40 Jahre Friedensdorf: Sorge um Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten
Von Alexandra Balzer, dpa
   Oberhausen, dpa  Im Stadtplan von Oberhausen ist sie noch nicht
zu finden: Die Rua Hiroshima, eine kleine Stichstraße, die für
Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten der Welt immer mehr an
Bedeutung gewinnt. Seit 40 Jahren schöpfen in dem Friedensdorf kranke
und verletzte Kinder wieder Hoffnung: Kinder, die durch das Verhalten
verfeindeter Erwachsener schwer verletzt, verstümmelt oder entstellt
wurden. Und kranke Kinder, die in ihrer Heimat nicht geheilt werden
können. Einen Grund zum Feiern sehen die Helfer im Jubiläumsjahr
dennoch nicht: «Feiern könnte man, wenn das Friedensdorf seine Arbeit
einstellen darf», sagt Friedensdorf-Leiter Ronald Gegenfurtner.

   Hinter ihren strahlenden Augen verbergen die kleinen Patienten oft
schlimme Geschichten. Sie handeln von Landminen, die sie beim Spielen
in die Hände genommen haben, oder von Verwandten, die zwischen
kriegerische Fronten geraten sind. Andere Kinder leiden an
schmerzhaften Knochenentzündungen oder sind durch eine Lippen-Kiefer-
Gaumen-Spalte entstellt. Die Jungen und Mädchen werden im Rahmen der
sogenannten Einzelfallhilfe nach Deutschland geholt und kostenlos in
Krankenhäusern behandelt. Die anschließende Therapie im dorfeigenen
Reha-Zentrum in Oberhausen macht sie wieder fit für die Heimreise.
Finanziert wird die Arbeit der Hilfsorganisation durch Spenden. Rund
150 kleine Patienten tummeln sich Tag für Tag im Friedensdorf, viele
von ihnen stammen aus Afghanistan oder Angola. Zahlreiche freiwillige
Helfer packen an allen Ecken und Enden mit an.

   Während sich Mediziner Mohammed Ali Hariri im Behandlungsraum auf
seine nächste Patientin vorbereitet, verkürzt sich eine Gruppe von
Kindern in einem Raum schräg gegenüber die Wartezeit. Ein paar
Mädchen malen mit Buntstiften Blumen auf Papier, eine Gruppe Jungen
diskutiert darüber, welches Land denn wohl größer ist: Angola oder
Afghanistan. Die ehrenamtliche Helferin Silvia Falbe mischt sich in
das Gespräch ein und schlägt in einem Schüler-Atlas die Weltkarte
auf. Noch bevor die Diskussionsrunde zu einem Ergebnis kommt, hat das
Warten auf den Arzt für Anna ein Ende. Im Behandlungsraum zeigt die
Zwölfjährige dem Doktor ihr rechtes Bein. Ein Gerüst aus Drähten
sorgt für Stabilität. Mit einem Wattestäbchen betupft das tapfere
Kind die Wunden mit Jodsalbe rund um den Fixateur.

   Doch im Friedensdorf lernen die kleinen Patienten auch ein wenig
für das spätere Leben: In einem kleinen Klassenzimmer üben sie bei
Sven Schwarz rechnen. Die Kinder freuen sich auf den Unterricht bei
dem ehemaligen Gesamtschullehrer, der sich einfühlsam um sie kümmert,
denn ihre Leistungen werden nicht benotet. Kommunikationsprobleme
gibt es nicht. Schon kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland können
sie die ersten Worte der für sie fremden Sprache sprechen. Und so
unterhalten sich die Patienten unterschiedlichster Nationalitäten
auch auf dem Dorfplatz auf Deutsch. Zu kleinen Europäern umerzogen
werden sie während ihres Aufenthalts aber nicht: «Darauf legen wir
ganz großen Wert», sagt Friedensdorf-Sprecherin Heike Bruckmann.

   Nach dem gemeinsamen Mittagessen versuchen manche der Kinder, sich
schnell aus dem Staub zu machen. «Jetzt aber noch die Zähne putzen»,
werden sie beim Herausstürmen aus dem Speisesaal von den Mitarbeitern
erinnert. Kurze Zeit später treffen sich die Kinder auf dem Dorfplatz
an der Rua Hiroshima und überlegen, wie sie den Nachmittag verbringen
könnten. Auf dem Bolzplatz und dem Gelände mit Klettergerüst und
Schaukel ist das Gelächter groß - bis zum Tag des Abschieds. Denn
über alle sprachlichen und religiösen Grenzen hinweg sind sie Freunde
geworden. Und sie wissen genau: Ein Wiedersehen ist unwahrscheinlich.

(Internet: www.friedensdorf.de)


Erstellt: 19.09.2007 16:53

   zurück zur Seite Helferinnen und Helfer, Hilfen und Hilfsmittel