Jeden Tag die Welt ein bisschen besser machen: Die wir.ag hilft
Von Bernadette Winter, dpa
   Karlsruhe (dpa/lsw) - «Die gute Stimmung bleibt und die wir.ag verlässt um 19 Uhr das Büro», lautet die Regel des Tages. Die wir.ag, das sind Nelly Brunkow und Evamaria Judkins. Die beiden Kommunikationsdesign-Studentinnen an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) haben es sich für ihr Diplom-Projekt zur Aufgabe gemacht, an 40 Werktagen täglich für je einen «Weltverbesserer» gratis etwas zu gestalten.

   Das Spektrum der Weltverbesserungsvorschläge reicht von Meditationsmöbeln für den öffentlichen Raum über die Forderung nach mehr Macht für Designer bis zu gemeinnützigen Projekten wie «Wohnen im Alter». Die Weltverbesserer kommen aus ganz Deutschland. «Wir wollten kein langweiliges Projekt anfangen und am Ende ein Buch daraus machen, sondern ohne Kompromisse Leuten helfen, die anderen Leuten helfen», erklärt Judkins. Daher stehe das «wir» im Namen für die Gemeinschaft. «ag» bedeute «alternative Grafik».

   Morgens interviewen Judkins und Brunkow einen Weltverbesserer, entweder persönlich oder per Telefon. Anschließend folgt das Brainstorming. «Das ist das Schönste und zugleich das Schwierigste an der Sache, weil man sich genau über die Botschaft und ihre Umsetzung klar werden muss», meint Judkins.

   Ob Flyer, Broschüre oder Bastelbogen, die Ideen der wir.ag müssen auf das festgelegte Format von 70 mal 100 Zentimetern passen und dürfen nur schwarz-weiß gestaltet sein. Am Nachmittag gehen die Daten per Mail an die Druckerei, die Weltverbesserer aus der näheren Umgebung können ihre 500 Exemplare dann an einem Sammeltermin in der HfG abholen. «Die müssen sie dann aber auch benutzen, das ist sozusagen unsere Auflage, weil wir ja auch ein Feedback unserer Arbeit haben wollen», erläutert die 28-Jährige.

   Im Hochschul-Büro der wir.ag stapeln sich die Ergebnisse der letzten Tage. Gerade ist ein kleiner Flyer für die Kabarettistin und Sängerin Jane Zahn aus Mannheim fertig geworden. Sie ist Weltverbesserin Nummer 14 und will mit den Flyern künftig die Menschen auffordern, zu kämpfen statt zu jammern. Passend zu dem Motto «Machen statt Quatschen» ließen Judkins und Brunkow Fotos von sich beim Zahnarzt aufnehmen und entwarfen die entsprechenden Texte.
«Wir sehen das alles mit einem Augenzwinkern und nehmen auch uns nicht so bierernst», sagt Brunkow. Allein das Wort «Weltverbesserer» spalte die Menschen und fordere sie heraus.

   Eine Herausforderung ist das Projekt auch für die wir.ag.
Akribisch genau dokumentieren die Studentinnen auf ihrer Internetseite den Schaffensprozess, lassen per Fragebogen ihre Arbeiten bewerten und drehen nebenher auch noch einen Film. Dieser soll dann als Abschluss gemeinsam mit den Arbeiten gezeigt werden.

   Gerade konnten sie die «Aktion Mensch» als Sponsor für ihre Druckkosten gewinnen. «Wir erhalten hier auch so eine Art Gesellschaftsskizze, alle Anliegen drehen sich um eine Sehnsucht nach Qualität, Bewusstheit, Ganzheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Freiheit», sagt Brunkow. Trotz aller Ideale sei so ein Grafikdesign- Marathon natürlich auch anstrengend. «In der letzten Zeit hatte ich schon das Gefühl, wir sind nur noch wir.ag», lächelt die 27-Jährige.
Getreu der Regel des Tages kann sie an diesem Abend jedoch pünktlich nach Hause gehen - mit dem guten Gefühl, auch heute wieder die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben.

(Internet: www.wir.ag)

dpa bw yyswb sk
050340 Sep 06


Erstellt: 10.09.2006 12:31   Aktualisiert: 10.09.2006 12:31
Autor: Keyvan Dahesch