Südkurier Nr. 191 vom Donnrstag, 19. August 2005, Lokales Radolfzell, Seite 17

"Blindheit ist keine Krankheit"

Als blinder Kurgast gilt Keyvan Dahesch seinen Mit-Kurern als positives Beispiel

Radolfzell


Bild: Keyvan Dahesch beim Walking auf der Mettnau vor zwei Tagen. Ein Zivi führt ihn hierbei "an der Leine". Foto: antje Kirsch

Der Gedanke drängt sich nicht unbedingt auf, dass sich in der Mettnau-Kur mit ihrem Motto "Heilung durch Bewegung" auch ein blinder Mensch wohlfühlen und

 seine Gesundheit verbessern kann. Keyvan Dahesch jedoch ist das beste Beispiel dafür, wie gut das geht. Der freie Journalist aus Frankfurt

 kurt hier in Radolfzell bereits zum zwölften Mal und ist mit seinem Handikap für seine Mit-Kurer sogar ein positives Vorbild. Denn

 Blind-Sein ist keine Krankheit, sagt Keyvan Dahesch und wie das zu verstehen ist, beschreibt er für den SÜDKURIER im folgenden Beitrag:

Soll ich oder soll ich nicht?" "Sie sollen nicht. Damit helfen Sie unseren Patienten, schneller gesund zu werden", riet mir der Arzt. Also

 ließ ich die Patienten in der Herz-Kreislauf-Klinik auf der Halbinsel Mettnau in Radolfzell am Bodensee in dem Glauben, dass die Blindheit

 eine schwere Krankheit sei. Und wenn einer trotzdem immer lacht, Witze erzählt und überall mitmacht, dann wären die anderen Patienten im

 Vergleich zu ihm mit ihren Herzbeschwerden beinahe gesund.

Blindheit ist aber keine Krankheit, sondern das Fehlen eines der wichtigsten Sinne. Dieses Handikap können die Betroffenen auch mit den in

 den vergangenen Jahren entwickelten elektronischen Hilfsmitteln nur zu einem sehr geringen Teil ausgleichen. Und doch ist das

 Nicht-Sehen-Können keine Krankheit. Blinde Menschen können krank werden und müssen damit genauso fertig werden wie die Sehenden auch. Aber

 das sollte ich meinen Mitmenschen in der Klinik nicht erklären, damit sie sich an mir aufbauten, empfahlen mir alle Ärzte.

Sie wiederum fragten mich, immer wieder erstaunt, wie ich mich ohne Begleitung in dem verwinkelten Haus mit unterschiedlichen Treppen

 zurechtfände. "Ich habe bei einem Mobilitätstraining gelernt, die anderen Sinne gezielt einzusetzen, mit einem bis zur Brust reichenden

 dünnen weißen Stock in der Hand sicher zu gehen, mich zu orientieren und mir markante Punkte einzuprägen. Die Methode ist Anfang der

 70er-Jahre aus den USA übernommen worden."

Auf die Mettnau kommen aber nicht nur Menschen nach einem Herzinfarkt, einer Bypass- oder Herzklappenoperation zur Anschlussheilbehandlung,

 sondern auch Sportlerinnen und Sportler, Politikerinnen und Politiker, Wirtschaftsmanager, Journalistinnen und Journalisten, Flugkapitäne

 und Bundeswehrangehörige, die sich mit der dort angebotenen Sporttherapie fit halten möchten. Auch viele von ihnen, die mich bei Gymnastik

 und Sport erlebten, zeigten sich verwundert über die Fähigkeiten ihres blinden Kurgenossen. Und dies, obwohl Zeitungen, Rundfunk und

 Fernsehen regelmäßig über Nichtsehende Marathonläufer am Seil eines Begleiters, Beifahrers auf dem Tandem, Mitruderer oder Mitsegler

 berichten. So zog ich, wenn Walking oder Jogging angesagt waren, meine Schnur aus der Tasche und frage, wer es mit mir versuchen wolle. Das

 nächste mal kamen einige sofort zu mir und wollten "mich an der Leine führen". 

"Unsere verbale Erklärungsfähigkeit können wir am besten testen, wenn blinde Menschen in der Gruppengymnastik mitmachen", sagten die

 Sporttherapeutinnen und Sporttherapeuten. Wenn mich Leute aus meiner Gruppe für die exakte Ausführung der kompliziertesten Übungen lobten,

 führte ich dies auf die präzisen Erklärungen unserer Übungsleiterinnen und Übungsleiter zurück. "Mit genauen Erklärungen können die

 "Kucklinge" uns fast alles Geschehen um uns herum nahebringen", sagte ich beim Walking am Bodensee meiner Mitläuferin am anderen

 Schnurende. "Mit begriffen wie "hier", "da" und "dort" können wir nichts anfangen. Dagegen sind klare Hinweise wie "geradeaus", "links",

 "rechts", "Stufe auf- oder abwärts" sehr hilfreich!" "Gut, dann will ich dir die reizvolle Landschaft, durch die wir laufen, beschreiben",

 sagte sie und schilderte die Pappeln, Trauerweiden, Sträucher, das Schilf und andere Sehenswürdigkeiten auf unserer Strecke.

Zum Abschied versprach sie mir, als didaktische Leiterin einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, den gelernten Umgang mit mir mit ihren

 Schülerinnen und Schülern zu erörtern. Das wollten auch andere Lehrerinnen und Lehrer tun, die mit mir in der Sauna geschwitzt hatten oder

 mit denen ich beim Sport, Wandern und dem abendlichen Viertele in Berührung gekommen war. 

Obwohl sich einige der Sporttherapeutinnen und Sporttherapeuten große Mühe gaben, mir geduldig die vielfältigen Bewegungsformen

 einschließlich der fernöstlichen Sportarten Thai Chi und Chi Gong mit Worten zu erklären und die Bewegungen an sich selbst oder an mir

 zeigten, konnte ich manches Angebot nicht nutzen. Dazu gehörten alle Ballspiele, Aerobic, Rock and Roll, Step, Folklore-Tänze und

 Jazz-Gymnastik. Da machte mir die fehlende Sehkraft einfach einen dicken Strich durch die Rechnung. Als Ersatz durfte ich mit den

 Herzpatienten jeden Tag eine halbe Stunde auf dem Fahrrad-Ergometer meine Kondition stärken. Gerne hätte ich - wie die meisten Gäste - die

 Umgebung bis Konstanz und Meersburg mit dem Fahrrad erkundet. Es ist dort beinahe das öffentliche Nahverkehrsmittel. Doch hatten zum

 Bedauern vieler, die als Pilotin oder Pilot mit mir Tandem gefahren wären, die Fahrradverleiher keine Doppelräder. 

Da die vier Kliniken auf der Landzunge am Bodensee bis zu einem Kilometer voneinander entfernt sind und das Programm auf sie alle verteilt

 ist, müssen sich die Gäste, getreu dem Motto der Mettnau-Kuren "Heilung durch Bewegung", auf die Socken machen oder auf Drahtesel

 schwingen, um eines der Angebote in der anderen Klinik in Anspruch zu nehmen. Wer mich vor dem Frühstück mit dem weißen Langstock auf dem

 Weg zur Frühgymnastik in der Kurparkklinik einholte, bot mir seinen Arm an, "weil es so schneller geht". Die Bedeutung des weißen Stockes

 schien den Menschen auf der Halbinsel bekannt zu sein. Denn wo sie mich damit antrafen, fragten Sie, ob ich Hilfe brauche. Dankbar nahm ich

 an, auch dann, wenn ich sie nicht unbedingt brauchte, um die Hilfsbereiten zu ermutigen.

Ob die Informationen, mit denen ich die Wissbegierde der Mettnaugäste über die Möglichkeiten und Probleme blinder oder sehbehinderter

 Menschen in der Arbeitswelt befriedigt habe, bei Unternehmern und Firmenchefs unter meinen Gesprächspartnern die Bereitschaft zur

 Einstellung dieser Behinderten fördern konnte, weiß ich nicht. Das Interesse an der Gesamtsituation zeigte mir aber, dass eine sachliche

 Aufklärung zum Wohl der Betroffenen Mißverständnisse und Vorurteile aus dem Weg räumt.

Keyvan Dahesch 

Keyvan Dahesch hat eine eigene Homepage:  www.a-k-dahesch.de

 

                                              

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