Diaspora Deutschland - St. Pauli einziger Proficlub mit Blindenteam
Von Georg Ismar, dpa
Berlin/Hamburg (dpa) Kiezkicker, der Punker neben der
Puffmutti im Stadion und verkaufsträchtige Slogans wie
«Superpokalsiegerbesieger»: Fußball-Zweitligist FC St. Pauli
kultiviert sein Image als der etwas andere Verein - und hat auch als
bisher einziger deutscher Proficlub ein eigenes Blindenteam. Nur elf
solcher Mannschaften gibt es bisher, fast alle spielen in der acht
Mannschaften umfassenden Bundesliga. Dort belegten die Braun-weißen
in der ersten Saison den letzten Platz - weil man im Gegensatz zu den
anderen Mannschaften keinen «Sehenden» ins Tor stellte und
dementsprechend viele Tore kassierte.

   «Voy, Voy», schallt es durch die Sporthalle am Millerntor-Stadion.
Das spanische Wort - zu deutsch: «Ich komme» - muss gerufen werden,
wenn sich ein Spieler dem Ballführenden nähert. Wird das nicht getan,
droht eine Verwarnung. Im Ball sind innen Schellen, damit die Kicker
wissen, wo sich das Spielgerät gerade befindet. Scheppernd rollt es
über den Hallenboden. An den Banden und hinter den Toren stehen
«Guides», die den Blinden und Sehbehinderten Signale geben. Zuschauer
sollen sich deshalb mit Anfeuerungsrufen zurückhalten - Tore dürfen
aber selbstredend frenetisch bejubelt werden.

   Am Ende des ersten Blinden-Masters belegen die Gastgeber vom FC
St. Pauli am vergangenen Wochenende den vierten Platz, Sieger wird
der deutsche Vizemeister MTV Stuttgart, der dem Meister SSG Blista
Marburg im Finale mit 5:1 keine Chance lässt. «Wir haben gesagt, wir
wagen das Risiko», sagt der Leiter der St. Pauli-Fußballabteilung,
Dieter Rittmeyer zur Gründung der Blindenabteilung. «Ein Blindenteam
passt einfach zu uns», fügt der Amateur-Vorstands-Vorsitzende Bodo
Bodeit hinzu. Seit 2004 bietet St. Pauli auch einen Audiokommentar im
Stadion für blinde Fans an.

   Weil es bisher keine hohe Mannschafts-Dichte gibt, wird auch die
Bundesliga mit Turnier-Wochenenden gespielt, an denen in der Regel
vier Teams teilnehmen. Neben Vollblinden (B1) spielen in den Teams
auch stark Sehbehinderte (B2) und Sehbehinderte mit einer Sehkraft
von bis zu sechs Prozent (B3). Damit Chancengleichheit herrscht,
haben die vier Feldspieler (Männer und Frauen) schwarze Klappen auf.
«Ich nehme noch etwas Licht wahr, das würde mir ungerechte Vorteile
verschaffen», sagt Pauli-Abwehrspielerin Alexandra Tohde. Um die
Köpfe sind Schaumstoffrollen gebunden, damit es bei Zusammenstößen
glimpflich abgeht - aber Platzwunden oder ausgeschlagene Zähne hat es
auch schon gegeben. Nur der Torwart ist in der Regel «sehend», da er
die Spieler dirigiert.

   Die Spanier, Engländer, Argentinier und Brasilianer sind im
Blindenfußball um Jahre voraus, doch in der Diaspora Deutschland tut
sich seit dem Liga-Start etwas, Fernziel ist die Qualifikation für
die Paralympics 2012 in London. «Die Entwicklung in dieser
Geschwindigkeit ist einzigartig in Europa», sagt Ralf Kuckuck vom
Deutschen Behinderten-Sportverband. Das Medium Fußball sei ein
vorbildlicher Beitrag zur Integration. Bisher gibt es rund 150 aktive
Blinden-Fußballer.

   Weite Reisen und die zahlreichen Betreuer führen dazu, dass bisher
eine Bundesligasaison pro Club nach Angaben von Kuckuck mit bis zu
100 000 Euro zu Buche schlägt. Alexander Fangmann ist so etwas wie
der Michael Ballack der deutschen Blinden-Fußballer. «Es gibt derzeit
einen großen Schub», sagt der Kapitän der Nationalelf.


Created: 2008/22/10 19:34  

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