Frankfurter Rundschau FRANKFURT & HESSEN Samstag, 12. Februar 2005 Seite 37

Blinde dürfen nicht überall Blut spenden 

Rotes Kreuz geht unterschiedlich mit Fragebogen um 

VON GUNDULA ZEITZ 

Eine Blinde ist vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Kassel bei der Blutspende abgelehnt worden, weil sie einen Fragebogen nicht selbst

 ausfüllen konnte. Von Diskriminierung spricht das "Netzwerk Artikel 3". Der Kasseler Blutspendedienst verweist auf strenge Richtlinien. Es

 gebe sehr wohl Spielräume, heißt es beim DRK in Frankfurt.

Kassel · 11. Februar · Als ihre Freundin fragte, ob sie nicht gemeinsam zu einer Blutspendeaktion des Kasseler Blutspendedienstes des DRK

 gehen sollten, willigte Karla Schopmans sofort ein: "Schließlich wird überall zum Blutspenden aufgerufen." Doch die blinde Sozialarbeiterin

 wurde abgewiesen: "Ich hatte die notwendigen Fragebögen mit Hilfe meiner Freundin schon ausgefüllt, da erklärte mir der Arzt, ich könne

 nicht zugelassen werden, weil ich den Bogen zum vertraulichen Selbstausschluss nicht selbst ausfüllen könne." Den Einwand, dass sie das

 Formular ja zusammen mit dem Arzt noch einmal durchgehen könne, habe dieser nicht gelten lassen. "Ich habe mich selten so abgelehnt gefühlt

 wie in dieser Situation", sagt Schopmans.

Der Fall zeige, dass ein Antidiskriminierungsgesetz in Deutschland überfällig sei, sagt Ottmar Miles-Paul, Sprecher des "Netzwerkes Artikel

 3", das sich für die Gleichstellung Behinderter einsetzt. Bereits vergangenen Herbst hätten eine sehbehinderte und eine blinde Frau

 berichtet, sie seien bei einem privaten Blutspendedienst in Kassel abgewiesen worden.

Auf strenge Richtlinien verweist Gerhard Holzberger, Leiter des DRK Blutspendedienstes in Kassel: "Um als Spender zugelassen zu werden, ist

 Voraussetzung, dass der vertrauliche Selbstausschluss persönlich ausgefüllt wird", so der Mediziner. "Zu uns kommen ganze Sportvereine oder

 Arbeitskollegen. Da gehen dann doch alle mit und es besteht die Gefahr, dass Spender, die zu einer Risikogruppe gehören, dies selbst

 gegenüber einem Arzt nicht zugeben."

Im Übrigen würden neun bis elf Prozent der Spendenwilligen nicht zugelassen, etliche davon auch nur zeitweise, etwa weil sie erst kurz zuvor

 einen Infekt überwunden hätten. "Aber wir weisen niemanden gerne ab", so Holzberger. Deshalb habe er mit den zuständigen Behörden

 gesprochen, ob sämtliche Fragebögen künftig nicht auch in Blindenschrift angeboten und das Formular zum Ankreuzen mit einer Schablone

 versehen werden könne - und man habe ihm Zustimmung signalisiert.

Derweil wird die Sache beim DRK Blutspendedienst Hessen in Frankfurt ganz anders gesehen: "Bei stark seh- und hörbehinderten Spendern können

 die zulassungsrelevanten Fragen durch den untersuchenden Arzt in einer Weise mitgeteilt und dokumentiert werden, die jeden Zweifel an der

 persönlichen und eigenverantwortlichen Entscheidung des Blutspenders ausschließt", zitiert Werbereferent Heinz Betz

aus den Richtlinien. Weiter heißt es darin: "Wegen des zum Teil sehr intimen Charakters dieser Gespräche und der im Hinblick auf die

 Sicherheit für Spender und Blutempfänger unbedingt erforderlichen Vertraulichkeit der in der Befragung preisgegebenen Inhalte ist die

 Mithilfe einer Begleitperson oder eines Dolmetschers nicht zulässig." "Rechtlich ist also abgesichert, dass Blinde gemeinsam mit einem

 Arzt, der ja an die Schweigepflicht gebunden ist, auch den vertraulichen Selbstausschluss ausfüllen können", sagt Betz und verweist auf

 einen Blinden aus Großauheim, der regelmäßig spende. Auch der blinde Frankfurter Journalist Keyvan Dahesch hat beim Blutspenden noch nie

 Probleme gehabt: "Ich habe bereits 108 Mal gespendet."