Ich klingelte. Er rief durch die Sprechanlage: “Ich komme runter!“. Nicht:: „Wer ist da?“ Nein, „Ich komme runter!“ Das spricht eigentlich für mich, weiß er doch, dass ich pünktlich und verlässlich bin. Ich begleite Keyvan Dahesch und assistiere ihm gelegentlich. Kennengelernt haben wir uns im Tandem-Club „Weisse Speiche“, in dem ich als Pilot-Fahrerin mit blinden oder sehbehinderten Menschen in meiner Freizeit Fahrrad fahre.
Er ist blind. Trotz Handicap konnte er Außergewöhnliches leisten und erstaunliche Energien freisetzen, die ihm nicht nur beruflichen Erfolg, sondern große Anerkennungen einbrachten. Er ist ein prominenter Frankfurter.

Wir liefen zur U-Bahn-Haltestelle. Eine betagte gehbehinderte Frau mit Gehwagenhilfe versuchte unter großer Anstrengung die hohe Stufe, die ihr das Einsteigen erschwerte, zu überwinden. Passanten eilten zur Hilfe. Wäre da niemand, was wäre dann? Ich versuchte durch den verzögerten Eintritt nicht selbst mit Keyvan Dahesch in Schwierigkeiten zu geraten und schob ihn zügig an die hohe Schwelle des Einstiegs. Er stieg dort nicht zum ersten Mal ein und stieg ohne Ansage ein. Die Türe ging hinter uns zu. Frankfurt „Hauptwache“ stiegen wir aus. Erstaunlich fand ich, wie sicher er mich durch das Labyrinth der U- und S-Bahnschächte leitete, dabei führte ich ihn.
Endlich kamen wir ans Tageslicht. Die Sonne wärmte mit ihren intensiven Strahlen. Unser Ziel war die Paulskirche.
Das Bundesinnenministerium hatte zu einem Festakt, am 27. März 2009, um 11 Uhr eingeladen:
Frankfurt-Weimar-Bonn-Berlin, Deutschlands Weg zur Demokratie“.
Es versprach eine bedeutsame Feier zu werden.
Vor der Paulskirche aber deutete nichts auf einen außergewöhnlichen Festakt hin. Einzig die hohe Anzahl an Polizeiautos, die am Straßenrand parkten, ließen Vermutungen über Außergewöhnliches aufkommen.
Wir traten ein und nahmen unsere Plätze ein. Das Innere der Kirche war dezent geschmückt. Links und rechts ein kleines Blumengebinde in rot und eine große Plakatwand, mit der Bezeichnung des Festaktes.

Gedenken, Erinnern, die Nachhaltigkeit der Paulskirchenverfassung zu würdigen, die Verfechter zu ehren und von ihnen zu erzählen, forderte Bundespräsident Horst Köhler seine Zuhörer in seiner Rede auf und vermittelte durch seine eindrücklichen und anschaulichen Darlegungen die Errungenschaften dieser Zeit. Er berichtete aber auch von deren Versäumnis, der Gleichberechtigung der Frauen und der Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie.
Zur parlamentarischen Demokratie wurde das deutsche Reich erst gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Diese Demokratie krankte jedoch daran, dass es ihr an Demokraten mangelte, anders als 1848. Umso höher sollten wir schätzen, was seit 1949 erreicht worden sei. Der Parlamentarische Rat konnte an dem Verfassungswerk von 1848 anknüpfen und eine freiheitliche Demokratie und in alle Lebensbereiche reichende Grundrechte festschreiben. Das sollten wir schätzen und pflegen lernen. (Wortlaut der Rede: siehe Link am Ende dieses Essays.)
Wolfgang Schäuble führte aus, dass die Jahre 1949 bis 1989 die Jahre des Aufbaus waren, wobei die Menschen im Osten den schwereren Teil der Nachkriegsgeschichte trugen. Durch Diktatur und Zwangswirtschaft wurden sie vielfach um den Lohn ihrer Arbeit gebracht. 1989 konnten sie dem ein Ende setzen und mit großem Mut ihre Freiheit erkämpfen und Deutschland auf den Weg der Einheit bringen.

Ich hörte Reden und eine anschließende Diskussionsrunde mit Marianne Birthler, Prof. Lothar Gall, Prof. Winfried Hassemer und Prof. Horst Möller, die von Steffen Seibert moderiert wurde, mit bedeutsamen Inhalten und ich fragte mich, warum diese Feierstunde nicht mit dem Volk gemeinsam begangen wurde? Warum wurden nur Historiker, Juristen, Gelehrte und Prominente geladen? Der Initiator dieser Veranstaltung, Innenminister Wolfgang Schäuble bezog sich in seiner Rede auf den Impuls der Fußball-Weltmeisterschaft, der gezeigt habe, dass das deutsche Volk feiern konnte, ausgelassen und mit Freude und Zuversicht. Hätte nicht heute auch eine Liveübertragung vor der Paulskirche stattfinden können, - Public Viewing - wie z.B. bei dem Fußballereignis? Hätte dies nicht dazu beitragen können, Impulse für ein Demokratieverständnis zu setzen? Die Reden etwas kürzer und einfacher gehalten, hätten sie viele Menschen in den Bann ziehen können und ein politischer Bildungsbeitrag wäre gegeben gewesen.
Schon 1848 wurde auf politische Bildung gesetzt. Bundespräsident Horst Köhler zitierte: „Verfassung und Gesetz sind leere Worte für ein Volk ohne Bildung“.
Es wäre wünschenswert, wenn wir 160 Jahr später auch noch den Sinn darin erfassen und umsetzen würden. Auch in den Bildungseinrichtungen könnte begonnen werden, ein Bewusstsein hierfür zu pflegen.

Pflege hin oder her, aber wie steht es um das Problem der „Politikverdrossenheit“? Woran liegt es, dass wir unserem Wahlrecht nur noch missmutig nachkommen, statt uns über die Möglichkeit, der demokratischen Teilhabe zu freuen? Liegt es vielleicht daran, dass wir tagtäglich Politiker erleben, die aus strategischem Denken heraus Entscheidungen fällen, um Wahlvorteile zu erringen oder sich zu profilieren. Wo bleibt das wirkliche Interesse an der Sache, an dem Ziel der Handlung, der Entscheidung? Wo bleibt die Verantwortung für das Ganze, für unsere Gesellschaft, für unser Land, für die Zukunft unserer Erde, für die Bürger selbst? Man kann sich des Eindruckes nicht verwehren, dass viele Politiker sich selbst am nächsten stehen, ihrem Erfolg und ihrem Machtstreben. Das ist schädlich und gefährlich für unser Demokratieverständnis. Verantwortungsbewusstsein und moralisches Handeln muss wieder erkennbar werden, damit einer Politikverdrossenheit Einhalt geboten wird. Demokratie muss gepflegt und gehegt werden, wie jede menschliche Beziehung auch. Dazu bedarf es nun der geeigneten Pflegeanleitung.
Wer sie sucht, der findet sie.

Jutta Bossecker, im April 2009


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   Horst Köhler Rede in der Frankfurter Paulskirche: "1848 - Erbe und Verpflichtung"

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