Süddeutsche Zeitung REISE Dienstag, 8. September 1998 Seite V2/2

 Heilung durch Bewegung

Auch Blinde und Rollstuhlfahrer können auf der Mettnau  durch gezieltes Sporttraining Streß abwerfen

Ob schlecht geschlafen, von Schmerzen oder dem Alltagsstreß geplagt: Wenn Sporttherapeutinnen um acht Uhr in den vier meist überfüllten

 Gymnastikhallen mit „guten Morgen“ das Stretching beginnen, machen alle – wie umgewandelt – begeistert mit. Am Ende eilen sie mit

 fröhlichen Gesichtern zur nächsten sportlichen Betätigung. Für viele ist aber schon eine Stunde früher mit dem Klatschen auf die

 Oberschenkel und einem lauten „guten Morgen“ im Chor beim Frühsport um sieben Uhr die Nacht vorbei. Auf der Halbinsel Mettnau in Radolfzell

 am Bodensee erholen sich Frauen und Männer mit und ohne Behinderungen zwischen 18 und 80 Jahren fast ausschließlich mit Sport und Gymnastik

 von den Folgen einer Herzoperation ebenso dem Herzinfarkt, Wirbelsäulenbeschwerden oder Streß.

Das Motto der Mettnaukur lautet: „ Heilung durch Bewegung “. „Mit dieser Devise motivieren wir auch Menschen mit frischen

 Bypass- oder Herzklappenoperation zur aktiven  Bewegung , die sie aus der Apathie herausholt und den Heilungsprozeß beschleunigt“,

 berichtet Professor Ewald Lönne, medizinischer Leiter der Kurbetriebe in den letzten 20 Jahren bei der Stabübergabe an seinen Nachfolger,

 den 44jährigen Kardiologen und Internisten Michael Otto. Und der Erfolg gibt den Ärzten auf der Mettnau recht. Denn seit 1958, als diese

 einzigartige Therapieform in der Bundesrepublik entstand, schicken die Krankenkassen Jahr für Jahr Herz-Kreislaufkranke Patienten nach

 Herzinfarkt zur Anschlußheilbehandlung auf die Landzunge Mettnau. Mit rollstuhlgerechten Zimmern und verbal präzise erklärten Übungen

 bietet sie auch Blinden und Rollstullfahrern die Möglichkeit  durch Bewegung ihr Allgeimbefinden zu verbessern und Streß

 abzuwerfen. „Ich werde bewundert, weil ich die Übungen genau ausführe. Das liegt wohl an den exakten Formulierungen der Therapeuten“, sagt

 der 56jährige Kai aus Frankfurt am Main, der seit Jahren ohne Begleitung hier Urlaub macht.

Aber nicht nur Kranke suchen  Heilung durch Bewegung , sondern auch viele Sportler, die ihre Leistungen steigern möchten. Für

 Flugkapitäne der Lufthansa und Bundeswehrangehörige ist die regelmäßige Regeneration auf der Mettnau beinahe Pflicht. Stadtoberhäupter,

 Bundes- und Landesminister aller Couleur, Führungskräfte der Wirtschaft, Gewerkschafter und Journalisten beugen  durch regelmäßige

 Kuren in Mettnau Herzkrankenheiten vor. „Die meisten, die bei uns verschriebene Kuren machen, kommen in den Jahren dazwischen auf eigene

 Kosten wieder“, sagt Kurdirektor Hans-Peter Schmal. So sind über die Hälfte der Mettnau-Gäste inzwischen Selbstzahler. Von dem beklagten

 Patientenrückgang ist daher in Radolfzell am wenigsten zu spüren.

Fahrrad als Nahverkehrsmittel

Nach einer gründlichen Untersuchung mit Belastungs-EKG und Herzultraschall werden in den Kliniken die Menschen von den etwa 20 Ärztinnen und

 Ärzten in sechs unterschiedlichen Leistungsgruppen eingeteilt. Gruppe A ist die Stärkste, in Gruppe F kommen frisch Operierte und Menschen

 nach Herzinfarkt zur Anschlußheilbehandlung. Das Therapieangebot umfaßt Gruppen-, Wasser- und Einzelgymnastik, Ballspiele, Rudern, Tai Chi,

 Chi Gong, Yoga und Radfahren. „Bei uns ist das Fahrrad das öffentliche Nahverkehrsmittel“, scherzen die Einheimischen. In „keiner Kur habe

 ich mich so oft bewegt wie hier“, sagt der 68jährige Architekt Hans-Hermann Hopf, der auf der Mettnau Impulse für die Koronargruppe sammeln

 wollte, die er in seiner Heimat Oelde in Westfalen ehrenamtlich leitet.

Die Therapie wird  durch diverse Diätangebote ergänzt. „Beim Buffet achtet jeder selbst darauf, daß die ärztliche empfohlene

 Kalorienzahl nicht überschritten wird“, sagt Michael Otto, der 17 Jahren als rechte Hand von Professor Ewald Lönne gearbeitet hat. „Unsere

 Therapie wird täglich der Situation der Heilungssuchenden angepaßt“, beschreibt er die Konzeption.

Frühsport und Stretching müssen nicht ärztlich verordnet werden. Alle anderen Behandlungen schreiben die Ärzte vor. Die meisten Ausflüge,

 auch an den Wochenenden werden mit Fahrrädern unternommen. Und statt der anderen orts üblichen eleganten Abendgarderobe trifft man die

 Mettnaugäste beim abendlichen Viertele im Jogging-Anzug. Darin sehen bekanntlich Chef und Mitarbeiter gleich aus, was den

 Gemeinschaftsgeist ebenfalls fördert.

200 Beschäftigte betreuen die rund 400 Gäste auf der Mettnau. Als die BfA aufgrund der Einschnitte der Bundesregierung ins

 Gesundsheitssystem auch auf der Mettnau Teile ihrer Betten kündigen mußte, schufen Schmal und seine Mitarbeiter pauschale Antistreß-,

 Fitneß- und Wellness-Angebote, die wochenweise gebucht werden können.

Zwischen Kurgästen und Therapeuten bildet sich rasch ein kameradschaftliches Verhältnis. Einige Therapeuten haben schon Spitznamen wie

 „Power-Susi“oder „Turbo-Eva“ bekommen. Daß auch die Sporttherapeuten eine besondere Bindung zu ihrer Tätigkeit auf der Mettnau entwickeln,

 wird bei Kerstin Taube deutlich. Als sie vor drei Jahren deutsche Tennismeisterin wurde, lehnte sie ein Angebot ab, als Profi in diesen

 Sport einzusteigen und viel Geld zu verdienen: „Mir war der Umgang mit so unterschiedlichen Menschen wichtiger als mit etwas Geld zu

 verdienen, was ich lieber als Hobby betreibe. Außerdem macht es viel Spaß zu erleben, wie oft aus Bewegungsmuffeln Bewegungsfans werden“,

 begründet sie ihren Entschluß.

Begonnen wurde mit der damals weltweit einmaligen Methode „ Heilung durch Bewegung “ auf der Mettnau 1958. Eine der

 Initiatoren war der Olympiasieger von 1936 im Geräteturnen Willi Stadler. Die Reize dieser Landschaft hatte aber schon im vorigen

 Jahrhundert der bekannte Dichter und Schriftsteller, Josef Viktor von Scheffel entdeckt, der 1876 ein Haus hier bauen ließ. Heute ist das

 Scheffel-Schlößchen Sitz der Kurverwalter, in der 133 000 Gäste seit 1958 registriert wurden.

KEYVAN DAHESCH

Information : Herz- und Kreislaufklinik Mettnau, Tel. : 07732-151655

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