Behinderte willkommen - Einzigartiger Campingplatz am Bodensee
Von Gisela Mackensen, dpa
   Friedrichshafen (dpa/lsw) - Hans Ludwig hat etwas, von dem viele andere Behinderte träumen: Einen regulären Job, und zwar als Hilfskoch auf dem Campingplatz CAP Rotach in Friedrichshafen am Bodensee. «Ich möchte mein Geld selbst verdienen», sagt der 32- jährige Lernbehinderte in seiner schmucken weißen Kochuniform. Nach Jahren in verschiedenen Behindertenwerkstätten sei ihm klar geworden:
«Küche und Gastronomie liegen mir am meisten.»

   Ludwig gehört zu den Männern der ersten Stunde auf dem 2003 mitten in der Stadt an der Rotach-Mündung eröffneten Platz, auf dem Behinderte als Gäste wie als Mitarbeiter willkommen sind. Denn mit dem bundesweit einzigartigen Projekt werden gleich zwei Effekte
erzielt: Es bietet Menschen mit geistigen und körperlichen Handicaps eine Stelle und zugleich Behinderten die Chance, ihre Ferien in einer barrierefreien Anlage zu verbringen. Zu dem Platz mit Stellfläche für
95 Zelte gehört auch eine Pension mit 15 behindertengerechten Zimmern.

   Das Kürzel CAP steht für Chance, Arbeit, Perspektive. Diesen Zielen hat sich Geschäftsführer Fritz-Heinrich-Bauer verschrieben.
Der Sozialpädagoge aus Reutlingen sah seine Chance für einen beruflichen Neustart gekommen, als mit der Novellierung des Schwerbehindertengesetzes so genannte Integrationsfirmen möglich wurden. In solchen Unternehmen können bis zu 50 Prozent der Mitarbeiter Behinderte sein.

   Der 52-Jährige konnte auf praktische Erfahrungen zurückgreifen.
Schon vor mehr als 25 Jahren gründete er zusammen mit Freunden den Verein für sozialpädagogisches Segeln (VSS), der für Behinderte Urlaub auf dem Wasser in Konstanz organisiert. Mit dem Gedanken, solche Freizeiten professionell am Bodensee anzubieten, habe er seit längerem gespielt, erzählt der passionierte Segler.

   Da schien es wie ein Wink des Himmels, dass er eines Tages auf eine Kleinanzeige stieß. In Friedrichshafen stand ein Campingplatz zum Verkauf, den die Inhaberin aus Altersgründen abgeben wollte. Der VSS holte sich den Verein Körperbehindertenförderung Neckar-Alb mit ins Boot und gründete die gemeinnützige CAP Integrations-GmbH. «So fing das Abenteuer an», erzählt Bauer schmunzelnd. Die Anlage war in desolatem Zustand, Kakerlaken huschten durch die Duschen.

   Doch Bauer und sein Team krempelten die Ärmel hoch. Als erstes entstand ein neues Sanitärgebäude, 2004 eröffnete die Pension. Zuvor hatte sich der Geschäftsführer die Hacken abgelaufen, um die Finanzierung auf die Beine zu stellen und alle Förderquellen anzuzapfen. Trotz Steuervorteilen, Zuschüssen und Spenden muss sich die vom Deutschen Tourismusverband mit vier Sternen bewertete Anlage rentieren. «Ich bin für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich», betont Bauer. Dazu tragen maßgeblich das Restaurant und die Pension bei, die ganzjährig geöffnet sind. Die Zimmer sind besonders in Messe-Zeiten heiß begehrt. 23 000 Übernachtungen zählte die Anlage im vergangenen Jahr. Bauers Pionierleistung belohnte der ADAC 2005 mit dem Titel «Campingplatz des Jahres».

   Die neun Behinderten der 18-köpfigen Belegschaft kochen und servieren, putzen die Zimmer oder arbeiten in der Außenanlage. Dass auch Pannen passieren, wenn etwa ein Behinderter mit dem Rasenmäher aus Versehen die Zeltschnüre durchtrennt, führt gelegentlich zu Problemen mit den Gästen. «Es überwiegt aber das Interesse an unserem Modell», versichert der Geschäftsführer. «Es gibt keine Schonräume für unsere Beschäftigten», betont er. Das weiß auch Hans Ludwig. «Ich habe Verantwortung, muss für Fehler geradestehen und bekomme auch mal ein Lob, das gibt Kraft», sagt er nicht ohne Stolz und voller Zufriedenheit.

(Internet: www.cap-rotach.de)
dpa gm yysw ed


Erstellt: 06.09.2006 08:18   Aktualisiert: 06.09.2006 08:18

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