Ärzte aus der ganzen Welt musizieren für guten Zweck
Von Aliki Nassoufis, dpa
Berlin, 2. Juli 2009 (dpa) Statt Stethoskop oder Blutdruckmessgerät halten die
Mediziner Geigen, Bratschen und Querflöten in ihren Händen. Die
Arztkittel haben sie gegen elegante Abendgarderobe ausgetauscht. Die
rund 100 Mediziner aus etwa 20 Ländern, die sich derzeit in Berlin
treffen, sind Teil eines weltweit einzigartigen Projekts: Sie gehören
zum World Doctors Orchestra, bei dem sich Mediziner aus verschiedenen
Ländern zweimal im Jahr zum Musizieren auf hohem Niveau treffen. Die
gesamten Einnahmen ihrer Konzerte spenden die Ärzte für medizinische
Hilfsprogramme in Krisenregionen. An diesem Samstag (4. Juli) gibt
das internationale Medizinerorchester in der Berliner Philharmonie
sein einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr.

   Auf den ersten Blick sieht es im Probenraum in der Kalkscheune aus
wie bei einem gewöhnlichen Orchester. Stühle werden ratternd über den
Boden gezogen, das Schlagzeug klappert aufgeregt und die zahlreichen
Geigen jaulen wild durcheinander, als sie gestimmt werden. Dann
jedoch fällt das Sprachengewirr auf: Neben Englisch und Deutsch sind
polnische, schwedische, spanische und italienische Gesprächsfetzen zu
hören. Doch viel Zeit bleibt nicht. Die Musiker sind alle erst vor
wenigen Stunden in Berlin angekommen und haben nur vier Tage, um die
Stücke bis zum Konzert gemeinsam zu proben.

   «Wir wollen aber nicht einfach nur Musik spielen», erklärt der
Direktor des Sozialmedizin-Instituts der Berliner Charité, Stefan
Willich, der 2007 einen weltweiten Aufruf startete und die
internationale Gruppe gründete. «Mit dem Orchester wollen wir das
Bewusstsein dafür wecken, dass es in vielen Gegenden der Welt keine
ausreichende medizinische Versorgung gibt.»

   Deswegen nehmen sich die musizierenden Mediziner für die
gemeinsamen Konzerte nicht nur Urlaub und zahlen auch selbst für ihre
Flüge, Unterkünfte und Verpflegung, sondern spenden auch ihre
Konzerteinnahmen. Mit dem bevorstehenden Konzert beispielsweise
werden ein Hilfsprojekt in einem südafrikanischen Township und das
Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer aus der ganzen Welt
unterstützt.

   In dem World Doctors Orchestra sind nicht nur alle gängigen
Instrumente, auch fast alle Fachrichtungen vertreten: von Internisten
über Orthopäden bis hin zu Neurologen. Doch viel Zeit zum gemeinsamen
Spiel haben die Medizin-Musiker nicht. Die meiste Zeit des Jahres
behandeln sie Patienten in ihren Praxen oder operieren in Kliniken.
Etwa sechs Wochen vor einem Konzert schickt Willich, der Dirigent des
Orchesters ist, die Noten an alle Spieler. «Sie üben dann zu Hause
ihren eigenen Part», berichtet der 49-Jährige. Erst vier Tage vor
einem Konzert treffen sie sich und proben die Stücke gemeinsam.

   «Das ist sehr aufregend», erzählt Willich. Immerhin könne man erst
dann merken, was gut klappe und was nicht. Das kann bei so
anspruchsvollen Stücken - wie sie mit Mahlers fünfter Symphonie und
Mozarts Sinfonia Concertante jetzt auf dem Programm stehen - ziemlich
stressig werden. Doch die Mediziner müssen nicht nur unter Hochdruck
proben. «Es ist auch faszinierend zu sehen, wie sich dabei Menschen,
die - wie zum Beispiel Chefärzte - im Beruf sonst häufig
Einzelkämpfer sind, problemlos in die Gruppe einfügen.»

   Der Hauptgrund für dieses Engagemnet ist, dass die Ärzte alle mit
Enthusiasmus dabei sind. Schließlich haben die meisten nicht nur
Medizin studiert, sondern auch eine lange Musikerkarriere hinter
sich. Willich beispielsweise spielt seit seiner Kindheit Geige und
studierte einige Jahre lang Musik. Auch die anderen Mediziner spielen
seit Jahren ein Instrument, deswegen erreichen die Musikamateure auf
ihren Konzerten ein überraschend hohes Niveau. Das hat sich
herumgesprochen: Im Frühjahr wurden sie bereits im US-amerikanischen
Cleveland bejubelt, für 2010 plant das Orchester Konzerte in Armenien
und Taiwan.

(Internet:    www.world-doctors-orchestra.org


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