Das Bild zeigt die Gruppe bei der Rast an der Donau

Zwölf Frauen und Männer mit und ohne Sehkraft radelten vom 31. Mai bis 8. Juni 2000 per Tandem von der Donauquelle bis Passau

 

„Die Nähe des Flusses spüren“

 

Von Kaivan Dahesh

So viele Tandems auf einmal hab' ich hier noch nicht gesehen!", war der erstaunte Kommentar, den die blinden Frauen und Männer aus Frankfurt bei ihrer Radtour von Donaueschingen bis Passau immer wieder hörten. Noch mehr Bewunderung ernteten sie, wenn sie bei Pausen anderen Radlern oder Spaziergängern im Gespräch von den bisherigen Etappen und dem Ziel der Reise erzählten. Von Frankfurt aus waren die zwölf Frauen und Männer mit und ohne Sehkraft mit dem Zug oder einem Auto, das während der Tour als Begleitfahrzeug diente, nach Donaueschingen gefahren, um von der Quelle bis zur letzten Großstadt vor der österreichischen Grenze die reizvolle Landschaft an diesem Fluss auf Drahteseln zu erkunden.

„Riechst Du die Blüten? Ja, der Duft ist intensiv! - herrlich das Wasser- und Blätterrauschen wie im Duett - hier links sind Kirschbäume. Können wir ein paar klauen? - Nein, die sind noch nicht reif." So vermittelten die Pilotinnen und Piloten ihren Beifahrerinnen und Beifahrern Eindrücke von der Umgebung. Der feine Sand unter den Reifen und die frische Brise auf der Haut ließen die Nähe des Flusses förmlich spüren.

 

Die Älteste bläst zur Attacke

 

Obwohl der Gruppe die Zähigkeit ihres mit 78 Jahren ältesten Mitglieds, Maxi Meckel, nicht fremd war, bewunderte sie oft die außergewöhnlichen Leistungen dieser Frau. Die seit ihrem 39. Lebensjahr wegen fortschreitender Sehschwäche berufsunfähige Krankenschwester, die mit ihrem Mann in einer Frankfurter Seniorenwohnanlage lebt, brach nicht einmal für eine Stunde die Fahrt ab.

Ganz im Gegenteil: Freudig beteiligte sie sich mit ihrem Pilotfahrer, dem 29-jährigen Systemadministrator beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach, Heiko Budras, an Attacken, die vornehmlich bei Steigungen auf das Leittandem unternommen wurden. „Den Heiko habe ich als Enkel adoptiert", scherzte die Kopilotin. Neben ihm fungierten als Pilotinnen und Piloten die Sachbearbeiterin Rita Machura, die pensionierte Bahnbeamtin Ingrid Gladen, der Elektroinstallationsmeister Marco Vogel und der Steuerberater Günter Scherer.

Geduldig erklärte Scherer seinem in früher Jugend erblindeten und auch zunehmend hörbehinderten Beifahrer Klaus Rau das Geschehen. Seit der Pensionierung als Telefonist ist Klaus Rau ein fleißiger Mitfahrer bei den Radtouren. Und Lilo Gärtner, die mit 14 Jahren durch grünen Star blind wurde und heute im Vorzimmer des Chefs einer amerikanischen Firma arbeitet, gab bei Pausengesprächen Tipps zur Benutzung von Computerprogrammen mit grafischer Oberfläche durch Blinde. Den beruflichen Stress wirft die hochgewachsene sportliche Frau beim Radeln, Ski Fahren, bei langen Wanderungen und regelmäßigem Schwimmen ab.

 

20 Jahre Club „Weiße Speiche“

 

Kennengelernt haben sich die Tandempaare im Frankfurter Tandemclub „Weiße Speiche", der vor zwanzig Jahren als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland gegründet wurde und inzwischen in vielen Städten Nachahmer gefunden hat. Hier unternehmen sehende und nichtsehende Radsportfreundinnen und -freunde während der warmen Jahreszeiten einmal im Monat sonntags Tandemfahrten in und um die Mainmetropole.

Für die Abenteuer der Donaufahrt sorgten gleich am ersten Tag die übrig gebliebenen Hochwasserstellen. Dreimal hieß es „Schuhe und Strümpfe ausziehen, Hosenbeine hochkrempeln und durchs Wasser waten"! Die Räder trugen die Sehenden auf ihren Schultern ins Trockene. Einmal zwang das bis zum Hals reichende Wasser die Pedaleure zu Fuß auf den Bahndamm, von dem die Blinden kichernd auf allen vieren wieder herunter kletterten. „Wir geben hier ein Bild für die Götter ab", stellte Pilot Heiko Budras fest, der sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten und das Tandem nur zentimeterweise den Hang herunter rollen konnte. Auch sonst gehörten Lachen, Kichern und Scherzen zur Tagesordnung der fröhlichen Radlerinnen und Radler. Das hinderte sie aber nicht daran, die zum Gelingen solcher Gruppenunternehmungen notwendige Disziplin einzuhalten.

„Achtung, Auto von Links! Gegenverkehr! Kreuzung, großes Gefälle und gleich dahinter eine scharfe Kurve!" Die Hinweise des „Leithammels" Marco Vogel gaben die folgenden Paare sofort nach hinten weiter.

Die Sehenswürdigkeiten unterwegs wie das Ulmer Münster, den Regensburger Dom und die schönen Schlösser brachten die Kucklinge mit Worten anschaulich ihren nichtsehenden Kolleginnen und Kollegen bei.
Foto von der Karstquelle Blautopf bei Blaubeuren
Und - trotz Hitze und der müden Beine - scheute die Gruppe bei Regensburg nicht die 420 Stufen hinauf zur Walhalla, um sich die Büsten bekannter deutscher Persönlichkeiten anzusehen oder beschreiben zu lassen.
Bild ein Fahrradweg mit der Wallhalla im
 Hintergrund auf einem bewaldeten Huegel Bild Blick von der Wallhalla ins Donautal
Bei dem vielstimmigen Vogelgesang in den Donauauen versuchten sie alle - animiert von dem Ohrenschmaus -, die Vögel über das Ohr oder Auge zu identifizieren.

Für ihre vielen Mühen, die richtigen Routen auszuwählen, auf der beliebten Strecke schon Monate vorher die gewünschten Zimmer ausfindig zu machen und andere Vorarbeiten fühlten sich die Organisatoren Marco Vogel, Heiko Budras und Günter Scherer - wie sie bescheiden sagten - mit den fröhlichen Erlebnissen reichlich belohnt. Bemerkenswert auch Ingo SchLier, dessen Frau Gudrun auf einem Einzelrad mit strampelte. In Zeiten, da das Wort „Dienst am Nächsten" mehr und mehr aus dem Vokabular der Menschen verschwindet, hatte sich der Postbeschäftigte - ohne Aussicht auf Radelfreuden - Urlaub genommen und steuerte das Begleitfahrzeug, kutschierte das Gebäck ins nächste Quartier, kaufte ein und suchte die Lokale für das Mittag- und Abendessen, Eis- und Kaffeepausen aus.

Foto Ortsschild von Blindheim Keyvan,Maxi und Franz der mit Blindenstock auf das Ortsschild zeigt

 

Neun Etappen a 70 Kilometer

 

In neun Etappen von durchschnittlich 70 Kilometern pro Tag erreichte die Gruppe wohl behalten Passau und dann mit dem Zug wieder Frankfurt. Während der Reise von allen schmerzlich vermißt wurde der 44-jährige taubblinde Radsportfreund Helge Maistryszin, der aus beruflichen Gründen nicht an der Donaufahrt teilnehmen konnte. Denn der gehörlos geborene und mit 25 Jahren erblindete staatlich geprüfte Masseur, der in einem Frankfurter Krankenhaus zum Spezialist für Lymphdrainage avanciert ist, lockert gewöhnlich bei Pausen mit geübten Griffen bei seinem Vordermann oder seiner Vorderfrau die verspannten Lenden- und Schulter-Nackenmuskulatur.

 


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