Aus dem Rollstuhl ins Ruderboot: Amphibienfahrzeug für Behinderte
Von Martina Steffen, dpa
   Seeburg - Für Willi Klingebiel ist es ein besonderer
Tag: Erstmals seit rund 20 Jahren schippert der 60-Jährige aus
Duderstadt mit einem Boot gemütlich über den Seeburger See (Kreis
Göttingen). Klingebiel ist Rollstuhlfahrer und kann seit diesem
Wochenende mit einem so genannten Paraboot für Behinderte das
Gewässer im Eichsfeld zu erkunden. Zwei dieser speziellen
Amphibienfahrzeuge für Menschen mit unterschiedlichen Handicaps
können an dem Ausflugsziel ausgeliehen werden. Sie sind nach Angaben
des örtlichen Tourismusverbandes deutschlandweit erstmals in Einsatz.

   «Die Boote sind kippsicher und stabil. Darin fühle ich mich völlig
sicher», sagt Klingebiel. Er stoppt seinen Rollstuhl direkt neben dem
Boot, das noch an Land steht. Ohne fremde Hilfe steigt er in das
Amphibienfahrzeug ein. Dann wird das zweisitzige Spezialboot ins
Wasser geschoben und los geht die Fahrt. Vor zwei Jahren hat der
Behindertenbeauftragte der Stadt Duderstadt das Projekt
«Barrierefreies Reisen durch das Eichsfeld» ins Leben gerufen. Er
möchte die Menschen zum Reisen motivieren - auch diejenigen mit
Handicap. Und eine Fahrt auf dem See gehöre einfach dazu, sagt er.

   Die Paraboote können sowohl an Land als auch im Wasser fahren und
gesteuert werden. Sie sind knapp fünf Meter lang und erreichen - je
nach Einsatz des Fahrers - eine Geschwindigkeit von bis zu zwölf
Kilometern pro Stunde. Angetrieben werden sie per Hand über große
Schaufelräder. Diese Räder sorgen auch dafür, dass das Boot langsam
vom Land ins Wasser rollt. Je nach Behinderungsgrad können sie
individuell auf den Fahrer eingestellt werden.

   Für die regionale Entwicklung des Eichsfelds werden diese
Spezialboote eine Magnetwirkung haben ist sich Carsten Basdorf vom
Stadtmarketing Duderstadt sicher. «Wir möchten in der Region
familienfreundlich sein und attraktive Angebote für Senioren und
Menschen mit Handicap entwickeln», sagt Basdorf. Die neuen Boote
könnten auch von Eltern mit kleinen Kindern oder älteren Menschen
genutzt werden, denen die herkömmlichen Ruderboote zu wackelig sind.

   Rund 8000 Euro kostet ein solches Amphibienfahrzeug. Die
mechanischen Teile der Boote werden vom Handgriff bis zu den
Schaufelrädern in der Schweiz produziert und montiert. Eine deutsche
Firma stellt den Bootskörper her. Sponsoren haben den Kauf der zwei
Paraboote, die ab sofort über den Seeburger See fahren, ermöglicht.
Das neue Angebot auf jeden Fall nutzen will Eduard Monzen. Der
76-Jährige aus dem Eichsfeld kennt das Gewässer aus früheren Zeiten
sehr gut. Doch seit er im Rollstuhl sitzt, musste er auf seine
geliebten Ausflüge in dem Biotop für Zug- und Brutvögel verzichten.
«Das ist eine tolle Sache mit den Booten. Ich werde ganz oft auf den
See fahren», sagt der Senior und strahlt.


Erstellt: 29.04.2007

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