

eigene Leben und den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderten

Unter dem Titel "Blind und trotzdem ein Ziel vor Augen" lud das Frankfurter Erzählcafé am Samstag zur Begegnung mit Keyvan Dahesch in den

Treffpunkt Rothschildpark ein. Dahesch, von Geburt an blind, engagiert sich seit vielen Jahren als freier Journalist für die Belange von

Behinderten.

VON ANNETTE WOLLENHAUPT

Keyvan Dahesch im Erzählcafé (FR)

Frankfurt 17. Oktober Er ist ein Glücksfall für jeden Moderator, allenfalls nicht so leicht zu bremsen. Wenn Keyvan Dahesch anfängt zu

erzählen, sprudelt es aus ihm heraus. All das, was ihm in seinen 63 Jahren passiert ist. Das Schöne und das Ärgerliche, das Berührende und

das Witzige. Und manchmal liegt das eine nah beim anderen.

Da ist die Kindheit in Teheran, als Spross gebildeter und begüterter Eltern, die "nicht wussten, wie sie mit ihrem blinden Kind umgehen

sollten". Die ihren Sohn in Watte packten, ständig in Angst um ihn waren, ihm jeglichen Sport verboten, ihn schlugen, wenn er mit Händen,

Nase und Ohren unerlaubterweise den Garten der Familie erkundete. Eltern, die ihr Kind mit Sahnetorte vollstopften, so oft, dass es

irgendwann kugelrund war. Und doch weiß Dahesch um das Glück in all seinem Kindheits-Unglück: "Andere blinde Kinder mussten im Iran in

Straßengräben übernachten und betteln!". Er selbst ging sogar in die einzige deutsche Blindenschule der Christoffel-Blindenmission in

Isfahan.

Die Eltern, sie hofften auf Heilung ihres Sohnes, der die ersten Jahre noch einen schwachen Hell-Dunkel-Unterschied wahrgenommen hatte,

schickten ihn nach Deutschland. Doch alle Spezialisten, die Dahesch untersuchten, stellten zu ihrem Bedauern fest, dass die völlige

Erblindung nicht aufzuhalten war. Keyvan Dahesch war 16 Jahre alt, sah aus "wie 30" und wollte eines ganz sicher: in Deutschland bleiben.

Die Aussichten waren gut, schließlich warteten angeblich zehn Millionen deutsche Frauen auf junge Männer wie ihn und darauf, geheiratet zu

werden. War natürlich alles dann doch nicht ganz so. Dahesch ging in Stuttgart auf eine Blindenschule. Keine schöne Zeit: "Die

Kriegsblinden wurden hofiert, uns Zivilbehinderte nahm man nicht zur Kenntnis." Er ließ sich zum Masseur ausbilden. Den Kaufmann Oskar

Schindler, der hunderte seiner jüdischen Arbeiter vor dem Tod im Konzentrationslager rettete, hat er drei Mal massiert und ein dickes

Trinkgeld kassiert. An der Frankfurter Akademie der Arbeit studierte Dahesch, der 1965 in die SPD eintrat, mit sozialpolitischen und

juristischen Schwerpunkten. Nach dem Studium wurde er 1975 Bürgerbeauftragter und Pressesprecher beim Hessischen Landesamt für Versorgung

und Soziales. Vor zwei Jahren verabschiedete sich Dahesch in den Ruhestand. Er ist sich sicher: "Ich war in unserem Amt der unbeliebteste

Kollege". Warum? Er habe unkonventionell gehandelt, sei nie den normalen Dienstweg gegangen. Von 1979 bis 1982 war Dahesh

SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Bonames. In Frankfurt habe er "die Toleranz kennengelernt" und - seine ebenfalls erblindete Frau.

Weil Dahesch als Journalist, insbesondere für die Frankfurter Rundschau , bis heute über behinderten- und blindenrelevante Themen

berichtet, liegt es nahe, dass er seinen Auftritt auch dazu nutzt, einen Blick auf die Geschichte des gesellschaftlichen Umganges mit

Behinderten zu richten. Auf Zeiten, da Lokalbesitzer eine junge Frau ohne Arme, die selbstbewusst und gepflegt mit ihren Füßen aß, des

Lokales verwiesen, da das Frankfurter Oberlandesgericht einer Frau Recht gab, die sich in ihrem Schwedenurlaub vom Anblick Behinderter

belästigt fühlte, und ihr Schadensersatz zusprach.

Privat wird es wieder mit Daheschs Hobbies. Mit großem Spaß walkt er regelmäßig entlang der Nidda, begleitet von einer netten Damenriege des

TUS Nieder-Eschbach. Zudem fährt er als Mitglied des Tandem-Clubs "Weiße Speiche" gemeinsam mit anderen Blinden und Sehenden über große

Strecken hinweg Fahrrad. Und noch eines erfahren die Gäste im Treffpunkt Rothschildpark an diesem Nachmittag: Keyvan Dahesch liebt es,

spontan Sprüche zu formulieren. Einen gibt er zum Besten und der geht so: "Lieber scherzen mit Weißwein, als Schmerzen im Steißbein!".

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Copyright Frankfurter Rundschau online 2004

Dokument erstellt am 17.10.2004 um 18:16:06 Uhr

Erscheinungsdatum 18.10.2004 Link E-Paper