Stern Titel Donnerstag, 18. Oktober 2007 Seite 28
Deutsche Vergangenheitsbewältigung
EVA IN DER NAZIFALLE
Die Unsicherheit im Umgang mit dem Nationalsozialismus ist riesengroß. Das Unwissen auch. Jeder vierte Deutsche glaubt immer noch, dass die
Hitler- Diktatur auch gute Seiten hatte. Eva Herman hat - wohl ungewollt - eine lange vernachlässigte Debatte angestoßen
Eva Herman ist eine Mücke, die zu einem Elefanten gemacht wurde. Ihr Auftritt bei Kerner ... Halt! Stopp! Warum lesen Sie eigentlich noch
weiter? Das war ein Vergleich von Mensch und Tier - und der geht gar nicht, wie Johannes B. Kerner sagen würden.
Brauner Dreck. Nazi-Sprache. Und daher, liebe Leser, müssen wir Sie an dieser Stelle nach reiflicher Überlegung leider auffordern, mit der
Lektüre dieses Textes aufzuhören. Danke.
Falls Sie immer noch da sein sollten, fangen wir mit der gebotenen Vorsicht noch mal von vorne an. Es geht darum, wie man über den
Nationalsozialismus reden darf, was erlaubt, was verboten und was nötig ist - und warum wir ausgerechnet Eva Herman, die vergangene Woche
so spektakulär aus der Kerner-Show im ZDF geflogen ist, eine Chance verdanken, diese Grenze neu zu vermessen.
Die vormalige "Tagesschau"-Sprecherin hat gelegentlich Schwierigkeiten, ihr Weltbild in eindeutige Worte zu fassen. Aber was sie an dem
unglücklichen Abend bei Kerner und zuvor wirklich gemeint hat, ist letztlich egal. Es geht nicht um Eva Herman.
Entscheidend ist, wie sie - auch wenn das ungerecht sein mag - verstanden wurde: nämlich als jemand, der findet, es sei nicht alles schlecht
gewesen im Nationalsozialismus.
Das ist keineswegs der Irrglaube einer versprengten Minderheit. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den stern schloss sich jeder
Vierte der über 1000 Befragten dieser Haltung an. Unter den über 60-Jährigen konnten sogar 37 Prozent im NS-Regime auch gute Seiten
entdecken. Je niedriger der Schulabschluss, desto höher die Zustimmung: 44 Prozent waren es unter den Hauptschulabsolventen.
Ein dramatischer Befund. Zur Erinnerung sei daher noch mal zusammengefasst, was bisher geschah: Frau Herman ist im Laufe von vier Ehen,
einer Mutterschaft und einer zwanzigjährigen Fernsehkarriere zu der Erkenntnis gelangt, dass Emanzipation Mist und der beste Platz für die
Frau am Herd und bei ihren möglichst zahlreichen Kindern sei. Dummerweise hat sie vor Wochen die Begriffe "Nationalsozialismus" und "gut"
in einem einzigen Satzungetüm untergebracht. Wie und ob sich beide Wörter aufeinander beziehen, ist im Dickicht ihres Geredes über Werte
und Familie schwer auszumachen (siehe Zitat S. 30). Sie meint: überhaupt nicht. Andere meinen: sehr wohl. Das kostete sie den Job bei der
"Tagesschau".
Als der Fernsehseelsorger Johannes Baptist Kerner ihr die Beichte abnehmen wollte, wies sie jede Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut
weit von sich, ließ aber die erwartete Bußfertigkeit vermissen.
Schlimmer noch: Sie benutzte das Wort "Autobahn" in einem Satz, der sich auf die NS-Zeit bezog. Margarethe Schreinemakers, die als Kerners
Betschwester fungierte, rief: "Ich krieg erhöhten Puls." Kerner: "Autobahn geht halt nicht." Senta Berger, als dritte Fachkraft dabei,
analysierte:
"Das ist wirklich schwierig." Am Ende schmiss der praktizierende Antifaschist Kerner seine Duz-Freundin Eva raus. Sie war in die Nazifalle
getappt.
Offenkundig gibt es Millionen, die so denken, wie Eva Herman nachgesagt wird.
Nur reden die meist nicht vor Mikrofonen.
Aus verständlichen Gründen, denn für die öffentliche Debatte über die Nazi- Zeit gelten strenge Regeln. Wer sie verletzt, ist erledigt.
Unter den Gestrauchelten sind eher unverdächtige Figuren wie der ehemalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger, der die ersten Jahre
unter Hitler ein "Faszinosum" nannte.
Aber eben auch Gestalten vom Schlage des früheren Bürgermeisters der niederrheinischen Stadt Korschenbroich, Wilderich Graf von Spee. Noch
in den 80er Jahren meinte er, man müsse schon "ein paar reiche Juden erschlagen", um den Haushalt der Kommune auszugleichen.
Da schimmert eine Weltsicht durch, die man lieber vor Gericht als im Fernsehstudio verhandeln würde.
Ganz ohne Regeln und Tabus wird es also nicht gehen. Das Zweifeln am Holocaust, an dem es keine Zweifel gibt, ist ein Fall für den
Staatsanwalt. Auch den Charakter von Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg darf nach mehr als sechs Jahrzehnten niemand infrage stellen,
der sich nicht selbst aus der Diskussion ausschließen will. Aber ist es richtig, dass vor den Fernsehern Millionen Zuschauer sitzen, die
denken, was man im Fernsehen nicht sagen darf? Natürlich nicht. Eine einfache Regel würde weiterhelfen:
Volksverhetzer muss man bekämpfen, Ahnungslose informieren.
Noch mal Eva Herman. Nichts ist leichter, als sie zu vernichten. Zum Beispiel mit einem Zitat von Joseph Goebbels. Hitlers oberster Hetzer,
ein ausgewiesener Verehrer des Weiblichen, sagte: "Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder auf die Welt zu bringen." Klingt fast
wie bei Eva, genauso der nächste Satz: "Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet ihm die Eier aus. Dafür sorgt der Mann für die
Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab." Gegen solche Analogien kann man sich kaum wehren. Sie sind scharfe Waffen im
politischen Nahkampf. Neue Erkenntnisse bringen sie selten. Die ergeben sich nur, wenn man sich die Mühe macht, zu erklären und zu
erläutern, und dabei auch Widerspruch in Kauf nimmt. Das ist anstrengend, langwierig und verspricht nicht die Quoten eines anständigen
Eklats vor laufender Kamera.
Trotzdem: Der Herman angelastete Rückgriff auf die NS-Familienpolitik ist nicht deshalb so fatal, weil sich ihr abenteuerliches Frauenbild
in Teilen mit dem von Goebbels deckt. Sondern weil untrennbar zur Familienpolitik der Nazis etwas anderes gehört: der mörderische
Rassenwahn und das Herrenmenschentum.
Tatsächlich unternahmen die Nazis alles, damit die Frauen zu Hause blieben und Kinder kriegten. Natürlich nur die Frauen, die - und das ist
jetzt wirklich brauner Dreck und Nazi-Sprache - "erbgesund" und "rasserein" waren. Den anderen drohten schon ab 1933 Zwangssterilisationen
und später das KZ und die Gaskammer.
Dabei wurden auch die sogenannten Arierinnen nur als Gebärmaschinen für gesunden Nachwuchs gebraucht,
Link behinderte Kinder wurden zu Tausenden ermordet.
Als "vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort" tat Hitler die Emanzipation ab. Die Frau sollte gebären und ansonsten nicht im Wege stehen (im
Krieg durfte sie auch in der Rüstung schuften, weil die Männer anderswo töten und sterben mussten). Durch das "Erste Gesetz zur
Verminderung der Arbeitslosigkeit" - und das war kein Zufall - wurde die Vergabe von Ehestandsdarlehen eingeführt. Bis zu 1000 Reichsmark,
was damals sehr viel Geld war, gab es, wenn zuvor berufstätige Frauen zu Hause blieben. Für jedes Kind, das sie gebaren, wurden 250 Mark
von der Darlehensschuld gestrichen.
Die gemeinsame Veranlagung von Ehegatten bei der Steuer, 1934 eingeführt, wirkte ebenfalls als Prämie für den Berufsausstieg der Frau.
Später gab es Mutterkreuze für Vielgebärende.
Heinrich Himmler, der oberste SSMörder, ließ keinen Zweifel daran, welche Zwecke damit verfolgt wurden. In einem Befehl "für die gesamte SS
und Polizei" schrieb er 1939: "Niemals wollen wir vergessen, dass der Sieg des Schwertes und das vergossene Blut unserer Soldaten ohne Sinn
wären, wenn nicht der Sieg des Kindes und das Besiedeln des neuen Bodens folgen würden." Das ist der Geist der Familienpolitik der Nazis;
das ist der Dreck, in dem nach Gold wühlt, wer die vermeintlichen Errungenschaften und die Konjunktur der Werte preist.
Die unfreiwillige Aufklärerin Herman befasste sich bei Kerner auch mit dem Straßenbau, was ihr den Konter "Autobahn geht halt nicht"
einbrachte. Dabei gehen Autobahnen wunderbar - wenige andere Projekte zeigen so deutlich, wie zielstrebig und zwangsläufig das NS-Regime
auf einen großen Krieg zusteuerte.
"Straßen des Führers" hießen die Autobahnen.
Sie waren, so der britische Historiker Richard Evans, "vielleicht das dauerhafteste der vom Dritten Reich ins Werk umgesetzten
Propagandaprojekte".
Hitler hat die Autobahn nicht erfunden, auch nicht die erste gebaut, aber den Straßenbau inszeniert wie niemand zuvor. Es war ein doppeltes
Schauspiel: Der Bau der neuen Trassen wurde als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gepriesen, die einem beträchtlichen Teil des Millionenheers der
Arbeitslosen eine neue Chance eröffnete. Und dann war er, was noch reizvoller war, ein Versprechen an die Deutschen. Von 1934 an redete
Hitler davon, dass jede Familie irgendwann ein Auto besitzen werde, um diese Straßen zu befahren. Da kam alles zusammen.
Schöne Bilder von kühn geschwungenen Brücken inmitten deutscher Prachtlandschaften; Arbeitslose, die wieder in Lohn und Brot waren, und als
Zugabe die Verheißung einer motorisierten Zukunft.
Bereits im September 1933 eröffnete Hitler die Bauarbeiten für die Strecke Hamburg-Basel, für die seit Jahren Pläne vorlagen, mit denen die
Nazis ursprünglich nichts zu tun hatten. Keine zwei Jahre später wurde das erste Teilstück bei Frankfurt freigegeben - heute gehört es zur
A5 und wird täglich von weit über 100 000 Fahrzeugen genutzt. Eva Herman hat also völlig recht, wenn sie sagt, dass wir heute noch über die
damals gebauten Straßen fahren. Insgesamt stellten die Nationalsozialisten bis zu Kriegsbeginn über 3000 Kilometer Autobahn fertig. Dabei
waren nie mehr als 125 000 Menschen mit den Projekten beschäftigt - der Rückgang der Arbeitslosigkeit hatte andere Ursachen: insbesondere
das Ende der Weltwirtschaftskrise und die Aufrüstung.
Von den ersten Tagen seiner Herrschaft an versprach Hitler die "Rettung des deutschen Arbeiters durch einen gewaltigen und umfassenden
Angriff auf die Arbeitslosigkeit".
1933 wurde die ungeheure Summe von fünf Milliarden Reichsmark für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bereitgestellt.
Tatsächlich sank die Zahl der Arbeitslosen, die bei Hitlers Machtergreifung sechs Millionen betragen hatte, rasend schnell. Neben der
Verdrängung der Frauen trug dazu auch die wieder eingeführte Wehrpflicht und die Manipulation der Statistik bei. Entscheidend war aber,
dass das Regime trickreich beschafftes Geld in unvorstellbaren Mengen in die Aufrüstung pumpte. Zehntausende kamen im Flugzeugbau unter;
bei Krupp wurden Panzer gebaut (offiziell waren es Traktoren). Die Auto Union kurbelte die Produktion von Militärfahrzeugen an. All das
musste mehr oder weniger getarnt werden.
So wurde der Autobahnbau zum Propagandavehikel für die Erfolge der "Arbeitsschlacht", als die der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit
vermarktet wurde.
Das Ziel war dabei von Anfang an nicht die wirtschaftliche Erholung. Bereits im Februar 1933 sagte Hitler im Kabinett, jede
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme müsse unter dem "Gesichtspunkt der Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes" gesehen werden. Im gleichen
Monat - diesmal vor Offizieren und SS-Führern - kündigte er an, in etwa acht Jahren werde es nötig werden, "Lebensraum im Osten zu
schaffen".
Erst dieser Plan erklärt die abenteuerliche Finanzierung der Hitler'schen Politik:
Bezahlt werden sollten die schönen Straßen, über die wir heute noch fahren, von den versklavten Völkern im Osten.
Auch wenn Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Krieg beim Bau der Trassen geschunden wurden, ging der Plan bekanntlich nicht auf.
So wie die Autobahnen für sich genommen durchaus nützlich sein mögen, verhält es sich mit vielen anderen Maßnahmen des Regimes. Es führte
die steuerfreien Nachtund Sonntagszuschläge ein, die noch Jahrzehnte später von deutschen Gewerkschaften verteidigt wurden. Es bescherte
den Rentnern eine Krankenversicherung.
"Hitlers Volksstaat" war eine "Gefälligkeitsdiktatur", wie der Historiker Götz Aly in einem heftig diskutierten Buch dargelegt hat. Aly
sieht die Deutschen jener Jahre als "Nutznießer und Nutznießerchen".
Der Staat operierte dabei stets hart an der Zahlungsunfähigkeit. Die Ausgaben für Rüstung und Arbeitsbeschaffung sowie die Milliarden für
die Wohltaten zur Verbesserung der Stimmung machten den ohnehin gewollten Krieg unausweichlich. Selbst Goebbels jammerte über das "rasende
Defizit".
Die Ausplünderung der Juden konnte es nicht stoppen. Das sollte der Krieg leisten.
Bis es so weit war, druckte die Reichsbank einfach Banknoten, über eine Tarnfirma wurden Wechsel in Milliardenhöhe ausgegeben.
Die Schulden stiegen unaufhörlich.
"Weder Hitler noch seine Wirtschaftsfachleute schien das zu stören", schreibt Richard Evans. "Für sie waren die Schulden nur ein
kurzfristiges Problem, da sie in den kommenden Jahren durch die Expansion nach Osten finanziert werden würden." Beim Versuch, auf diese Art
den Staat zu sanieren, starben Dutzende Millionen Menschen. Natürlich erklärt die Notwendigkeit der Ressourcenbeschaffung nicht allein die
aggressive und mörderische Politik der Nazis - aber sie gehört dazu. Wer Hitlers Autobahnen preist, sollte an diesen Zusammenhang erinnert
werden. Das Gleiche gilt für alle, die sagen, die Nazis hätten sich um Familien gekümmert oder die Arbeitslosen von der Straße geholt.
Dabei sollte man den Zeigefinger nicht zu hoch heben. Denn nicht nur die Eswar- nicht-alles-schlecht-Fraktion hat es sich zu leicht gemacht,
sondern auch die, deren Job es gewesen wäre, solchem Gedankengut mit Argumenten zu begegnen.
Sie haben eine wesentliche Erkenntnis lange vernachlässigt: nämlich, dass es keineswegs nur ein "Rudel von Berauschungstechnikern" (Golo
Mann) war, das die Deutschen ins Unglück geführt hat. Große Teile der Bevölkerung haben von der Politik der Nazis zeitweise profitiert und
auch deshalb begeistert mitgemacht. Nur passte das nach dem Krieg nicht ins Konzept der Zeitgeschichtsschreibung. Das ganze Nazi-Sprache
Nazi-Gerede von der "Volksgemeinschaft" wurde, wie der Jenaer Historiker Norbert Frei beobachtet, als pure Fiktion dargestellt:
"Statt der breiten Zustimmung, der 'Führer'-Begeisterung und der hohen Integrationsbereitschaft" habe die Forschung deshalb betont, wie
brutal und unterdrückerisch das Regime gewesen sei. Diese Sicht sei "nicht falsch, aber doch höchstens die halbe Wahrheit".
Schon im September 1933 jubelte Hitler bei einer Tagung des Frontkämpferbundes "Stahlhelm" in Hannover: "Dass wir das Volk gewonnen haben,
dass das Volk zu uns gehört, dass das Volk in unserer Bewegung die Führung wirklich sieht und anerkennt, das ist das Entscheidende, ist
das, was uns glücklich macht." Ausnahmsweise war das nicht nur Propaganda. Als der junge Emigrant Willy Brandt bei einer illegalen Reise
nach Berlin 1936 die Stimmung der Arbeiter erkundete, stellte er fest, sie seien zwar nicht regimefreundlich, aber "erst recht nicht
regimefeindlich".
Das hatte - nicht nur, aber auch - mit den Dingen zu tun, die heute offenbar noch von Millionen Deutschen als gute Seiten des Regimes
gesehen werden.
Gesprochen wurde darüber nach dem Krieg - aber zumeist privat; etwa wenn Oma beim Familienfest einen Eierlikör zu viel hatte. Die
öffentliche Auseinandersetzung blieb lange aus. Denn Geschichtsschreibung war über Jahrzehnte Politik. Und dieser Aspekt passte eben nicht.
In langen Kämpfen entstand das Dickicht der Regeln und Tabus, das heute nicht nur vor Entgleisungen und Zumutungen schützt, sondern
gelegentlich auch behindert. In diesen Tagen drucken Boulevardzeitungen Listen mit Wörtern, bei denen Vorsicht geboten sei - von "Autobahn"
bis "Volkswagen". Irgendwas hat sich da verselbstständigt.
"Wir leben heute im großen Zeitalter der historischen Mythologie", schrieb der 1917 geborene Sozialwissenschaftler Eric Hobsbawm. Die
Erinnerung werde umgeschrieben und umerfunden, um sie für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus ist
dafür das beste Beispiel.
Es wurde verdrängt und angeklagt, tabuisiert und ins Licht gezerrt, moralisiert und ins Absurde übersteigert. In den Wirtschaftswunderjahren
beschwiegen und verdrängten die ehemaligen Volksgenossen ihre Schuld, während die Wissenschaftler sich daran abarbeiteten, Strukturen und
Mechanismen der NS-Herrschaft zu untersuchen. Konkrete Täter für die ungeheuren Verbrechen machten sie fast nie aus. Das große Verdienst,
danach gefragt zu haben, gebührt erst den Nachgeborenen.
Die "Bewältigung" der Vergangenheit hatte begonnen. Alles, was irgendwie in den zwölf dunklen Jahren vorgekommen war, wurde verdammt. Und
zwar mit einer Radikalität, die dazu führte, dass etwa der heute in Ehren ergraute Altlinke Johano Strasser seinen Genossen in den
Sechzigern verheimlichte, dass er Leichtathletik trieb, Körperertüchtigung. Unversöhnlich gingen noch in den 80er Jahren die ergrauten
Protagonisten des Historikerstreits aufeinander los.
Geschichtsschreibung war in der Bundesrepublik selten der Versuch, dem Publikum die wesentlichen Zusammenhänge zu erklären. Immer war sie
Kampf um die Meinungs- und Deutungshoheit; geführt mit vollem Einsatz und manchmal edlen Motiven.
Es ist bezeichnend, dass es die US-Fernsehserie "Holocaust" war, die Ende der 70er Jahre den Völkermord an den Juden im Bewusstsein der
Deutschen verankerte - alle Bemühungen der fast zwei Jahrzehnte zuvor verblassten angesichts der Wirkungsmacht des Schicksals der Familie
Weiss. Noch länger dauerte es, um den Mythos der sauberen Wehrmacht endgültig zu zerstören.
Erst in den 80er Jahren - als die Zeitzeugen alt geworden waren - begann die Zeitgeschichtsschreibung, sich um das Alltagsleben im
Nationalsozialismus zu kümmern.
Vielleicht ist das die Chance, die Minderheit, der nicht alles schlecht erscheint, aus dem Reich der Mythen zu holen. Dabei nutzt jede
Äußerung aus der schweigsamen Menge. Wenn sich die Klassensprecher der Ahnungslosen melden, sollen sie reden.
Auch Falsches und schwer Erträgliches. Das nervt. Aber wir müssen ihnen antworten, statt sie rauszuschmeißen.
Grafik:
UMFRAGE VIELE FINDEN NICHT ALLES SCHLECHT Hatte der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten (Bau der Autobahnen, Beseitigung der
Arbeitslosigkeit, niedrige Kriminalität, Förderung der Familie)?
Ex-"Tagesschau"-Sprecherin und Buchautorin Herman, 48, fühlt sich zu unrecht in die rechte Ecke gestellt.
Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, die Familienpolitik der Nazis zu feiern
"Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und
der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das - alles, was wir an Werten hatten - es
war 'ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das
wissen wir alle - aber es ist damals eben auch das, was gut war - und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien,
das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben ..."
Eva Herman
(am 6. September bei der Präsentation ihres Buches "Das Prinzip Arche Noah")
Die Frau trägt, umgeben von Ehemann und acht Kindern, das "Mutterkreuz". Auch materielle Anreize sollten die Geburtenrate hochtreiben
Das Bild der Mutter mit Kind wurde 1938 in Berlin aufgenommen. Für die Nazis sollten Frauen vor allem eines: "arische" Kinder gebären. Die
Verehrung der Mütter war Teil des Rassenwahns
Mit Schaufeln über der Schulter posieren Männer des Reichsarbeitsdienstes 1935. Arbeitsdienst und die wieder eingeführte Wehrpflicht trugen
ebenfalls zum Abbau der Arbeitslosigkeit bei. Das Volk wurde uniformiert und auf den lange geplanten großen Krieg vorbereitet
"Aber es sind ja auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf"
Eva Herman (am 9. Oktober im ZDF bei "Kerner")
Der Bau der Autobahnen - hier in Pommern - war ein gigantisches Propagandaprojekt. Geld spielte keine Rolle. Es würde ja Krieg geben
Die Aufrüstung, hier eine Panzerproduktion im Ruhrgebiet, war einer der Gründe für den raschen Abbau der Arbeitslosigkeit
"Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten"
(am 9. Oktober im ZDF bei "Kerner")
Schüler der "Reichsschule für Leibesübungen" auf Burg Neuhaus beim Geländelauf. Körperkult und NS-Ideologie gehörten zusammen
Kinder waren für das Regime vor allem künftige Soldaten. Das Übungsschießen fand 1941 in einem Sommerlager der Hitler-Jugend statt
Das Ende hinter Stacheldraht: ein deutscher Kriegsgefangener im Mai 1945
Für die öffentliche Debatte über die Nazi-Zeit gelten strenge Regeln.
Wer sie verletzt, ist erledigt
Wenn sich die Klassensprecher der Ahnungslosen melden, sollen sie reden
Flucht aus Ostpreußen. Für Millionen Deutsche führte Hitlers Krieg im Osten zum Verlust der Heimat
Kinder im KZ. Erst mit vielen Jahren Verzögerung drang der Völkermord ins Bewusstsein der Deutschen
Stefan Schmitz


Erstellt: 11.11.2007 18:28   Autor: Stefan Schmitz

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