Die EZB baut sich ihr eigenes Haus
Der spektakuläre Neubau ist ein Symbol für den Aufbruch in Frankfurts Osten
Vor dreizehn Jahren fiel nach hartem Ringen die Entscheidung für Frankfurt am Main als Standort der Europäischen Zentralbank (EZB). Jetzt ist die EZB dabei, sich in der Mainmetropole ein eigenes Haus zu bauen. Die Euro-Banker hoffen, im Jahr 2011 ihr neues spektakuläres Hochhaus an einem historischen Ort, der ehemaligen Großmarkthalle der Stadt, beziehen zu können.
Frankfurt am Main (pia) Mit der Entscheidung, die Europäische Zentralbank (EZB) nach Frankfurt am Main zu verlegen, ist die Mainmetropole zum Zentrum der europäischen Geldpolitik geworden. Die Vorläuferinstitution der EZB, das Europäische Währungsinstitut (EWI), hatte im November 1994 mit knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das in „Eurotower“ umbenannte ehemalige Bank-Hochhaus gegenüber dem Frankfurter Schauspielhaus bezogen. Die Mitarbeiter aus den damals 15 Nationen bereiteten hier, quasi als „Denkfabrik“, den Start der Europäischen Zentralbank technisch, juristisch und organisatorisch vor.
Inzwischen arbeiten Vertreter von 27 Nationen Europas in der EZB in Frankfurts City. Für die auf drei Standorte im Frankfurter Bankenviertel verteilten Mitarbeiter suchte man bald ein neues und größeres Haus. Der neue Standort sollte auch „das Selbstverständnis der EZB als Institution einer der wichtigsten Weltwirtschaften ausdrücken“, wie der Leiter der Bauabteilung der EZB, Thomas Rinderspacher unterstrich. Außer den selbstverständlichen Parametern wie Grundstücksgröße und Preis war auch entscheidend, ob die Sicherheit auf dem neuen Grundstück zu gewährleisten sei.
Schließlich kam die im Osten der Stadt in Mainnähe gelegene Großmarkthalle, eines der architektonischen Denkmäler der frühen Moderne, ins Blickfeld der EZB. Das denkmalgeschützte Gebäude, von den Frankfurtern liebevoll „Gemieskerch“, Gemüsekirche, genannt, war 1928 von dem Architekten Martin Elsässer gebaut worden und damals nicht nur der größte Gebäudekomplex der Stadt, sondern auch der größte Eisenbetonbau der Welt. Lange Jahrzehnte so etwas wie „der Bauch der Region Rhein- Main“ wurde hier 2003 zum letzten Mal mit Obst und Gemüse gehandelt. Die Großmarkthalle mit ihrer markanten Fassade prägt bis heute die nördliche Mainfront zwischen Innenstadt und Ostend.
Im Jahr 2002 lobte die EZB einen internationalen Architektenwettbewerb für den Neubau aus und wählte aus den fast 400 eingegangenen Bewerbungen 80 Architekten aus. Das Büro Coop Himmelb(l)au aus Wien konnte schließlich den Wettbewerb für sich entscheiden. Der Entwurf der Wiener Architekten sieht zwei gegeneinander verdrehte Hochhausscheiben mit einem dazwischen liegenden gläsernen Atrium vor und integriert die ehemalige Großmarkthalle in die Gebäudeplanung. 177 Meter hoch wird der neue „Euro-Tower“ neben der Großmarkthalle aufragen und sicher zum Wahrzeichen für den Euro in Frankfurt am Main werden. Nach einer dem Wettbewerbsentscheid folgenden „Optimierungsphase“ wurde der Raumbedarf auf 2300 Mitarbeiter ausgelegt, um die Kosten bei 500 Millionen Euro „zu Preisen von 2005“ zu halten, wie EZB-Generaldirektor Gerald Grisse erläutert. Im Herbst 2007 sollen die Bauarbeiten für die neue „Heimat“ der EZB beginnen, ihren Umzug planen die Euro-Banker für das Jahr 2011.
Um an das dunkelste Kapitel der Geschichte der Großmarkthalle zu erinnern, die Deportation von rund 6.000 Frankfurter jüdischen Mitbürgern, die von 1941 bis 1945 in der Großmarkthalle zusammengetrieben und von dort mit Zügen in die Konzentrationslager gefahren wurden, wird die Stadt Frankfurt im Herbst dieses Jahres einen europaweiten Wettbewerb für eine Gedenkstätte ausschreiben, die außerhalb des Großmarktgeländes liegen und von der EZB gemeinsam mit der Stadt gebaut und betrieben wird.

Der Neubau der EZB ist auch ein Symbol für die neue Ära, die hier im einst industriell geprägten Frankfurter Osten angebrochen ist. Das Stadtviertel mit dem Osthafen, der früheren „Gasfabrik“ und den Industriebetrieben entlang der Hanauer Landstraße hat sich in den vergangenen Jahren wie kein anderer Frankfurter Stadtteil verändert. Unmittelbar an der EZB am Main erinnert an die ehemalige industrielle Nutzung heute nur noch ein alter Kran, mit dem die Sandberge aus den Mainschiffen ausgeladen und aufgeschüttet wurden. Die gesamte Werft wurde zu einem Naherholungszentrum ausgebaut, das am Mainufer entlang einen Spaziergang direkt in das Herz der Frankfurter City ermöglicht. Auch an der Hanauer Landstraße sind die Zeichen des Umbruchs unübersehbar. In Lofts und Hinterhäusern, in Flachbauten und Backsteinhallen haben sich Autoverkäufer neben Werbern, Szene-Kneipen und Diskos niedergelassen und die Straße zu so etwas wie einer Meile der Kreativen werden lassen. Unter der Auto- und Kulturmeile ist eine enorme Kapazität an Glasfaserkabeln verlegt, und auf einem ehemaligen Industriegelände hat der deutsche Internetknoten, über den der weltweite elektronische Datenaustausch abgewickelt wird, also das „Herz“ des deutschen Internets, einen seiner Standorte in Frankfurt.

Der Neubau der EZB im Frankfurter Osten wird nicht nur ein Wahrzeichen für den Euro, sondern auch für das „neue“, global arbeitende Frankfurt am Main, das sich wie kaum eine andere deutsche Stadt von einem Industriestandort zu einer weltweit agierenden Dienstleistungsmetropole gewandelt hat.
Hermann Wygoda


Copyright © 2006 Stadt Frankfurt am Main

   zurück zur Seite Die Main-Metropole