der Bilder: Christoffel-Blindenmission

das bild zeigt die fünf Jahre alte, durch offenen Rücken stark körperbehinderte Lilian Wairimu. Sie übt das Laufen mit einer Gehhilfe im Mukuru-Slum. Fieldworkerin Helen Akhonya zeigt
Lilians Vater wie er sie beim Gehen unterstützen kann. Dank Unterstützung durch die Chtistoffel-Blindenmission besucht sie die Grundschule in Mukuru.

Der Ort, wo man die Augen öffnet

Hilfe für Schwerstbehinderte in der Dritten Welt - Die Christoffel-Blinden-Mission

Der große Saal des Bürgerhauses in Frankfurt-Griesheim, in dem tausend Menschen bequem Platz finden, ist höchstens zu einem Viertel mit

Publikum besetzt. Auf der Bühne stehen schwerstbehinderte Frauen und Männer aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Mit ihren Gesängen und

Tänzen wollen sie zeigen, wie wirkungsvoll man schwerst behinderten Menschen aus der Dritten Welt helfen kann, wenn man den Willen und die

Mittel dazu aufbringt. Schade, daß ein solches Thema so wenig Leute anzieht, denke ich. Und tröste mich: Vielleicht liegt es ja auch an dem

schönen Wetter an diesem Samstagnachmittag. Eingeladen hat die Christoffel-Blindenmission (CBM) aus Bensheim an der Bergstraße, eine

von dem Pfarrer Ernst Jakob Christoffel gegründete Organisation, die sich seit 80 Jahren um die Ärmsten der Armen in der Welt kümmert.

Während die Schwerstbehinderten hinter der Bühne ihren Auftritt vorbereiteten, denke ich einige Augenblicke über meinen Lebensweg nach:

Vielleicht wäre ich - als blindes Kind ebenfalls in einem Entwicklungsland geboren - auch bei dieser Gruppe. Aber ich hatte das Glück,

begüterte Eltern zu haben. Sie gaben mir zu essen und zu trinken, schönes Spielzeug und Kleider; ich hatte ein Hausmädchen, das mich

spazieren führte, und man schickte mich zeitweilig in eine normale Schule, wo ich ohne jegliche Hilfsmittel den Unterricht durch Zuhören

verfolgte. Zu geistigen Gütern aber fand ich - wie jene, die im Bürgerhaus nun ihr Können demonstrieren - erst mit dem Besuch einer

Bildungsstätte der CBM. Auf sie stieß ich in Iran - dort bin ich 1941 zur Welt gekommen -, als meine Eltern beschlossen hatten, mich zur

Behandlung meines vermeintlich heilbaren Augenleidens in die Bundesrepublik zu schicken. Bei der Suche nach einer Möglichkeit, mir etwas

Deutsch beizubringen, erfuhren wir von der Existenz der Schule in Isfahan. Dort erst erlernte ich die Blindenschrift.

Im Bürgerhaus führt eine achtköpfige Gruppe aus Pudulogong in Botswana afrikanische Tänze vor. In Pudulogong gibt es seit 1982 ein

Rehabilitationszentrum der CBM für Blinde. 'Pudulogong', erklärt der Moderator, bedeute zu deutsch 'der Ort, wo man die Augen öffnet.' Mit

einem Choral in deutscher Sprache verabschiedet sich die Gruppe von den Zuhörern. - Die ersten deutschen Lieder habe auch ich bei der CBM

gelernt, 1957/58, in Isfahan, wo man mich lesen und schreiben lehrte, schriftlich rechnen und das Formen mit Ton. Auf einer mit

Vertiefungen, erhabenen Punkten und Linien dargestellten Landkarte an der Wand ertastete ich die Geographie meiner Heimat.


Das Bild zeigt Pastor Christoffel mit
blinden Schülern, die auf einer Karte die Länder rund ums Mittelmeer
ertasten.


Für mich war das karg eingerichtete Haus nur eine Station auf der Reise nach Deutschland; für meine Mitschüler, rund 60 Schwerstbehinderte,

die die Schulleitung buchstäblich von der Straße aufgesammelt hatte, bedeutete es Herberge, Zuhause und Heimat zugleich. Die meisten

Klassenzimmer dienten nachts als Schlafsaal. Auf dem Boden breiteten die Bewohner ihre Matratzen aus und fühlten sich darauf wie Könige.

Sie hatten das Pech, in einer Weltregion behindert geboren worden oder später behindert geworden zu sein, in der die analphabetische und

unwissende Mehrheit des Volkes das Gebrechen als Gottesstrafe für die Verfehlungen der Angehörigen und Betroffenen ansieht. Doch hatten sie

das Glück, in einer Einrichtung aufgenommen zu werden, in der man sie menschlich behandelte. Sie brauchten nicht mehr wie Millionen andere

mit gleichem Schicksal im Straßengraben, in den Hauseingängen oder verwahrlosten Ruinen zu schlafen; mußten nicht mehr um ein Stück Brot

oder ein paar Groschen betteln, die ihnen oft genug andere gesunde, aber durch Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger völlig heruntergekommene

Menschen mit Gewalt oder heimlich wegnahmen. Sie bekamen Elementarunterricht und wurden in einfachen handwerklichen Tätigkeiten wie

Bürsten- und Besenbinden, Korb- und Mattenflechten ausgebildet. So besehen, gehörten sie zu den privilegierten unter ihresgleichen.

An 1000 Einsatzplätzen in 96 Ländern betreuen die rund 5000 hauptamtlichen Beschäftigten der Mission, darunter Augenärzte,

Krankenschwestern, Optiker, Lehrer und Handwerker, etwa 40 000 Blinde, körperlich oder geistig Behinderte oder Leprakranke. Dazu sind

jährlich fast 80 Millionen Mark erforderlich, die allein durch private Spenden aufgebracht werden. Nach Schätzungen der

Weltgesundheitsbehörde leben mehr als 500 Millionen behinderter Menschen auf der Erde, 400 Millionen davon unter menschenunwürdigen

Verhältnissen in den Entwicklungsländern. Die Zahl der blinden Behinderten wird auf rund 50 Millionen geschätzt, von denen die meisten in

den Ländern der Dritten Welt ebenfalls ein tristes Dasein fristen. Durch Hygiene, Gesundheitsvorsorge und entscheidend bessere medizinische

Versorgung könnten nach Auffassung des 'Deutschen Komitees zur Verhütung von Blindheit' 60 bis 80 Prozent der Nichtsehenden in den

unterentwickelten Ländern dieses Schicksal erspart werden. Doch scheint sich keine staatliche Stelle in diesen Ländern ernsthaft um diese

Probleme zu kümmern. Viele Regierungen überlassen ihre schwerstbehinderten Bürger sich selbst.

Ohne die Arbeit von Privatorganisationen wie die CBM, Misereor oder das deutsche Komitee zur Verhütung von Blindheit würde vielleicht kein

Schwerstbehinderter in der Dritten Welt je aus dem Bettlerdasein herauskommen. Auch wenn sich das Wirken dieser Einrichtungen im Hinblick

auf die große Zahl wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ausnimmt - es ändert sich die Lage derer, die den Tropfen bekommen, doch

zum Positiven. So findet ein 25jähriger blinder Inder, der mit Hilfe der CBM zum Kerzenmacher ausgebildet wurde, in seinem Heimatdorf sein

Auskommen; arbeitet die durch die Folgen von Kinderlähmung stark behinderte Naomi Kiragu aus Kenia heute als Optikerin in einem Hospital;

konnte der Burmese Thein Lwin - 18jährig verlor er durch eine Explosion im Schullabor das Augenlicht und eine Hand - das Gymnasium

abschließen und studieren. Heute leitet er die 'Christliche Blindenvereinigung' Burmas.

Der Nachmittag ist vorbei. Die Veranstalter bedanken sich bei mir besonders herzlich, weil sie mich als einen der wenigen Journalisten unter

den Gästen entdeckt haben. Sie wissen nicht, daß auch ich einen wichtigen Teil meiner Entwicklung der Arbeit ihrer Organisation verdanke.

Gern hätte die CBM ihr Jubiläum auch in der Isfahaner Blindenschule gefeiert. Doch die Machthaber in Iran haben die Einrichtung vor zwei

Jahren geschlossen, weil sie von Christen geleitet wurde. Lieber sollten die Behinderten auf der Straße enden, als daß sie ihr islamisches

Seelenheil an Ungläubige verlieren. Ich schäme mich für meine ehemaligen Landsleute.

KEYVAN DAHESCH

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