Friedhelm Hengsbach:

Die Zukunft der Erwerbsarbeit ist die Arbeit am Menschen
Im Februar 2003 erreichte die Zahl der registrierten Arbeitslosen mit 4,7 Mio.den dritthöchsten Stand in der Geschichte der Bundesrepublik. Obwohl Helmut Kohl als Bundeskanzler einmal versprochen hatte, die Zahl der Arbeitslosen bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Obwohl Bundeskanzler Schröder den Erfolg seiner Politik daran messen lassen wollte, die Arbeitslosenzahlen deutlich zu senken. Und obwohl die Hartz-Kommission sich erneut das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, innerhalb von drei Jahren die Arbeitslosigkeit um die Hälfte zu verringern. Sind die führenden Politiker so zynisch, die Bevölkerung an der Nase herumzuführen? Sind sie einfach ohnmächtig oder handeln sie bloß fahrlässig, indem sie derartige Versprechen abgeben?
Fehldiagnosen
Die seit Mitte der 70er Jahre verfestigte Massenarbeitslosigkeit hat die intellektuellen Eliten in Deutschland zu der Fehldiagnose verleitet, dass das Ende der Arbeit in Sicht sei. Hannah Arendt hatte bereits in den 50er Jahren in Aussicht gestellt, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht - was könnte verhängnisvoller sein? Die besorgte Frage von damals wird heute als plausible Hypothese vorgetragen, dass nämlich die Welt im nächsten Jahrhundert auf einen Kapitalismus zuläuft, der kaum noch arbeitende Menschen braucht. Vollbeschäftigung werde zu einer überflüssigen, sozialromantischen Utopie. Es breche eine Zeit an, in der abhängige Lohnarbeit von selbstbestimmten Tätigkeiten abgelöst werde.
Eine solche Hypothese vom Ende der Arbeitsgesellschaft ist schwach begründet. Sättigungsgrenzen beim Konsum mag es bei den
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ ist Leiter des Oswald-von-Nell-Breu
ning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/M.
höheren Einkommensschichten in Westdeutschland geben, kaum jedoch bei der Grundschicht der Bevölkerung in Europa und in den Ländern der Dritten Welt. Die Erwerbsneigung der Bevölkerung steigt. Die Zahl der Arbeitslosen, die sich mit einer Grundsicherung abfinden lassen, ohne an der gesellschaftlich organisierten Arbeit beteiligt zu sein, ist marginal. Offensichtlich gibt es zahlreiche Bedürfnisse, die noch unbefriedigt, und dringende öffentliche Aufgaben, die noch unerledigt sind.Und warum sollte eine moderne Gesellschaft auf die Produktivitätsvorteile, die eine arbeitsteilige, markt-, geld- und erwerbswirtschaftliche Steuerung der Wirtschaft bietet, verzichten?
Schwerwiegender sind Fehldiagnosen der politischen Klasse wie der Rückgriff auf modische Formeln wie Globalisierung, demographischer Wandel, technische Revolution, wuchernde Bürokratie oder Werteverlust, die als Ursachen der Arbeitslosigkeit und als strategische Größen im Kampf für mehr Beschäftigung genannt werden. In der Regel handelt es sich um Schmetterlingswörter, deren Erklärungswert gegen Null tendiert. Die gröbste Fehldiagnose besteht darin, die Massenarbeitslosigkeit durch individuelles Versagen zu erklären. Damit verkürzt sich der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit auf das Lamentieren über arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger und Geringqualifizierte. Folglich sieht man in der Absenkung des „Anspruchslohns“, jenes Arbeitsentgelts, das ein Alleinverdienender benötigt, um sich, seine nicht erwerbstätige Ehefrau sowie zwei Kinder zu unterhalten und in einem städtischen Ballungsraum eine angemessene Wohnung zu mieten, die entscheidende Stellgröße. Oder man erhofft sich von einer Kürzung der Regelsätze der Sozialhilfe arbeitsfähiger Personen einen wirksamen Anreiz, damit Arbeitslose sich zügiger dem regulären Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Die HartzKommission drängt schwerpunktartig darauf, die Vermittlung von Arbeitslosen zu beschleunigen und zu intensivieren. Eine individuelle Deutung der Massenarbeitslosigkeit liegt auch den massiven Bemühungen zur Qualifizierung zugrunde. Doch aus der Erkenntnis, dass gering Qualifizierte schneller und stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, folgt nicht im Umkehrschluss, dass eine Höherqualifizierung das Beschäftigungsrisiko aufhebt. Die Arbeitslosen in den neuen Bundesländern sind meist nicht arbeitslos wegen mangelnder Qualifizierung. Aber auch im Westen bewerben sich Ingenieure hundertfach, ohne einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

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Ein schwerer Denkfehler ist die brennpunktartig auf den Arbeitsmarkt zugespitzte Krisendiagnose. Die Löhne seien zu hoch, die Lohnstruktur zu starr. Der Kündigungsschutz entmutige kleine und mittlere Unternehmen, zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen. Die flächendeckenden Tarifverträge raubten den Höherverdienenden jene Leistungsanreize, die für das Wachstum eine entscheidende Rolle spielen. Die hohen Lohnnebenkosten würden die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ruinieren. Aber für einen authentischen Vergleich müssen die Lohnkosten mit der Arbeitsproduktivität in Beziehung gesetzt werden. Für die meisten Unternehmen sind nicht die Lohnkosten, sondern der Markterfolg, die Marktnähe und die Gewinnaussichten standortentscheidend. Starr erscheinen die flächendeckenden Tarifverträge nur dem, der die etwa 40 000 Tarifverträge nicht bemerkt, die jährlich abgeschlossen werden, oder die betrieblichen Öffnungsklauseln übersieht, die zunehmend Bestandteile von Tarifverträgen bilden. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft einzig von der Lohnkostenseite her zu beurteilen, offenbart den blinden Fleck einer Diagnose, der es nicht gelingt, jene Hypothese einer Lohn-, Steuer- und Abgabenkonkurrenz der Staaten in ein komplexes und deshalb plausibles System gesamtwirtschaftlicher Regelung und Rückkopplung zu integrieren. Stattdessen werden die Bundesanstalt für Arbeit oder die Gewerkschaften als Prügelknaben einer verfehlten Beschäftigungspolitik sowie einer Vertrauenskrise unter deutschen Unternehmern angeprangert, die sich selbst immer mehr in eine pessimistische Stimmungslage hineinsteigern.
Die andere Seite der Münze
Es ist ein Gebot der wissenschaftlichen Fairness, gegen den beherrschenden Chor der betriebswirtschaftlich kalkulierenden, mit den neoklassischen Mikrowelten vertrauten, angebotsorientiert und monetaristisch trainierten Ökonomen, Journalisten, Sachverständigen, Kabinettskollegen und neuerdings auch Bundesbanksprecher auf jene andere Seite einer monetären und realwirtschaftlichen makroökonomischen Kreislaufanalyse hinzuweisen.
An erster Stelle steht die quasi-säkulare Erfahrung, die sich noch in den 80er und 90er Jahren bestätigt hat, dass der Arbeits
markt ein abgeleiteter Markt ist. Er taugt infolgedessen nur begrenzt als Schlüssel zur Erklärung der Massenarbeitslosigkeit. Er kommt in Bewegung, wenn sich auf den Gütermärkten vorher eine dynamische und stetige kaufkräftige Nachfrage entwickelt hat. So hat sich die derzeitige Massenarbeitslosigkeit in mehreren Rezessionsschüben 1965/66, 1973/74, 1980/81 und 1992/93 aufgeschaukelt und verfestigt.
An zweiter Stelle ist die realwirtschaftliche und psychische Anfälligkeit der deutschen Unternehmen gegenüber den Infektionen zu sehen, die von der US-Wirtschaft als dem weltweiten Konjunkturund Wachstumsmotor ausgehen. Seit Mitte der 90er Jahre übte die „Neue Wirtschaft“ unter den Deutschen eine beispiellose Faszination aus. Sie schien ein technikbasiertes, von konjunkturellen Störungen freies, stetiges Wachstum mit hoher Beschäftigung zu garantieren. Steigende Aktienkurse beflügelten die Konsumneigung, die Gewinnerwartungen und Investitionen. Erst im Nachhinein stellte sich der hochspekulative Charakter jenes Technologie- und Aktienbooms heraus, der zusammen mit Bilanzfälschungen in eine gigantische Fehllenkung von Kapital bzw. Vermögensvernichtung sowie in eine wirtschaftliche Rezession mündete.
An dritter Stelle ist anzuerkennen, dass die ausschließlich monetären und fiskalischen Konvergenz-Kriterien des Maastricht-Vertrages die europäischen Staaten in eine Beschäftigungsfalle treiben. Die Europäische Zentralbank scheint entschlossen zu sein, jede Inflationsgefahr jenseits des „statistischen Rauschens“ von 2% zu bekämpfen. Aber den Konflikt zwischen Geldwertstabilität und beschäftigungsfreundlichem Wachstum kann sie nicht ausräumen. Eine rigide Geldpolitik riskiert, die Geldvermögenseigentümer zu begünstigen und Unternehmen, die reale Investitionen planen, zu entmutigen. Und während die EZB ihre restriktive Geldpolitik an der durchschnittlichen Inflationsrate der europäischen Länder orientiert und den Leitzinssatz nominal einheitlich festsetzt, weisen Länder mit geringerer Wirtschaftskraft wie Irland und Portugal höhere Wachstums- und Inflationsraten auf, Länder mit höherer Wirtschaftskraft wie Frankreich und Deutschland dagegen niedrigere Inflations- und Wachstumsraten. Die Länder am Rand genießen die goldene Regel des Wachstums, gemäß der die Kapitalmarktzinsen unter den durchschnittlichen Gewinnerwartungen der Unterneh

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men, die von der erwarteten Wachstumsrate des Volkseinkommens abgeleitet werden, bleiben, die Kernländer jedoch nicht. Und dieser Realzinsnachteil der Kernländer im Vergleich zum Realzinsvorteil der peripheren Euro-Länder kann die Stagnation am Rand einer Deflation, der Deutschland ausgesetzt ist, erklären. Beschäftigungspolitische Chancen verspielen auch die EU-Grenzwerte der öffentlichen Haushaltsdefizite und Verschuldung. Obwohl sie im Vertrag von Maastricht nicht verbindlich vorgeschrieben sind und zeitlich beschränkte Ausnahmen zulassen, interpretieren die Politiker sie derzeit extrem eng und verschärfen so die wirtschaftliche Rezession und den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Da die privatkapitalistische Marktwirtschaft nicht in sich stabil ist, kann ein beschäftigungsfreundliches qualitatives Wachstum nur durch eine europäisch abgestimmte Geld-, Finanz- und Tarifpolitik erzielt werden. Und da in der Rezession eine Politik der Zinssenkung relativ wirkungslos bleibt, sind öffentliche Investitionen beispielsweise der ökologischen Umsteuerung im Energie-, Verkehrs- und Agrarsektor als Impuls privater Investitionen fällig.
An vierter Stelle sollte jener säkulare Trend beachtet werden, dem gemäß die reifen Industrieländer an einer Wendemarke wie die Agrargesellschaften beim Übergang zur Industriegesellschaft stehen. Damals waren 80 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es 2- 4%. Damals mussten neun Bauern einen Nichtbauern mit ernähren, heute kann ein Bauer 82 Nichtbauern mit versorgen. Heute ist der Strukturwandel zur Dienstleistungswirtschaft in aller Munde. Aber unter Dienstleistungen werden meist die industrie- oder unternehmensnahen Dienstleistungen verstanden, die in Banken und Versicherungen, bei Bahn und Post erledigt werden. Manche denken auch an einfache, niedrig entlohnte Dienste, die anzubieten derzeit in Deutschland noch als anmaßend und die nachzufragen noch als entwürdigend empfunden wird. Als „personennahe Dienstleistung“ gilt vor allem die Arbeit am Menschen.
Arbeit am Menschen
Die Arbeit am Menschen findet schwerpunktartig im medizinischen, pflegerischen, therapeutischen, pädagogischen und sozialen Sektor statt,als Helfen, Pflegen, Beraten und Begleiten, als kulturelles Schaf
fen. Die Arbeit am Menschen hat folgende Merkmale: Sie wird nicht zu verschiedenen Zeitpunkten geleistet und verbraucht, sondern im selben Augenblick angeboten und nachgefragt, kann also nicht gespeichert werden. Für den Erfolg der Arbeit am Menschen ist die Kooperation zwischen Lehrenden und Lernenden, Ärzten und Patienten, Anwälten und Mandanten nötig. Arbeit am Menschen ist sprachlich vermittelte, verständigungsorientierte Beziehungsarbeit, die auf Gegenseitigkeit beruht. Im Dialog werden Handlungsorientierungen und Lebensentwürfe geändert, Menschen zu guten und richtigen Entscheidungen ermächtigt, psychosoziale, politische und moralische Lernprozesse angestoßen. Die Perspektive des konkreten Anderen, der Respekt vor dessen autonomer Lebenswelt sowie das Einfühlungsvermögen sind für die Arbeit am Menschen charakteristisch. Sie ist alles andere als einfache, niedrig entlohnte Beschäftigung für Langzeitarbeitslose mit geringer Qualifikation. Um sie zu leisten, braucht es eine hohe fachliche und soziale Kompetenz.
Arbeit am Menschen ist bisher noch und zu Recht vorwiegend öffentliche Arbeit. Sie ist weithin den „Vertrauensgütern“ zuzuordnen. Trotz der erwähnten Gegenseitigkeit besteht zwischen denen, die sie anbieten, und denen, die sie in Anspruch nehmen, ein ungleiches Verhältnis der Kompetenz. Da die Nachfragenden die Qualität der Arbeit am Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, nicht ganz und sofort durchschauen können, sind sie darauf angewiesen, denen zu vertrauen, die diese Dienste anbieten. Sie brauchen außerdem eine Verhandlungsposition, die sie der Marktmacht der Anbieter beispielsweise von Gesundheits- und Bildungsgütern nicht ausliefert. So gibt es bereits gute ökonomische Gründe dafür, Gesundheits- und Bildungsgüter öffentlich bereitzustellen. Darüber hinaus entspricht es dem Grundsatz demokratischer Beteiligung, sie als verfassungsfeste Grundrechte anzuerkennen. Was medizinisch notwendig ist sowie eine Grundbildung, die reale Chancengleichheit verbürgt, sollte jeder Bürgerin und jedem Bürger unabhängig von ihrer Kaufkraft zugänglich sein. Deshalb ist der Staat berechtigt, einen angemessenen Teil des Volkseinkommens zu beanspruchen und die Wirtschaftssubjekte nach ihrer Leistungsfähigkeit zu besteuern, um jene Ausgaben zu finanzieren, die für die Bereitstellung der Arbeit am Menschen wie der Bildungs- und Gesundheitsgüter notwendig sind.

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Für die Arbeit am Menschen fehlt weithin noch ein geeigneter Bewertungsmaßstab. Die in der Industrie bewährte Produktivität taugt dazu nicht. Die Leistung eines Physiotherapeuten oder einer Rechtsanwältin kann ja nicht nach deren Arbeitsergebnis pro Zeiteinheit beurteilt werden. Die Wertschöpfung der Arbeit am Menschen ist entscheidend von der Qualifikation derer, die sie anbieten, abhängig. Diese muss erst noch erworben werden. In der Industriewirtschaft nämlich waren Qualifikationen wie das Zählen, Wiegen, Messen gefragt, in der kulturellen Dienstleistungsgesellschaft ist die Kompetenz des Heilens, Beratens und Spielens wichtiger. Eine solche Arbeit am Menschen, die das Arbeitsvermögen als den kostbarsten Schatz reifer Industriegesellschaften entdeckt, wird die Zukunft der Arbeit, und zwar in erster Linie der Erwerbsarbeit, ausmachen.
Veröffentlicht in: "Ende der Solidarität? Die Zukunft des Sozialstaats (Siehe"
   Rezension)

   Friedhelm Hengsbach SJ - Team

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