Ambiente und klare Regeln: Kinderrestaurant startet in Hildesheim
Von Sebastian Knoppik, dpa
   Hildesheim, dpa  An den hellgrün gestrichenen Wänden hängt
abstrakte Kunst. Davor kleine dunkelbraune Tische und Stühle. Der
Besucher fühlt sich an eine Szene-Bar erinnert oder an ein Restaurant
der gehobenen Kategorie. Allerdings: Auf dem Tresen stehen Flaschen
mit Multivitaminsaft und Mineralwasser. Im neu eröffneten
Kinderrestaurant in der Hildesheimer Innenstadt sollen sich Kinder
aus allen Gesellschaftsschichten gesund und preiswert ernähren,
nebenbei etwas Benimm lernen und im Idealfall neue Freundschaften
schließen - das erste Angebot dieser Art in Niedersachsen.

   «Ich wollte keine Suppenküche machen», erklärt Annelore Ressel,
die als Vorsitzende der Hildesheimer Tafel das Kinderrestaurant ins
Leben gerufen hat. Laut einer aktuellen Studie des Kinderhilfswerks
Unicef hat sich Kinderarmut in Deutschland seit 1989 mehr als
verdoppelt. Inzwischen gilt jedes zehnte Kind in Deutschland als arm.
Und so gibt es für die Kinder im neu eröffneten Restaurant die
Möglichkeit, für 1,50 Euro zu Mittag zu essen sowie für 50 Cent zu
frühstücken. Das Essen stammt aus den gespendeten Lebensmitteln der
Tafel, angeboten wird gesunde Kost.

   Aber im Hildesheimer Kinderrestaurant sollen die Kinder nicht
einfach nur verpflegt werden. «Ich will nicht nur den Magen öffnen.
Das Essen ist ein Schlüssel zu dem Tor, das ich öffnen möchte»,
erklärt Ressel. Sie will den Kindern eigentlich selbstverständliche
Benimmregeln beizubringen, die bei vielen Kindern heute alles andere
als selbstverständlich seien: «Dazu gehört, dass die Kinder am Tisch
sitzen bleiben, bis der letzte aufgegessen hat.» Sie müsse auch
jedesmal zu Beginn des Essens erklären, wozu die Servietten auf den
Tischen da sind: «Es gibt Kinder, die damit wirklich nichts anfangen
können.»

   Die 13-jährige Sabriye ist zum zweiten Mal mit ihrer Klasse ins
Kinderrestaurant gekommen. Bei ihr zu Hause gibt es morgens kein
Frühstück: «Wenn ich zur Schule gehe, schläft meine Mutter noch.» Und
so kann sich Sabriye gut vorstellen, demnächst mit ihren Freundinnen
öfter ins Kinderrestaurant zu gehen.

   Weil es in armen Familien oft keine regelmäßigen Mahlzeiten gibt,
seien diese Kinder zusätzlich benachteiligt, ist Ressel überzeugt.
Schließlich leide langfristig auch die Leistung in der Schule, wenn
die Kinder etwa hungrig in die Schule gehen. «Dabei sind Kinder, die
per Zufall der Geburt in ein armes Elternhaus geboren wurden, ja
nicht per se dümmer. Dadurch wird in unserer Gesellschaft ein großes
Potenzial vergeben.»

   Das Hildesheimer Kinderrestaurant ist laut Ressel ein bislang auch
deutschlandweit einmaliges Projekt. Zwar gibt es auch in anderen
Städten bereits Tafeln, die warme Mahlzeiten für Kinder anbieten,
etwa in Berlin oder Leipzig. Ressel möchte aber in ihrem Restaurant
nicht nur bedürftige Kinder begrüßen, sondern Angehörige aller
Gesellschaftsschichten: «Mit diesem Konzept sind wir die ersten.»
Durch die zentrale Lage in der Nähe mehrerer Schulen sollen Kinder
aus unterschiedlichen Stadtteilen angelockt werden. «Es gibt viel zu
wenig Kontakt zwischen Kindern unterschiedlicher Schichten. Das will
ich ändern.»


Erstellt: 20.11.2007 12:03  

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