"Leipzig Hin- und Zurück, Hin- und Zurück

Oft sind wir uns noch nicht begegnet, bekannt genug jedoch, um ein Abenteuer zu wagen. Keyvan Dahesch bittet mich um Begleitung. Er ist blind.
- Woher nimmt er dieses unglaubliche Vertrauen, das er mir entgegenbringt? - Ich staune und trage bereitwillig Verantwortung.

Die Landschaft fliegt an uns vorbei. Wir sitzen im ICE. Meine erste Fahrt in der ersten Klasse. Die Atmosphäre ist ungewohnt. Es scheinen vorwiegend verschwiegene und nach Ruhe suchende Geschäftsleute mitzureisen. Wir hingegen sitzen in unserem Abteil und unterhalten uns ausgesprochen angeregt.
Frankfurt am Main - Fulda - Eisenach - Erfurt - Weimar -Gera - Leipzig.
Leipzig ist unser Ziel. Eine mir unbekannte Stadt. Für mich nicht ungewöhnlich, da ich familienbedingt nicht oft verreise, aber ungewöhnlich, so fand ich, für Keyvan Dahesch. Er ist prominent und ausgesprochen aktiv. Und er reist heute zum ersten Mal in diese Stadt, erfahre ich gerade so nebenbei und war irritiert. Es war anders als ich dachte, aber ich hatte mich vorbereitet und einen dünnen Städteführer angeschafft, der vorgab, Leipzig an einem Tag erkunden zu können. Ich war froh ihn zu besitzen. Es gab mir ein klein wenig Sicherheit, da nun zwei Fremde in einer fremden Stadt ihre Wege finden mussten.

Eine sympathische Frauenstimme, machte uns darauf aufmerksam, dass wir sogleich im Hauptbahnhof Leipzig ankommen würden. Der Zug bremste, hielt an. Wir stiegen aus und liefen den Bahnsteig entlang in die neu gestaltete Bahnhofshalle. Der Duft von gebrannten Mandeln stieg mir in die Nase. Die kleinen Verkaufsstände begrenzten den Zugang zu den Bahnsteigen. Ich versuchte mich in der großen Halle zu orientieren, erblickte die Fahrpläne des Nahverkehrs und informierte mich über die Verbindungen. Keyvan Dahesch erklärte mir, dass er zu allererst beabsichtige, die Bibliothek für Blinde aufzusuchen, um etwas für seine Frau abzuholen. Ich war einverstanden, unter der Voraussetzung, dass das „Etwas“ tragbar, transportfähig und zur Mitnahme in den öffentlichen Verkehrsmitteln geeignet, sei. Er lachte und beschwichtigte meine Vorstellungen. Wir erreichten nach verschiedenen Anläufen letztendlich dieses erste Ziel. Des Weiteren wirkte ich an diesem Tag als Reise-Führer mit Hilfe des Reiseführers. Mit seiner Hilfe eroberten wir die Altstadt von Leipzig, durchschritten die zeitgeschichtlich bedeutsame Nikolaikirche, liefen durch das Passagennetz des Specks Hofs, aßen wie Goethe in Auerbachs Keller, nahmen einen delikaten Nachtisch im Riquethaus und suchten zu später Stunde das Hotel zu erreichen. Wir kamen an. Ich fühlte mich erschöpft durch die Vielzahl der neuen Eindrücke. Er hingegen wirkte energiegetankt wie ein Jungbrunnen. Ich meldete jedoch mein Bedürfnis zum Rückzug an. Gemeinsam schritten wir sein Hotelzimmer und das Badezimmer ab, um ihm eine eigenständige Orientierung darin zu ermöglichen. Wir verabschiedeten uns und er fragte noch: “Ist das Zimmerlicht aus?“


Das Bild zeigt Zeitgeschichtliches am Abend
Keyvan Dahesch hält dem schwungvollen Schritt der 2,50 Meter hohen Bronzeplastik mit dem Titel "Jahrhundertschritt" von Wolfgang Mattheuers stand. (Foto Jutta Bossecker aufgenommen vor dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig am 23.10.2007)

Am Morgen klingelte mein Wecker und ich wurde unverzüglich hellwach. Das war außergewöhnlich, aber dieser Tag versprach außergewöhnlich zu werden.
Wir wollten frühstücken. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass mir alles im Halse stecken blieb. Er hingegen schien das Frühstück in vollen Zügen zu genießen. So gestärkt, gingen wir unserem eigentlichen Ziel der Reise entgegen. Einer Tagung „Euthanasieverbrechen im Dritten Reich Verantwortung und Rezeption in Deutschland“. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte dazu eingeladen. Wir kamen pünktlich an dem futuristisch anmutenden Zeitgeschichtlichen Forum an, in der die Tagung stattfinden sollte. Wir nutzten den Fahrstuhl. In der Kabine erschallten Stimmen, obwohl niemand sprach. Sie waren mir merkwürdig bekannt und bedeutsam. - War es Kanzler Adenauer, der da sprach? - Keyvan Dahesch fegte meine gedanklichen Fragen sogleich mit prompten Zuordnungen über Bord. Wir betraten den dritten Stock, reihten uns in die Schlange der Anmeldungswilligen ein, um unsere Anwesenheit zu Papier zu bringen. Herr Seyde, Psychiatriekoordinator von Leipzig, begrüßte uns mit einer natürlichen menschlichen Herzlichkeit. Es tat gut. Meine Anspannung verflog. Wir suchten uns Plätze und verfolgten den ersten Teil der Tagung. Frau Berit Lahm moderierte mit besonderem Charme und kündigte einen Referenten nach dem anderen freundlich an. Allesamt Fachleute, Wissenschaftler und Mediziner. Für meine Begriffe, eine professionelle hochkarätige Tagung. Eine Tagung mit äußerst sensiblem Thema, das vermutlich keine große Lobby hat. Die unzureichende Präsenz der Medien bestätigte dies. Überrascht war ich darüber, dass im Auditorium zahlreiche Jugendliche saßen und sich sehr interessiert zeigten. Im Laufe der Tagung stellte sich heraus, dass sie es waren, die mit ihrem Lehrer, das Thema und die spezielle Betroffenheit in Leipzig herausgearbeitet hatten und aufgrund dessen diese Tagung ihren Anstoß fand. Welch einzigartiges erlebbares Lernen für diese Jugendlichen.
Ich selber merkte, dass mich die Auseinandersetzung mit diesem schrecklichen, bestialischen Vorgehen mit behinderten Kindern, die Zwangssterilisationen, die gesundheitlichen Folgen bis hin zu gezielten Tötungen sehr nahe ging. - Mein Kind! - Was wäre, wenn wir in dieser Zeit gelebt hätten? - Mir ging ein Schauer durch Mark und Knochen. Sie hätten mir meine behinderte Tochter weggenommen, weggerissen, womöglich getötet? Ich erzittere innerlich. Es ist unfassbar. Und ich höre wie Prof. Dr. Dr. Werner Catel federführend in Leipzig tätig war, und höre, dass er noch bis 1960 in Kiel an der Universität lehrte und Kinder behandelte, noch lange nach Ende des zweiten Weltkriegs. Mir wurde fast schwindelig bei diesen Gedanken.
-Pause-
Die Friedrich-Ebert-Stiftung lud zum Essen in den „Thüringer Hof“ ein. Wir schlossen uns Tagungsteilnehmern an, um den Weg zu finden. In angenehm historischem Ambiente speisten wir und beschlossen sogleich wieder aufzubrechen. Keyvan Dahesch sollte als nächstfolgender Referent dieser Tagung auftreten.
Wir verabschiedeten uns und gingen zielsicher los. Ich zweifelte keinen Moment, den richtigen Weg auch wieder zurückzufinden. Plötzlich befanden wir uns in einer Straße, die wir vorher nicht beschritten hatten. - Orientierungssicherheit verfehlt? - Nun spulte mein Körper das komplette Register möglicher Stresssymptome ab.
- Mein Stadtführer! Ich hatte ihn bei mir! Mein Retter! - Ich zwang mich, das Zittern meiner Hände zu unterdrücken, schlug meinen Stadtplaner auf und konnte den Irrtum sogleich erkennen. Wir gingen ein Stück zurück, bogen nun in die richtige Straße ein und fanden den Weg. Erstaunlich ruhig hingegen blieb Keyvan Dahesch. Ich konnte es nicht fassen. Und genauso souverän bestieg er das Podium. Vorher jedoch fragte er dezent: „Sehe ich ordentlich aus? Ist mein Anzug einwandfrei sauber?“. Er referierte über „Bürgerrechte statt Almosen“ und beleuchtete die rechtlichen Rahmenbedingungen staatlich begleiteter Integration. Eine schier unendliche Aufzählung von Fakten und Daten sprudelten aus ihm heraus. Danach folgte eine Podiumsdiskussion, die er leitete. Er provozierte mit der Aufforderung einer kurzen Stellungnahme aller Podiumsteilnehmer zu der Überschrift eines 1997 im Gespräch mit Wolfgang Schäuble erschienenen Artikels in der Zeitschrift „STERN“: „Ein Krüppel als Kanzler? Ja, die Frage muss man stellen.“ und führte die Diskussion damit in die aktuelle Debatte Behinderter, ihrer Rechte und Forderungen.
Am Ende waren sich alle einig, diese Tagung war ein wichtiger Meilenstein zur Aufarbeitung und Bewältigung dieser Thematik, speziell der Euthanasie von Kindern, die ihren Anfang wohl in Leipzig mit dem Kind namens K. nahm. Es wurde aber auch deutlich, dass die Diskussion fortgesetzt werden müsse.

Es sollte etwas folgen:

Im März 2008 erhielt ich einen Anruf von Keyvan Dahesch. Er bat mich um Begleitung, Frankfurt - Leipzig und zurück. Aus den Referaten dieser Tagung vom 24. Oktober 2007 und der Wanderausstellung der Schulklasse wurde ein Buch zusammengestellt. Einige der Referenten trafen am 13. März 2008 im Psychiatriemuseum in Leipzig zusammen, um das Buch:

505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig,
Verantwortung und Rezeption

(Plöttner Verlag)

im Rahmen der Buchmesse gemeinsam vorzustellen.


Das Bild zeigt das Podium von links nach rechts Berit Lahm, Moderatorin, Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig, Keyvan Dahesch, Eberhard Ulm, Pädagoge, Sascha Topp, Wissenschaftler an der Uni Gießen.
(Foto Jutta Bossecker, aufgenommen am 13.3.2008)

Ich freue mich, dass die Erarbeitung dieser Problematik in Form eines Fachbuches dokumentiert wurde und somit wichtige Informationen weiteren Interessenten zugänglich werden.


Das Bild zeigt von links nach rechts Maja Seyde, Jutta Bossecker, Thomas Seyde und Keyvan Dahesch. Sie prosten sich in einem Gasthaus freudig zu.

Auf dem Tisch lagen vier druckfrische Exemplare des schon erwähnten Buches "505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig. Dass wir uns bei einem Glas Bier freuten, hatte nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun. Unsere Freude galt dem in Form und Inhalt gelungenen, wertvollen Werk.

Es hat mich persönlich bereichert, diesen beeindruckenden Prozess mitzuerleben und bin dankbar, dass ich Keyvan Dahesch in ganz anderer Weise kennenlernen durfte, einem Menschen, der nicht nur eine beachtliche Biografie vorweisen kann, sondern sich mit Leib und Seele sozial engagiert.

Dass er blind ist, ist mir oft nicht aufgefallen.

Jutta Bossecker
u. a. Tandem-Pilotin des Vereins „Weiße Speiche“, Frankfurt am Main
Mutter von drei Kindern

Zum heutigen Geburtstag
von Keyvan Dahesch,
JB 26.12. 2008


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