Berliner BIENE

 

Das Nadelöhr ist winzig, winziger als sonst? Meine Sehkraft ist überfordert. Eine Lesebrille muss her. Nutzlos! Eine Lupe muss her. Es hilft nicht! Das verdammte Fädchen will einfach nicht hindurch. Warum? Es sind meine Nerven, die mir einen Streich spielen, meine Anspannung. Glücklicherweise bin ich gut im Organisieren. Das ist mein Job. Wenn Frau eine Familie managen muss, eine fünfköpfige mit ganz speziellen Herausforderungen, ist das eine unerlässliche Kompetenz, es ist lebenswichtig, überlebenswichtig.

Ich hatte mir ein Zeitpolster eingeplant, Zeit ohne Füllstoff. Bin ich froh, dass ich jetzt darauf zurückgreifen kann und Zeit habe, dieses Fädchen einzufädeln, um den Saum meiner Anzughose noch schnell mit ein paar Stichen anzuheften und den gerade eben erkannten Makel zu beheben. Es ist gelungen. Nun die Hose noch schnell in den Trolley packen, Klappe zu. Fertig!

Jetzt kann das Abenteuer beginnen, eine Reise zu BIENE.

 

Am Hauptbahnhof Frankfurt kaufen wir schnell noch die »Frankfurter Rundschau«, laufen zum Bahnsteig und steigen in den ICE. Berlin ist unser Ziel. Die Landschaft fliegt an uns vorbei. Draußen ist es winterlich kalt. Wir sitzen im Warmen und bequem. »Ich schenke dir die Frankfurter Rundschau«, verkündet mir Keyvan Dahesch, den ich heute begleite. »Sie enthält meinen Artikel«.

Das Reisen ohne Begleitung fällt ihm schwer. Bekannte Wege bewältigt er, aber unbekannte sind mit kaum einschätzbarem Risiko verbunden. Jede Stufe, jede Unwegsamkeit könnte zur Gefahr für ihn werden. Er ist blind. Er hat trotzdem vieles in seinem Leben erreicht. Er engagiert sich auch, nachdem er aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, für soziale Belange. Heute ist er wieder als Journalist unterwegs, um sich für die Schwächsten in unserer Gesellschaft einzusetzen, um Menschen zu unterstützen, die oft ungehört bleiben. Ihnen möchte er ein Sprachrohr bieten und setzt sich für sie ein.

»Mein Artikel trägt die Überschrift: »Leicht ins Netz«, kannst du ihn suchen und mir vorlesen Ich finde ihn und lese. Ich lese, dass es wichtig ist,

Layout und Inhalt einer Webseite zu trennen, Überschriften groß darzustellen, um sie deutlich vom Inhalt zu unterscheiden, alle Elemente einer Internetseite über Tastaturkommandos erreichbar zu machen, Gebärdensprache einzubeziehen und für gelähmte oder amputierte Menschen die Seiten mit Kopf- oder Fußmaus bedienbar zu machen und für Blinde die Bilder und Grafiken mit Text zu beschreiben.

 

Diese Informationen, so denke ich, sind wertvolle Hilfen zur Gestaltung von Webseiten, die Menschen mit Behinderungen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im Internet und den damit verbundenen universellen Möglichkeiten bietet. Wenn man bedenkt, dass diese Gruppe Betroffener ungefähr 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, müsste auch die Wirtschaft daran interessiert sein, diese Kunden mit ins Boot zu holen.

 

Sie denken jetzt bestimmt, was hat das nun mit »BIENE« zu tun? Was soll der Ausdruck überhaupt, eine Reise zu BIENE? Ich erkläre es Ihnen. In Berlin besuchten wir am Abend des 30. Januar 2009 die Veranstaltung »BIENE AWARD«, die von »Aktion Mensch« und der Stiftung »Digitale Chancen« initiiert wurde. Die Preisträger der Webseiten, die ihre Seiten für behinderte Menschen gut zugänglich und inhaltlich bedeutsam gestaltet hatten, erhielten an diesem Abend im Jüdischen Museum feierlich eine »BIENE« überreicht.

 

Eine »BIENE« in Gold erhielten:

 www.ble.de,

 www.sport-in-bochum.de

 www.darmkrebs.at.

 

 

Eine ?BIENE? in Silber erhielten:

·        eine mehrsprachige Lernplattform für Menschen mit Lernschwierigkeiten

      www.on-line-on.eu,

·        die deutsche Webseite zum Welt-Aids-Tag

 www.welt-aids-tag.de,

·        die Projektseite des zukünftigen Hauptbahnhofs Wien

www.hauptbahnhof-wien.at,

·        die Stadt Linz

 www.linz.at,

·        der Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlin

 www.voebb.de.

 

»BIENE« steht für barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten.

 

Neue Einsichten erhalten nicht nur die Menschen mit Behinderungen, die von den Webseiten profitieren, die entsprechend dieser Kriterien gestaltet werden, nein auch die Menschen, die sich der Probleme behinderter Menschen annehmen und sie wahrnehmen. Dazu wünsche ich dieser Veranstaltung weiterhin Erfolg und viele Menschen, die es anderen Menschen erzählen.

Ich erzähle es gerade auch weiter.

 

Jutta Bossecker

17.02.2009

 

 


Das Foto zeigt Keyvan Dahesch und Jutta Bossecker an der Potsdamer Straße in Berlin. (fotografiert von einer Passantin am 31.01.2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Informationen über «BIENE» finden sich auf der Webseite www.biene-award.de.

 

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