Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Oktober 2004, Seite 46

Frankfurter Erzählcafé

Keyvan Dahesch: Als Blinder auf einem Tandem von Passau bis Wien

17. Oktober 2004  "Ein Gehörloser und ein Blinder verabreden sich zum Duell. Am vereinbarten Treffpunkt fragt der Blinde: Ist der Gehörlose

 schon da? Der Gehörlose fragt: Hat der Blinde schon geschossen?" Keyvan Dahesch, der mit diesem Witz sein Publikum im Saal des Instituts

 für Sozialarbeit zum Lachen bringt, ist selbst blind, "blind wie eine Blindschleiche von Geburt an", wie er selbst sagt. Seine Blindheit

 hat ihn aber nie gehindert, ein "normales" Leben zu führen, weder in Teheran, wo er 1941 geboren wurde, noch später in Deutschland. Am

 Samstag war er auf Einladung des Instituts für Stadtgeschichte Gast im Frankfurter Erzählcafe.

Dahesch kam als Kind gebildeter und wohlhabender Eltern zur Welt - was sein Glück war. "Wenn er schon nicht gut sieht, soll er wenigstens

 gut essen", lautete der hilflose Versuch der Eltern, das Kind für seine Behinderung zu entschädigen, wie er erzählt. Als seine jüngere

 Schwester eine Uhr bekam, wollte er auch eine haben. Doch das ging nicht: ",Deine Augen sind krank, du kannst das Ziffernblatt nicht

 sehen', haben mir meine Eltern damals gesagt." Sie hofften immer noch auf eine Heilung seiner "Augenkrankheit" und schickten den Sohn zu

 Ärzten, die ihn mittels Vitamin- oder Calciumspritzen zu kurieren suchten. Schließlich richtete sich die letzte Hoffnung der Eltern auf

 Deutschland, wohin Dahesch 1958 kam. Die deutschen Ärzte konfrontierten den Jugendlichen mit der Wahrheit: Die Blindheit ist endgültig.

 Doch er ließ sich nicht entmutigen. Nach dem Besuch der Blindenschule absolvierte er in Frankfurt eine Ausbildung zum Masseur und

 Bademeister. Doch damit nicht genug. 1970 begann Dahesch - inzwischen deutscher Staatsbürger - ein Studium an der Akademie der Arbeit.

 Nachdem er eine Verwaltungslehre absolviert und sich journalistische Kenntnisse erworben hatte, wurde Dahesch 1975 Bürgerbeauftragter und

 Pressesprecher beim Hessischen Landesamt für Versorgung und Soziales. 2002 ging Dahesch in den Ruhestand. Langweilig ist ihm aber nicht: Er

 arbeitet weiterhin als freier Journalist für mehrere deutsche Zeitungen und den Hörfunk. 

"Ein Blinder mit guter Begleitung ist heutzutage fast kein Blinder mehr", sagt Dahesch. Nach dieser Devise macht der umtriebige Mann dann

 auch alles, was ihm Spaß macht: In Begleitung einiger Damen walkt er, turnt und fährt sogar Tandem. Im Jahr 2001 ist er mit seinen sehenden

 Tandempartnern von Passau nach Wien geradelt. Auch mit moderner Technik kann Dahesch umgehen: Er arbeitet mit einem Computer, der ihm den

 Bildschirminhalt akkustisch übermittelt. Und ein Handy, das alle Informationen des Displays in Sprache übersetzt, besitzt er auch. 

Dahesch weiß genau, mit welchen Schwierigkeiten nicht nur Blinde, sondern auch andere Behinderte fertig werden müssen. Fast 30 Jahre lang

 kämpft er nun schon gegen deren Diskriminierung - wobei ihm eine Charaktereigenschaft besonders hilft, seine Beharrlichkeit. Als er nach

 Deutschland kam, war die Situation für ihn doppelt schwer: Er war blind und als sogenannter Zivilbehinderter gegenüber den Kriegsversehrten

 benachteiligt. "Der Staat hat sich damals in erster Linie den Kriegsopfern verpflichtet gefühlt. Hinzu kam, daß nur sehr wenige öffentliche

 Gebäude behindertengerecht ausgestattet waren." 

Dahesch ist es zu verdanken, daß das Benachteiligungsverbot 1994 ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Doch der Satz "Niemand darf wegen seiner

 Behinderung benachteiligt werden" wurde nach Inkrafttreten des Gesetzes nur unzulänglich umgesetzt. Daher wurde 1997 die Initiative "Aktion

 Grundgesetz" gestartet, die das Benachteiligungsverbot ins Bewußtsein der Öffentlichkeit bringen will. Dahesch begleitete diese Aktion

 publizistisch. 

Zu Ende ist sein Kampf noch nicht, wie auch Dahesch weiß. So ist beispielsweise noch längst nicht jedes Gebäude behindertengerecht

 gestaltet. Sein Engagement aber stößt auf Anerkennung. Ein Zeichen dafür ist die goldene Ehrenplakette, mit der ihn der

 Landeswohlfahrtsverband Hessen im Mai 2004 ausgezeichnet hat. Blind ist Keyvan Dahesch nur im biologischen Sinn. ANNA-LISA DIETER

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