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Antidiskriminierungsgesetze in den USA - Respekt, Angst und Prozesse Von Laszlo Trankovits, dpa =

 

   Washington (dpa) - Antidiskriminierungsgesetze prägen in den USA schon lange Arbeitswelt, Institutionen, Universitäten und Schulen. Erst vor wenigen Tagen verfügte der Oberste Gerichtshof in Washington eine weitere Verschärfung. Die Richter betonten, dass die Gesetze nicht nur Benachteiligte schützen sollen, sondern auch jene, die deswegen klagten, auch wenn sie nicht direkt betroffen sind.

 

   Spätestens seit 1964 wird in den USA die verfassungsmäßig garantierte Gleichstellung verwirklicht - zumindest urteilen Gerichte meist konsequent. Denn vor dem Gesetz darf niemand wegen seiner Religion, Rasse und Herkunft oder seines Geschlechts, Aussehens, Familienstandes und Alters benachteiligt werden. Der erfolgreiche Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen, Behinderten, Schwarzen, Alleinerziehenden oder Alten hat gravierende Spuren in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten hinterlassen.

 

   Stellenanzeigen beschränken sich strikt auf die Beschreibung der gewünschten Qualifikation, Bewerbungen sind meist ohne Foto und Alter. Die Unternehmen leisten einen enormen Aufwand, um jeden Diskriminierungsvorwurf von vorne herein entkräften zu können. Arbeitgeber zittern vor Prozessen, die sie viele Millionen Dollar kosten können. Und gewiefte Juristen lauern auf Schwachstellen der Firmen - denn diese zahlen angesichts saftiger Urteile lieber schon vor einem Prozess, als dort Imageschaden und Unsummen zu riskieren.

 

   Dennoch bleibt kaum ein Unternehmen von Klagen verschont. 2004 gingen bei der Gleichstellungsbehörde EEOC in Washington fast 80 000 Beschwerden wegen angeblicher Benachteiligung am Arbeitsplatz ein. An erster Stelle stehen Benachteiligungen wegen rassistischer Diskriminierung, gefolgt von Beschwerden wegen sexueller Belästigung. Die meisten Beschwerden gab es 1994 mit über 91 000. Etwa 37 Millionen Dollar Schadenersatz hat die EOCC 2004 allein im Kampf um die Verwirklichung des Gleichstellungsgesetzes zu Gunsten diskriminierter Frauen erstritten.

 

   58 Prozent von 234 großen US-Unternehmen wurden 2004 wegen geschlechtlich bedingter Benachteiligung sowie sexueller Belästigung am Arbeistplatz angezeigt - eine Zunahme von zehn Prozent gegenüber 2003, wie die angesehene Kanzlei Jackson Lewis LLP herausfand. 1995 waren allerdings noch 95 Prozent aller befragten Unternehmen von Diskriminierungsklagen betroffen. Zahlreiche spektakuläre Klagen belegen die Schärfe der Gesetze und den Willen der Gerichte, sie durchzusetzen. Die Bankberaterin Allison Schieffelin erhielt 2004 von ihrer Firma Morgan Stanley zwölf Millionen Dollar Abfindung, nachdem sie dem Gericht überzeugend dargelegt hatte, dass ihre männlichen Kollegen eher befördert würden. Diese bewirteten nämlich Kunden in Stripteaselokalen und erzielten so bessere Geschäftsabschlüsse. Da könne sie nicht mithalten, meinte die Angestellte - und gewann.

 

   Das Wertpapierhaus Smith Barney akzeptierte 1997 die Zahlung von etwa 100 Millionen Dollar an fast 2000 Mitarbeiterinnen. Sie hatten ihre Vorgesetzten wegen sexueller Belästigung verklagt. Die US- Automobil-Gewerkschaft erzielte einen 10 Millionen-Dollar-Vergleich mit Ford. Der Autokonzern hatte, so der Vorwurf, schwarze Jugendliche bei der Vergabe von Lehrstellen benachteiligt. Gegen den größten privaten US-Arbeitgeber, die Großmarktkette Wal-Mart, läuft derzeit eine Sammelklage weiblicher Beschäftigter. Dies könnte den Konzern Milliarden Dollar kosten, da potenziell 1,6 Millionen jetzige und ehemalige Arbeitnehmerinnen betroffen sind.

 

   Um sich gegen Klagen zu schützen, herrschen in den Firmen strenge Regeln. Vor allem Chefs meiden Tabuthemen wie Rasse, Religion, Politik oder Sex. Viele Firmen bieten Seminare an, wo Führungskräfte lernen, was alles als diskriminierende Witze, Äußerungen und Flapsigkeiten interpretiert werden könne. Zudem sollen heikle Situationen erst gar nicht entstehen. Viele männliche Vorgesetzte meiden ängstlich das Alleinsein mit einem weiblichen Mitarbeiter. dpa tr xx rb

 

 

010131 Apr 05